Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
meinung •Streit um Stromversorgung Was ist wichtiger – TikTok oder Munition für die Ukraine?
Liebe Leserin, lieber Leser,
ein Munitionsfabrikant möchte in Norwegen mehr Geschosse für die Ukraine produzieren. Doch ein Rechenzentrum für TikTok nimmt ihm den nötigen Strom weg. Seine Beschwerde beschreibt das Jahr 2023 perfekt.
In was für einer Welt wir eigentlich leben, zeigt sich derzeit fernab der Metropolen und Großstädte, in der kleinen norwegischen Ortschaft Raufoss mit ihren knapp 8000 Einwohnern.
Raufoss ist vor allem für eine Art von Gütern bekannt: Munition, die schon seit Ende des 19. Jahrhunderts dort von der Firma Nammo produziert wird. Aber mittlerweile hat sich in der Region auch eine andere Industrie angesiedelt: Rechenzentren, insbesondere für TikTok. Und wie die »Financial Times« (FT) berichtet , konkurrieren die beiden um eine Ressource: Strom.
Der Chef des Munitionsherstellers fasst diesen Konkurrenzkampf demnach so zusammen: »Wir sehen unser künftiges Wachstum wegen der Speicherung von Katzenvideos gefährdet.«
Abgesehen davon, dass Katzenvideos nicht der primäre, geschweige denn der einzige Inhalt von TikTok sind, hat der Mann durchaus einen Punkt. Tatsächlich bestätigt der örtliche Energieversorger der »FT«, der jetzt noch zu verteilende Strom werde an ein TikTok-Rechenzentrum gehen, einfach, weil es als Erstes den Bedarf angemeldet hat. Nammo hat das Nachsehen. Und damit angeblich auch die Ukraine.
Nach Russlands Überfall nämlich sei in der Ukraine die Nachfrage nach Artilleriegeschossen massiv gestiegen, sagt der CEO. Derzeit feuere das Land rund 6000 Geschosse pro Tag ab, nähme aber auch die zehnfache Menge, wenn es sie denn nur bekäme. Deshalb würde er liebend gern mehr Munition herstellen, könne das aber nicht – weil TikTok ihm den Strom wegnehme.
Die Angaben des CEO mögen leicht übertrieben sein, schließlich rechnete der ukrainische Verteidigungsminister erst kürzlich vor , dass man bei maximaler Auslastung der Geschütze rund 18.000 Artilleriegranaten pro Tag verschießen könnte. Aber Lärm gehört vermutlich zum Geschäft.
Die Situation wird in Zukunft nicht weniger kompliziert. Schließlich möchte auch TikTok wachsen und plant schon für dieses Jahr den Bau von drei Rechenzentren in der Umgebung, mit der Option auf zwei weitere bis 2025. Das Social-Media-Unternehmen bekommt zwar heftigen politischen Gegenwind. Im Wochenrhythmus verbannen westliche Regierungen derzeit die App von allen Behördendiensthandys, und in den USA verlangen Abgeordnete nicht weniger als ein komplettes Verbot der App für alle . Diese Woche erst hat der beim US-Geheimdienst NSA für Cybersicherheit zuständige Direktor Rob Joyce TikTok als »geladene Waffe« und »Trojanisches Pferd« der chinesischen Regierung bezeichnet. Aber all das ändert nichts daran, dass TikTok insbesondere bei jungen Menschen eine rasend beliebte App ist.
Und was sich in Norwegen abspielt, gilt potenziell für viele nördliche Regionen: Wo erneuerbare Energien vergleichsweise leicht zugänglich sind und wo Kühlung schon klimabedingt weniger schwierig ist als im Süden, dürfte es einen Wettlauf um die besten Standorte und ihre Ressourcen geben. Internet- und Cloud-Dienste, Batterieproduzenten, Hersteller von »grünem« Stahl oder eben Munitionsfabrikanten werden sich gegenüberstehen, warnt laut der »FT« nicht nur der Nammo-Chef. Wer den Vorzug bekommt, dürfte auch einiges darüber aussagen, welche Branchen und Industriezweige in Europa als zukunftsträchtig gelten und welche als zweitrangig. Worauf würden Sie Ihr Geld setzen? – Stahl, Artillerie oder Apps für eine Milliarde Menschen?
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Ich wünsche Ihnen stets genug Strom für Katzenvideos