Eine Frau wird in Wien überfallen – nun sammeln Frauen Tipps, wie sie sich nachts auf dem Heimweg schützen
Dieser Beitrag wurde am 06.02.2019 auf bento.de veröffentlicht.
Den Schlüssel zwischen die Finger, straffer Schritt, Fake-telefonieren: Das sind drei Standard-Tricks, mit denen sich viele Frauen in dunklen Parks, auf Straßen, Parkplätzen sicherer fühlen. (bento) Viele kennen Übergriffe und ungewünschte Anmachen nachts auf dem Heimweg. Und wollen sich mit kleinen Hilfen schützen.
Von der Wahl der Schuhe bis zur Frage, welcher Platz in der S-Bahn der sicherste ist – Frauen müssen immer wieder solche Entscheidungen aus Angst fällen.
Eine Diskussion auf Twitter zeigt jetzt, dass das nur ein kleiner Ausschnitt ist. Wir haben mit der Twitter-Nutzerin gesprochen, die die Diskussion gestartet hat: Natascha aus Wien.
In Österreich tobt gerade eine Debatte um Gewalt gegen Frauen, nachdem eine junge Frau an den Haaren aus einer Wiener Bar gezogen und auf die Straße gestoßen worden sein soll. Sie war mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus gelandet. (Oe24 )
Außerdem hat es in Österreich seit Jahresbeginn bereits fünf Morde an Frauen gegeben und die Hilfetelefone für Frauen verzeichnen einen "enormen Anstieg" von Anrufen besorgter Frauen. (ARD )
Dann wurde ein Foto des Täters ins Internet gestellt und plötzlich ging es nur noch darum: Durfte man das zeigen?
Natascha hat sich darüber geärgert und wollte auf Twitter wieder auf das zurückkommen, was sie und ihre Freundinnen seit Tagen beschäftigt: Gewalt gegen Frauen und die Sicherheit von Frauen, transsexuellen Menschen oder nicht-binären Personen in Bars, auf Parkplätzen und Straßen.
Sie startete einen Aufruf:
Liebe Frauen, Trans-Personen und nichtbinäre Personen; erzählt mir doch mal welche Vorsichtsmaßnahmen ihr trefft, wenn ihr abends oder allein aus der Wohnung geht. Obwohl ein Übergriff nie eure Schuld ist. Obwohl wir in einem sehr sicheren Land/Stadt leben.
— Natascha Strobl (@Natascha_Strobl) February 5, 2019
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Die Antworten:
- Verena schreibt, sie mache vor Treffen "genaue Zeitangaben" und empfiehlt Schutzmaßnahmen:
- Trillerpfeife am Schlüssel
— verena bogner (@verenabgnr) February 5, 2019
- Schlüssel zwischen den Fingern
- Kopfhörer drin, aber ohne Musik
- recht genaue Zeitangaben
- ich drücke die Eingangstür meines Hauses immer aktiv hinter mir zu und lasse sie nicht langsam zufallen
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- "Erdbeerblond" fährt Auto "wenn möglich, sonst Taxigeld parat haben". Und weiter: "Nie allein
ausgehen. Resting bitch face. Auf Anrede neutral bis abweisend
reagieren:"
- "Die_Liser" schaut "nach dem nächsten Lokal / Bar / Restaurant wo man reinflüchten könnte" und trägt "keine großen Schals um das Blickfeld zu behalten":
- Die Nutzerin Birgit zeigt ihren Kubotan: "Eine "Waffe". Fester Stab mit fieser Spitze. Hab dazu einen eigenen Kurs gemacht, auch beim Polizeisportverein."
Ich hab auch einen Kubotan pic.twitter.com/X8avs8BaoL
— @dieseBirgitz (@dieseBirgitz) February 5, 2019
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Es wird klar: Viele Frauen schränken sich sehr ein, um sich sicher zu fühlen.
Wir haben mit Natascha, die den Thread gestartet hat, gesprochen. Sie ist 33, lebt in Wien und ist Angestellte in der Öffentlichkeitsarbeit im sozialen Bereich.
Warum hast du auf Twitter nach Sicherheits-Hacks von Frauen gefragt?
Nach dem Vorfall in Wien kursierte das Foto des Täters im Netz und plötzlich ging es nur noch um ihn. Viele Frauen in meiner Umgebung waren aber noch davon betroffen, was der Frau geschehen ist, weil wir jeden Tag mit dem Thema Sicherheit konfrontiert sind. Ich wollte, dass wieder darüber diskutiert wird.
Wie waren die Rückmeldungen?
Ganz viele der Maßnahmen kannte ich natürlich, da war eigentlich nichts dabei, was mir neu war. Einige treffen gar keine bestimmten Vorsichtsmaßnahmen. Das fand ich auch super, denn so sollte es ja eigentlich sein, dass das nicht notwendig ist. Was mich überrascht hat, waren die Geschichten.
Von konkreten Übergriffen?
Ja, wir haben diese Sicherheitsmaßnahmen ja internalisiert, seit unserer Kindheit, dachte ich. Viele haben aber auch von realen
Vorfällen erzählt. Zum Beispiel dass sie die Tür hinter sich zumachen, weil
sich schon oft jemand hinter ihnen ins Haus gedrückt hat.
Was machst du selbst, um dich zu schützen?
Ich habe Pfefferspray dabei, keine Kopfhörer abends in den Ohren, gebe Mann, Freunden und Freundinnen oder meinen Eltern Bescheid, wann ich wo bin und schaue mir meine Umgebung sehr genau an, um sofort reagieren zu können.
Du sagst, du wolltest keine Empowerment-Tipps sammeln, sondern bist sogar deprimiert von dem Ergebnis.
Das ist schwierig. Es wurde zum Beispiel eine App empfohlen, die einen nach Hause 'begleitet' und ich bin froh, dass es sowas gibt und dass es Leuten hilft. Aber es sollten nicht wir sein, die sich schützen müssen. Es ist eigentlich traurig, dass wir das Gefühl haben, das machen zu müssen.
Was meinst du, müsste sich tun, damit du dich sicherer fühlst?
Dass man zukünftig Frauen,
Transpersonen und nicht-binäre Menschen ins Zentrum stellt – nicht die Täter. Dass es gehört
wird, was wir sagen, worüber wir uns Sorgen machen. Es ist auch wichtig, wie wir
Kinder erziehen, vor allem Jungs. Und ich will konkrete Maßnahmen: Die Polizei, die für Fälle sexualisierter Gewalt trainiert
ist, Menschen in Bars und Restaurants, die eingreifen. Selbst Straßenlaternen helfen.
Die Debatte zeigt, was es für viele Frauen und transsexuelle Menschen bedeutet, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen.
Sie zeigt aber auch: Sie sind nicht allein. Wenn jemand nachts auf dem Heimweg extra laut telefoniert, ist das keine paranoide Macke, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems. Bis das gelöst ist, helfen die Tipps unter Nataschas Tweet.