Trickser bei eBay: Preisausschreiben mit Nebenwirkung - DER SPIEGEL
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Trickser bei eBay Preisausschreiben mit Nebenwirkung

Seit dem 7. Dezember versteckt eBay 16 Mal am Tag 1000 Euro, tief verborgen in seinem Angebot. Tausende von Surfern werden da zu Schatzjägern - und manchmal zu Gejagten, denn am virtuellen Wegrand lauern Scherzkekse, Trittbrettfahrer und Trickser.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Leben ist manchmal seltsam: Als "colores12" vor einer Woche zwei kleine Teile für den Kinderkaufladen bei eBay zur Auktion einstellte, wird er wohl kaum mit einem Ansturm auf die exotische Ware gerechnet haben. Sechs Tage und rund 22 Stunden lang konnte auch nicht die Rede davon sein, dass die Plastik-Weintrauben und die kleine Schokoladentafel sonderlich viel Aufmerksamkeit erregten. Dann, um Punkt 10 Uhr am Montagmorgen, geschah etwas - und Hunderte von Surfern sahen sich die kleine Kaufladen-Auktion an.

594 Besucher zählte die Seite um 10.30 Uhr, knapp zehn Minuten später war die Zahl auf 898 gestiegen. Die Gebote für die niedlichen Plastik-Esswaren dagegen blieben im Keller: Knapp fünf Minuten vor Auktionsende stieg der Preis auf bescheidene drei Euro. Kein Zweifel, die Auktion fand ein ungeahntes Interesse, doch für die Ware interessierten sich die Besucher nicht.

Die Gründe für die seltsame Besucher-Stampede hätte "colores12" auf der Homepage von eBay finden können. Dort prangt seit Anfang Dezember eine Werbung für ein attraktives Gewinnspiel: Seit dem 7. Dezember und noch bis Weihnachten verlost eBay jede Stunde von 8 bis 24 Uhr 1.000 Euro Weihnachtsgeld.

Die Regeln

"Wir haben jede Stunde auf einer anderen Artikelseite 'Weihnachtsgeld' versteckt, erklärt eBay die Regeln. "Der Erste, der darauf klickt, bekommt 1.000 Euro auf ein Paypal-Konto überwiesen."

"Hinter" dem Erfolgsklick: Dieses Bild möchten alle sehen

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In der Zeit zwischen 10 und 11 Uhr am Montagmorgen lautete der Hinweis auf diese Gewinnseite folgendermaßen: "Bei Bridget Jones gibt es die zum Frühstück!"

Da schalten Film-Fans doch sofort: Die Antwort ist in dem beknackt eingedeutschten Untertitel des Filmes zu finden - "Schokolade zum Frühstück".

Prompt setzte um 10 Uhr ein Run auf alles ein, was irgendwie schokoladig zu sein schien: Kaufladen-Schokolade, dreidochtige Zierkerzen in Gestalt einer Trinkschokolade (755 Interessenten), fast echt antike Schokoladen-Werbeschilder und - natürlich - alles, was mit Bridget Jones zu tun hat. Eine Auktion fand annähernd 3000 "Interessenten". Am Ende brachte das gute Stück aber trotzdem nur einen Fünfer.

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eBay-Preisausschreiben: Schöne Kerze aber auch

Regelnutzer, -bieger, -brecher

Das aber ist nicht immer so, denn der eBay-Weihnachts-Wahnsinn hat erhebliche Nebenwirkungen. Eine lässt sich am Beispiel der dreidochtigen Kakao-Kerze dokumentieren: Dass solche Geschmacklosigkeiten für 33,50 plus 7 Euro Porto über den virtuellen Ladentisch gehen, dürfte eher selten sein. Da wird das Preisausschreiben zum Verkaufsmotor für Ladenhüter.

Als um 13 Uhr der Hinweis "Die einzig wahre BLUE MAN GROUP!" erschien, schalteten viele sofort auf "Schlumpf!"

Irgendwo in der Kategorie "Sammeln & Seltenes > Figuren > Figuren & Merchandising > Schlümpfe" verbarg sich wohl das Geld-verheißende Symbol. Leicht geriet die Suche danach trotzdem nicht. Zum einen gab es schon vorher über 2000 Schlumpfauktionen bei eBay, zum anderen nimmt deren Zahl seitdem nicht gerade ab: Im Zeitfenster zwischen 13 und 13.10 Uhr begannen 35 neue Schlumpfauktionen, zeitweilig ging es im 30-Sekundentakt so weiter. Bis Montag 15 Uhr hatte sich die Zahl der Schlumpfauktionen netto um rund 300 erhöht.

Nach einer anderen Nebenwirkung braucht man ebenfalls kaum zu suchen: Sobald ein neuer Hinweis veröffentlicht wird, krauchen die Scherzkekse, aber auch die Abzocker, Trittbrettfahrer und Trickser aus ihren Löchern. Im Stundentakt wird das Angebot von eBay mit Angeboten überschwemmt, die versuchen, aus der Preishinweis-Suche Kapital zu schlagen.

Das Spiel mit dem Hinweis

Eine harmlose Variante ist noch die Flut der "Weihnachtsgeld"-Auktionen: Rund 300 davon werben derzeit mit dem Schlagwort, schaffen Aufmerksamkeit für Dinge, die sonst keine finden würden. "Schon die 1000 EUR Weihnachtsgeld gefunden?", fragt da etwa ein Teddybär-Verkäufer und bekommt dann doch die Biege: "Lieber noch schnell was günstiges bei eBay zu Weihnachten ersteigern."

Andere nehmen gleich die Stichworte des stündlichen Hinweises auf, völlig losgelöst vom Zusammenhang mit der eigentlich beworbenen Ware. "Forrest Gump brauchte einige ..." ist so ein Hinweis vom Montagmittag, der in einer Auktion als Köder für den Verkauf von Netzwerk-Überwachungssoftware benutzt wird. Wieder andere verkaufen unter den Preisausschreiben-Stichworten Hausschuhe, Tabaksamen oder Rasierklingen - oder eben Weihnachtsgeld.

"HIER HANDELT ES SICH NICHT UM DAS EBAY GEWINNSPIEL!!!", erklärt ein Scherzkeks auf: "Angeboten wird 100 Cent Weihnachtsgeld! Es befindet sich alles in einem guten Zustand!"

Direkt nach dem ersten Gebot, verspricht er, werde er die Auktion beenden. Startpreis: 10 Euro - als Gegenwert für 100 Cent. Das ist noch nicht einmal ein schlechter Scherz: "P.S. Bitte keine Spaßbieter!"

Wie sollte man sich solche Angebote sonst erklären, als als Versuch, allzu hektische Schatzjäger zum Spontan-Klick - der laut Preisausschreiben ja 1.000 Euro wert sein könnte - zu verführen?

Im zweiten Teil: Dreiste Abzocke bei eBay: Schon Sekunden nach einem neuen Hinweis erscheinen erste Köderangebote. Wie reagiert eBay?

Noch einmal das Beispiel der "Blue Man Group": Natürlich entstanden bereits knapp eine halbe Minute nach Veröffentlichung des neuen Hinweises erste "Blue Man"-Auktionen. Völlig dreist werben einige davon sogar mit Bildmotiven, die aus der eBay-Anzeige zum Preisausschreiben - wenn man es vorsichtig sagen will - "weggefunden" wurden. Text im Bild: "Wahnsinn! Hier sind Sie! Der Gewinner!" Startzeit des Angebotes: 13 Uhr 33 Sekunden.

Wer nun klickt, hat ein Gebot auf eine Lernsoftware abgegeben, mit der man sich beibringen kann, wie man mit Spielkarten Orakel erstellt. Eine Nachfrage von SPIEGEL ONLINE bei eBay führte noch zu keiner Stellungnahme: Eine Unternehmenssprecherin erbittet Beispiele.

Doch natürlich ist das Phänomen der Preisausschreiben-Trickserei auch bei eBay längst bekannt. Erste irritierte Beiträge und Fragen kursierten im Kundenforum schon bald nach Beginn des Gewinnspiels. Zu offensichtlich scheint manche Trickserei.

Im Kundenform: Diskussion seit dem 9.12.2004

"Wie ist es möglich", fragt da einer, "dass manche Verkäufer bereits Angebote reinstellen können mit dem Tipp der folgenden Stunde, obwohl dieser noch gar nicht veröffentlicht wurde?" Die Antwort folgt stante pede: "Die Angebote werden vorher bereits reingesetzt und dann aktuell angepasst."

Und auch, dass manche das Preisausschreiben dazu missbrauchen, mit irreführenden Angeboten Profit zu machen, wird diskutiert. "Robbe_07" ließ sich am 9. Dezember zum Klick verleiten, als ein Verkäufer "100 CENT WEIHNACHTSGELD!!!!!" versteigerte - "Jetzt bieten und Auktion gewinnen!!!"

Zumindest formal kostete der Klick - ein "Sofort Kaufen-Angebot" - 10.000 Euro. Unwahrscheinlich, dass die je gezahlt werden, unbekannt, ob das nun noch ein Scherz war oder wirklich ein versuchter Betrug. Sollte es einer der für die eBay-Szene so typischen Gags gewesen sein, wäre es ein teurer: theoretisch wären nun erst einmal 200 Euro Provision an eBay abzuführen, die so genannte "Verkaufsgebühr". Natürlich erlaubt es eBay, bei so windigen Auktionen Gebote zurück zu ziehen. Doch nicht jeder weiß das.

Auch "festplattenputzer" ist ein Betroffener: "Der Tip war 'Hier kleiden sich die Damen von Dallas ein'. Also gab ich als suchbegriff unter damenbekleidung Dallas und Damen ein...wer weiß und siehe da ich hatte das gewinnspiellogo von ebay. Ich hab sofort draufgeklickt und da ich weiß der schnellste gewinnt hab ich leider auch ein gebot abgegeben. Danach ist mir aufgefallen das auf dem Bild vom Gewinnspiel (was das orginalbild ist) wenn man es vergrößert zu lesen ist 'Dies hat nichts mit dem Gewinnspiel von ebay zu tun.' Ich finde das ne Sauerei wie hier manche versuchen die Leute abzuzocken. Ich habe die Sache ebay gemeldet und überlege mir nun Strafanzeige wegen Betruges gegen die Person einzuleiten."

Die Sicht des Unternehmens

Daphne Rauch betreut in der Unternehmenskommunikation von eBay das Thema Preisausschreiben - und natürlich weiß sie von Fällen wie den geschilderten. Sie weiß aber auch, "dass einige von den angesprochenen Auktionen bereits aus dem Angebot entfernt wurden". Konkrete Hinweise auf solche Dinge verfolge man bei eBay natürlich sofort. So eindeutige Fälle wie der Betrug unter Verwendung des originalen eBay-Bildes verschwinden entsprechend schnell wieder.

Dabei wäre es durchaus auch möglich, Preisausschreiben und Gelegenheit beim Schopf zu packen, um unter den windigeren Kunden einmal ein wenig aufzuräumen (auch eine Art Gewinn vor Weihnachten). Zu finden sind sie ja sehr leicht: Man wartet einfach eine volle Stunde ab und gibt Stichworte aus dem frischen Preisausschreiben-Hinweis oder aber die Antwort auf die Hinweisfrage in die Suchmaske ein. Die folgenden Suchergebnisse sortiert man nach dem Kriterium "neu eingestellt". Dann wartet man zehn Minuten und aktualisiert die Seite. In aller Regel gibt das ein "Bingo".

Doch so einfach ist das nicht mehr für ein Unternehmen von eBays Größe, das eben auch zahlreichen Regeln unterworfen ist. Rauch: "Wir müssen uns jede bemängelte Auktion einzeln ansehen, bevor wir tätig werden können." Zugleich setze eBay aber nach wie vor auf die Selbstregulierungskräfte der Plattform: "Sie sehen ja, wie viele Leute im Forum über solche Sachen debattieren." So etwas, glaubt Rauch, trage dann dazu bei, entstandene Probleme zu lösen - denn von solchen Diskussionen erfahre dann auch der Kundenservice.

Genauso hatte sich eBay-Gründer Pierre Omidyar das einst gedacht: Ein Unternehmen auch dadurch schlank halten zu können, dass sich die Dinge in Kooperation mit der Community selbst regeln.

Die kennt ihre "Notbremsen" für den Fall der Fälle tatsächlich gut. Wenn nichts passiert, eBay auf Beschwerden nicht reagiert, lassen sich sogar die Automatismen des Systems nutzen. "Dann biete ich einfach 10 Millionen", sagt ein eBayer, "und die Auktion fliegt raus."
Er allerdings auch.