Transmediale 2008 Vorsicht, Verschwörung!
Wie macht der das? Nur mit seinem rechten Zeigefinger gleitet Julian Maire über ein weißes Blatt Papier auf einer schwarzen Schreibunterlage. Nirgendwo sind Kabel zu sehen, auch Maires Hände sehen nicht ungewöhnlich aus. Wie aus dem Nichts erscheinen Buchstaben an den Stellen, über die der französische Künstler streicht, ganze Sätze. "With a shiver of emotion in the voice record", steht dort zu lesen. Dann wieder einzelne Wörter, mal in großen, mal in kleinen Buchstaben, mal als chinesische Schriftzeichen. Kursiv und im Bogen geschwungen geht auch.
Hat Maire einen Nadeldrucker im Zeigefinger und ist via Bluetooth an den Newsticker einer Presseagentur angeschlossen? Das würde auf der Transmediale niemanden verwundern, wo doch letztes Jahr ein echtes Ohr am Arm des Künstlers Stelarc zu sehen war. Oder ist das Papier mit einer chemischen Tinktur präpariert und reagiert thermodynamisch auf die Hauttemperatur? Dann müsste Maire sich nur verdammt gut merken können, an welchen Stellen der mehr als dreißig beschrifteten Blätter Vorarbeiten geleistet wurden. Man kann so nah herantreten, wie man will, es gibt keine sichtbare Erklärung für die magische Performance "Digit".
Folglich muss es sich um eine Verschwörung handeln "Conspire" lautet schließlich das Thema des diesjährigen Berliner Festivals "für Kunst und digitale Kultur".
"Schon immer bedurfte die Menschheit bestimmter Narrative, um das Unbeschreibliche beschreiben zu können", erklärt Festivalleiter Stephen Kovats den Begriff Konspiration. "Wir brauchen Geschichten, um unsere Fragen beantworten zu können, auch wenn wir die Hintergründe nicht verstehen. Die besten Verschwörungen sind gleichzeitig immer die besten Geschichten."
Faszination Verschwörung
Von Verschwörungstheorien geht eine unglaubliche Faszination aus. Sobald etwas den menschlichen Horizont übersteigt oder es zu widersprüchlichen Informationen kommt, vermuten wir dahinter konspiratives Zusammenwirken mysteriöser Kräfte. Vermeintliche Verschwörungen können als Alibi dienen für politische Machenschaften jeglicher Art, die von Geheimbünden, Nachrichtendiensten, Lobbyisten oder der Mafia in die Welt gesetzt und gelenkt werden. Umgekehrt streuen diese Gruppen widersprüchliche Informationen, um die Absicht hinter ihrer Absicht zu verschleiern.
Am Beispiel von Nine Eleven veranschaulichte die italienische Ökonomin Loretta Napoleoni, wie sich Verschwörungstheorien politisch instrumentalisieren lassen. Nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center habe die amerikanische Regierung gezielt die Angst vor einem irakischen Atomangriff geschürt und einen Angriffskrieg und rigorose Maßnahmen für die innere Sicherheit eingeleitet. "Politik der Angst" nennt Napoleoni die Verunsicherung der Bevölkerung durch Desinformation. In Europa und den USA sei seitdem nicht die Anzahl von Terroranschlägen gestiegen, wohl aber die Zahl der politischen Berater und "Terrorismus-Experten".
Napoleoni: "Das Internet hat die Angst globalisiert und ein Experten-Netzwerk für die politische Legitimation geschaffen."
Trevor Paglens "Symbology": militärische Rangabzeichen. Der Witz daran: Die Einheiten gibt es gar nicht - zumindest offiziell?
Tatsächlich war es noch nie so einfach, Verschwörungstheorien zu lancieren. Ungefiltert geistern Informationen durchs Netz und lassen sich beliebig verstärken. Beim Umweg über traditionelle Medien geben sich wenigstens noch einige Journalisten die Mühe, die Nachrichten zu sondieren. Im Internet besteht häufig keinerlei Gewähr für gesicherte Informationen. Jeder kann hier zündeln und einen konspirativen Flächenbrand entfachen. Für Stephen Kovats resultiert daraus vermehrte Wachsamkeit: "Informationen begegnen uns heute in fünf verschiedenen Versionen. Die Verantwortung dafür, wie wir sie aufnehmen und verarbeiten, nimmt uns keiner ab."
Hinterlistige Medienkunst
Die Transmediale treibt ein hinterlistiges Spiel mit diesem Anspruch. Man könnte ja davon ausgehen, dass Aufklärung, Wahrheit und demokratische Meinungsbildung das Gegenteil von Konspiration sind. Solche hehren Ziele scheint der amerikanische Künstler Trevor Paglen zu verfolgen. Mit seinem Projekt "Symbology" spürt er dem Insignien-Kult beim amerikanischen Militär nach. Jede Gruppe und Abteilung und jedes Militärprogramm hat eigene Abzeichen, die auf die Uniformen geheftet werden. Bloß gibt es mehr Embleme als offiziell vorhandene Programme. Ergo müssen geheimnisvolle Bünde existieren, die im Verborgenen an neuen Waffen, Raketen und Flugzeugen forschen. Gehört hat davon jeder schon einmal. Doch wer sagt einem, dass die Abzeichen von Paglen nicht frei erfunden sind?
Oder die deutsch-österreichische Künstlergruppe Knowbotic Research. Sie entdeckten im Internet ein Propagandavideo der Tamil Tigers, die auf Sri Lanka gewaltsam für die Unabhängigkeit der hinduistischen Minderheit kämpfen. Auf dem Video ist ein vermutlich von Nordkorea finanziertes Schnellboot zu sehen, das in seiner Form an den amerikanischen Stealth-Bomber erinnert, ein Symbol für absolute militärische Überlegenheit. Knowbotic Research baute das Boot nach und filmte, wie es gemächlich einen See durchquert. Das sieht gleichermaßen mysteriös wie komplett albern aus. Die unsichtbare Geheimwaffe versteigerte die Künstlergruppe auf eBay.
Die transmediale 2008 ist noch bis Sonntag, 3. Februar, im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen.