Total digital Die Milia 2000 im Zeichen der "Open Source"
"This is bullshit!", poltert Martin Springer vom Podium herunter und meint damit geschlossene Standards im Technologiebereich. Unter seinem Jackett trägt der hochgewachsene Berliner ein blaues T-Shirt, dessen Rückseite den Quellcode des Programms enthält, das DVDs auf PCs oder DVD-Spielern zum Laufen bringt und der erst kürzlich geknackt wurde. Ganz schön mutig, denn immerhin präsentiert sich Springer auf der diesjährigen Multimediamesse Milia in Cannes, weil er für sein junges Unternehmen Convergence auf der Suche nach Geldgebern ist.
Springer entwickelt Software fürs digitale Fernsehen und das Internet und setzt dabei ganz auf das Computer-Betriebssystem Linux. Sein nächstes Produkt wird eine auf Linux basierte Set-Top Box fürs TV in Zusammenarbeit mit Siemens sein. Womit wir schon beim alles beherrschenden Thema der Milia 2000 wären, an der über 7500 Besucher aus über 50 Ländern teilnahmen: Wie ist es zu schaffen, dass alle digitale Inhalte jederzeit in möglichst viele digitale Endgeräte (Computer, TV, PDAs, Spielekonsolen, Handys, Palms, Uhren .....) fließen?
Dazu braucht man natürlich eine möglichst offene Entwicklungs-Plattform. Was liegt da näher als Linux, dessen Quellcode offen liegt und - via Web - frei verfügbar ist?
Nun schon im siebten Jahr versuchte die Milia vom 14. bis 18. Februar Technologie (Hard- und Software) mit Inhalten (geistige Software) und Geld (Hardware für jede Art Software) zu verknüpfen - kein leichtes Unterfangen. Neben der Ausstellung gab es unzählige Vorträge, Konferenzen und Round-Tables, den "New Talent Pavillion", in dem Studenten ihre interaktiven Projekte vorstellen - dieses Jahr erstmalig das "Venture Capital and Business Partnership Forum" - und, wie es sich für eine anständige Messe gehört, einen Preis, den Milia d'Or. Unter den Nominierten fanden sich auch in diesem Jahr- ganz so, wie man das auch von der "Cannes-Rolle" her gewohnt ist - fast einen Deutschen. Immerhin würdigte die Jury einen deutschen Beitrag mit einem Preis: Der "Kosmos Weltatlas", den United Soft Media zusammen mit dem britischen Unternehmen Dorling Kindersley entwickelt hatte, gewann eine Trophäe im Bereich "DVD-Rom".
Trend: Web-Inhalte gegen Zahlung
Überraschend war die große Anzahl von Online-Unternehmen, die nun doch versuchen wollen, für Web-Inhalte aller Art den Nutzern eine Mark abzunehmen. Ob sie nun Qpass (Seattle), smart axis (London), iPin (San Fancisco), Wave Systems (San Jose) oder Jalda (Schweden), ein Joint-Venture von Ericsson und Hewlett Packard heißen, sie alle bieten Zahlungssysteme für Online-Inhalte an. Das geht bis zum gesamten Inkasso-System für Kleinstbeträge, dem sogenannten Micropayment, beispielsweise für einzelne Lieder von einer CD, bis hin zu geschlossenen Transaktionssystemen für den Business-to-Business-Bereich ("B2B").
Denn dieser wird, da sind sich alle sicher, nach dem Business-to-Consumer-Bereich, der nächste große Verkaufs-Hit im Web werden. Die Milia entwickelt sich also, neben dem angestammten Spiele- und CD-Bereich, nicht nur immer mehr zu einer Messe für Online-Inhalte und -Anwendungen, sondern auch für deren anschließende Vermarktung.
Aber auch für anderes ist Raum in Cannes: Am deutschen Gemeinschaftsstand stellte Thomas Kramer oneview , einen webbasierten Bookmark-Verwalter vor, der analog einer Web-E-Mail funktioniert - Hauptsache, man hat irgendwo Zugang zum Netz.
Microsoft hingegen machte es nicht unter sieben "Evangelisten" (original Titulierung und Katalogeintrag!). Alle im Zeichen von Direct X, Microsofts Programm für Multimedia-Anwendungen auf dem PC, das mit seinen neusten Features wohl bibelfest herruntergebetet werden musste.
Genau getroffen hat den Punkt der Japaner Kohei Asanon. Bei seiner interaktiven Installation "Hand in Hand", die er im "New Talent Pavillion" vorstellte, fließen die farbigen Datenströme nur über den Bildschirm, wenn sich die User an der Hand halten, drücken, berühren. Kunst? Auch - aber erst mal eine ganz neue Art, einen Computer zu steuern!