Twitter-Chef "Unser Umgang mit Trollen ist mies"
Twitter-Chef Dick Costolo: "Wir verlieren einen wichtigen User nach dem anderen"
Foto: Sebastien Nogier/ picture alliance / dpaDer Late-Night-Talker Jimmy Kimmel hat das Phänomen schon in ein Comedy-Format verwandelt. "Celebrities read mean Tweets" heißt eine mittlerweile achtteilige Serie in seiner Show, in der US-Prominente direkt an sie selbst gerichtete Hass- und Spottbotschaften aus dem Social Network Twitter vorlesen . "Gwyneth Paltrow, du arschhässliche, wie Big Bird aussehende Schlampe, halt verdammt noch mal das Maul", oder "Ich habe das Gefühl, Britney Spears stalkt mich im Radio. Hör auf, mir deinen Dreck aufzuzwingen, du abgehalfterte Schabracke". Stirnrunzelnd oder lachend vorgetragen von den Angesprochenen.
In dieser Form ist das sogar ziemlich komisch, oft aber verursachen all die Trolle und Stalker bei Twitter viel Leid. Dass die Opfer solcher Online-Aggression häufig nicht die erforderliche Hilfe vom Plattformbetreiber erhielten, hat Twitter-Chef Dick Costolo jetzt selbst eingestanden und gelobt, sich selbst um Abhilfe zu Bemühen.
"The Verge" berichtet von einem internen Memo, das Costolo an alle Twitter-Mitarbeiter sandte und in dem er zu den andauernden Problemen durch Belästigungen und Missbrauch auf der Plattform Stellung nahm. Die sich auf Twitter tummelnden Trolle würden Nutzer von der Plattform vertreiben schrieb er: "Unser Umgang mit Missbrauch und Trollen ist mies, und das schon seit Jahren... Wir verlieren einen wichtigen User nach dem anderen, weil wir nicht einmal die einfachsten Troll-Probleme angehen, mit denen sie es jeden Tag zu tun haben."
Der konkrete Anlass für Costolos Selbstbezichtigung war ein aktueller Fall. Die amerikanische Autorin und fleißige Twitter-Nutzerin Lindy West wird regelmäßig Ziel von Troll-Attacken. Zuletzt hatten die Quälgeister ein Twitter-Profil auf den Namen von Wests kürzlich verstorbenem Vater eingerichtet und begonnen, bösartige Kommentare über sie zu veröffentlichen. Am Montag hatte sie im "Guardian" darüber berichtet .
"Wir werden diese Leute rauswerfen"
Daraufhin fragte ein Twitter-Angestellter im Firmenforum, ob Twitter nicht mehr gegen Cybermobbing tun könne. In seiner Antwort übernahm Costolo die volle, persönliche Verantwortung für die angesprochenen Versäumnisse. Er sei zutiefst beschämt, wie schlecht Twitter während seiner Amtszeit als Chef mit diesem Problem umgegangen sei. Dafür gebe es keine Entschuldigung.
Costolo kündigte konkrete Maßnahmen gegen aggressive Trolle an: "Wir werden anfangen, diese Leute rauszuwerfen und sicherzustellen, dass sie niemand hört, wenn sie ihre lächerlichen Angriffe fahren."
Das Phänomen von Online-Belästigungen sei keineswegs neu, merkt "Cnet" an. Aber in jüngerer Zeit habe die öffentliche Aufmerksamkeit für diese unschönen Aspekte des Internets deutlich zugenommen. Nach dem Tod von Robin Williams führten bösartige Tweets an seine Tochter dazu, dass sie sich von Twitter verabschiedete. Und nachdem Anita Sarkeesian im Sommer 2014 auf Rollenklischees bei Videospielen aufmerksam gemacht hatte, wurde sie von einer Hasswelle bis hin zu Morddrohungen überrollt, die sie aus ihrer Wohnung flüchten ließen. Erst kürzlich veröffentlichte sie eine Aufstellung der schlimmsten Hass-Tweets , von "du verabscheuungswürdige Hure" bis hin zu "ich wünschte, ich könnte Sex mit dir haben und dich dann mit meinem Auto überfahren".
Immerhin hatte Twitter im Dezember 2014 eine Melde-Funktion eingeführt , mit der Nutzer auf "missbräuchliches Verhalten" anderer Nutzer hinweisen können. So können beispielsweise Nachrichten gemeldet werden, die als Belästigung empfunden werden.
Trotz aller offensichtlicher Schwierigkeiten, der Trolle Herr zu werden, scheint der Zuspruch fürs Netzwerk bislang ungebrochen. Twitter selbst gibt an, über 284 Millionen aktive Nutzer zu verfügen, die jeden Tag 500 Millionen Tweets absetzen.