Zeitungsdebatte Buzzfeed und Götterdämmerung
Der Journalismus lebe, sagt der Springer-Manager Ulrich Machold, gerade jetzt, wo das Medium Internet anfange, eine eigene Sprache auszubilden. Die Verlage könnten in diesen Zeiten nur dann eine Rolle spielen, wenn sie mutig seien.
In der neuen Welt der Nachrichtenschwemme, wo jeder twittern und bloggen kann und kein Scoop lange einer ist, haben die Journalisten zumindest eines noch exklusiv: die Angst vor dem Weltuntergang.
In den Redaktionen fragt man sich bang: "Die Zeitung stirbt, das ist furchtbar, was soll nur aus uns, aus der aufgeklärten Öffentlichkeit, aus dem ganzen Land werden?"
Außerhalb der Redaktionen fragt man sich eher: "Na und?"
So muss man das sehen - zumindest ist wenig von Demos oder Sitzblockaden vor Redaktionsgebäuden bekannt, wenn wieder einmal Personal eingespart oder gleich ein ganzes Objekt dichtgemacht wird. Das Produkt, das gute hundert Jahre lang eine Lizenz zum Gelddrucken und eine Säule des demokratischen Diskurses war, trifft offensichtlich auf galoppierende Gleichgültigkeit. Gibt es Zeitungen - okay. Gibt es keine mehr - auch nicht schlimm.
Die Ankunft des Internet ist wie die Erfindung der Druckerpresse und die Entdeckung der Elektrizität, auf einen Schlag und im Zeitraffer. Nicht nur die Medienwelt wird nie mehr so sein wie zuvor. Ein neues Massenmedium verändert immer auch Kultur, Sprache und die Parameter einer Gesellschaft. (Wer das nicht glaubt, möge sich daran erinnern, was das Fernsehen nicht nur mit der Politik gemacht hat.) In zehn Jahren wird der öffentliche Raum nicht wiederzuerkennen sein.
Wozu der Bombast? Um klar zu machen, wie einigermaßen hanebüchen der Gedanke ist, die Zeitung könne so einen Epochenwandel unbeschadet überstehen. Wahrscheinlich ist es, im Gegenteil, sogar die Fixierung vieler Medienleute auf das Produkt, das Gedankengebäude Zeitung, die den größten Schaden anrichtet. Weil dessen Probleme den Blick darauf verstellen, was schon an Neuem lebt und an Möglichkeiten entsteht, gerade auch für Qualitätsjournalismus, wie immer man den definieren möchte. Weil die Frage gar nicht ist, wie sich das Konstrukt Zeitung retten lässt - sondern wie das Prinzip Zeitung in der digitalen Welt aussehen kann. Und diese Aussichten sind tatsächlich besser, als das noch vor zwei oder drei Jahren der Fall war.
Die geneigte Kundschaft ist viel weiter als die Journalisten. Sie richtet sich in einer Welt ein, die anders aussieht und funktioniert - und auch deshalb hat sie ganz offenbar nicht den Eindruck, das, was ihr bislang die Zeitung brachte, in Zukunft nicht mehr bekommen zu können.
Der Online-Journalismus hingegen bewegt sich bislang fast überall auf dem Niveau des Fernsehens in den fünfziger Jahren: Man macht Radio und hält mit einer Kamera drauf. Zeitungs-Websites sehen in weiten Teilen immer noch aus wie eine Zeitung hinter Glas - Foto, Überschrift, mehr oder minder lange Texte in mehr oder minder gelungenem Tonfall. Auf mobilen Geräten wie Smartphones ist das viel zu oft auch noch grässlich anzuschauen.
Aber wie das Fernsehen bildet auch das Netz eine eigene Sprache aus. Die gehirnzermalmende Hitlisten-, Katzen- und zunehmend auch News-Website Buzzfeed etwa macht vor, wie Artikel sein müssen, damit Leser sie freiwillig auf die eigene Facebook-Seite stellen. Um zu sagen: "Ist das nicht toll? Und ich hab's zuerst gesehen!" Zu Ende gedacht ist das ein Stück der Funktion als sozialer Marker, die früher die "Süddeutsche" in der U-Bahn hatte (Signal: "Der ist nicht dumm, nicht arm, gemäßigt weltoffen und wählt wahrscheinlich Grüne oder SPD").
"Buzzfeed": "Ist das nicht toll?"
Es mag irre klingen, aber könnte man so auch das Feuilleton der "FAZ" machen? Kann man klug über Castorfs Bayreuther Inszenierungen berichten, ohne dass das am Ende die Form eines Textblocks mit einem Foto von Brünnhilde drüber annimmt? Wahrscheinlich ja.
Das großartige Experiment "Firestorm" des britischen "Guardian" zeigt, wie sich die Text/Foto-Kombination der alten Zeitung in Präsenz, Nähe und Didaktik für sehr lange Geschichten verwandeln lässt, wie es sie auf Papier nie geben könnte. Und in den USA (man soll nicht immer nach Amerika schielen, aber hier lässt es sich nicht vermeiden) probieren Apps wie Cir.ca umgekehrt aus, wie sich aus sehr wenig Text plus Fotos, Landkarten und Zitaten Nachrichtenstücke zusammensetzen lassen, die man auf dem Telefon tatsächlich gern liest, weil sie genau dafür gemacht sind.
All das sind Gehversuche, Aspekte, nichts davon der Weisheit letzter Schluss, vieles noch Freakshow - aber es ist Journalismus. Oder, anders gesagt, es könnten Formen eines neuen, digitalen Journalismus sein, für den man sogar Geld verlangen kann, Mehrwert, Begeisterndes, Paid Content im besten Sinn. Mit dem, was deutsche Zeitungen digital so tun, haben sie wenig gemein. Aber muss das so bleiben? Das Wehklagen, es nahe das Ende des Journalismus, hat viel mit Bequemlichkeit zu tun.
Das gilt auch fürs Kommerzielle. Dass Bezahlmodelle im Internet prinzipiell funktionieren können, ist mittlerweile eine ziemlich ausgemachte Sache (man muss nicht einmal mehr das Beispiel der "New York Times" bemühen). Nun kann man sich stundenlang streiten, ob zwei, drei oder vier Prozent zahlende Online-Leser viel oder wenig oder genug sind. Aber das Modell steht ganz am Anfang. Und wenn man sich vorstellt, dass in ein paar Jahren fünf Prozent der User vielleicht zehn Euro im Monat bezahlen, dann sind das zumindest für die großen Marken Summen, mit denen sich schon eine Menge Journalismus machen lässt.
Davon abgesehen lassen zumindest die stetig steigenden User-Zahlen vermuten, dass die 90 oder 95 Prozent der Leser, die nicht für Journalismus zahlen wollen, trotzdem auf Zeitungs-Websites kommen, solange sie sich dort umsonst orientieren und unterhalten können. Lässt sich jenseits von Werbung, die ein umfangreiches, redaktionelles Angebot fast nie tragen kann, Geld mit ihnen verdienen? Mit Spielen, mit Shops, mit Live-Events, mit Videorechten, je nach Marke, je nach Interesse? Höchstwahrscheinlich ist die Antwort darauf in vielen Fällen ebenfalls: ja.
Dabei ist es wahlweise putzig oder heuchlerisch, in solchen Dingen nun aber wirklich die Mutation des Journalismus in ein digitales Kaufhaus mit angeschlossenem Redaktionsbetrieb zu sehen. Schon allein, weil Journalismus schon immer ein quersubventioniertes Gewerbe war - die Leute kauften ihn nicht, und die Verlage verkauften ihn auch nicht wirklich. Die allermeisten Zeitungsleser erwarben ein Blatt, um sich zu zerstreuen und in der Welt zu verorten. Sport, Rätsel, Vermischtes, Todesanzeigen, ein bisschen Innenpolitik, fertig.
Das Feuilleton, die Außenpolitik, der ganze Kern des "Qualitätsjournalismus" - das weiß, wer sich schon einmal Copytests angeschaut hat - war nur wenigen sehr wichtig. Aber die durchblätternde Mehrheit hatte keine Wahl, und deshalb subventionierten neun Rätsel-Fans eben den einen Leser, dem das Korrespondentenbüro in Kairo echten Mehrwert brachte. Auch den Auto-Teil der "FAS", so steht zu vermuten, gibt es nicht hauptsächlich wegen des brennenden Interesses der Leserschaft an Testfahrten. Solange Redaktion und Geschäft getrennt bleiben, ist das auch in anderer Form legitim.
Das Meta-Narrativ Zeitung, die Definition der Wirklichkeit durch ein paar privilegierte Menschen in Redaktionsstuben, stirbt tatsächlich. Aber das Prinzip Zeitung, ihre Funktion als Erklärer, Erzähler, als unterhaltsamer Begleiter, der auch Unerwartetes dabei hat - kurz, der Journalismus - muss nicht mit ihm sterben. Man braucht ihn nicht mehr, man muss ihn jetzt wollen, und das macht alles viel schwerer. Er muss der Versuchung widerstehen, sich durch die ständige Popularitätsprüfung der Online-Welt in reine Unterhaltung zu verwandeln. Journalismus muss anders werden, interessanter, besser auch inhaltlich, weniger austauschbar. Aber alles in allem gibt es keinen strukturellen Grund, warum das nicht hinzubekommen sein sollte. Sondern immer mehr Gegenbeispiele, die Mut machen.
Das bedeutet nicht, dass die Zeitungsmacher es hinbekommen werden. Die Nachfrage für Dinge vorherzusagen, die es noch nicht gibt, ist eine einigermaßen komplizierte Sache. Manchmal erweisen sich gerade die auf den ersten Blick irrationalen Ideen als die besten - und Unternehmen sind vor allem darin sehr gut, irrationale Aktivitäten ihrer Angestellten zu verhindern. Und dauern können solche Zeiten auch: Bis die Erfindung der Druckerpresse sich durch Europa gefressen, bis das Buch die Gesellschaft völlig verändert und das Meinungsmonopol der Kirche hinweggefegt hatte, vergingen grob geschätzt 100 Jahre. Das Internet scheint da zum Glück effizienter zu sein.
Auch die Leser, die User, die Kunden, wie man will, brauchen Zeit. Sie scheinen recht gut zu wissen, was sie nicht mehr wollen - aber wie genau sie mit dem neuen Medium umgehen werden, lernen sie erst. Airbnb war gefühlt die 50. Webseite, mit der man die eigene Wohnung an Touristen vermieten konnte. Aber sie funktionierte, weil das Timing stimmte. Weil die Menschen genug Vertrauen in das Medium Internet gefasst hatten, um irgendwelchen Online-Kontakten eine so heikle Transaktion anzuvertrauen. Mit Paid Content, Bezahlmodellen, den neuen Formen und der Sprache des Journalismus im Netz ist es nur auf den ersten Blick ganz anders.
Aus den Anfangstagen der Telegrafie ist die Geschichte einer Dame überliefert, die mit einem Fass Sauerkraut in ein Amt in Karlsruhe marschierte. Es sollte an ihren Sohn in Rastatt gehen; sie hatte gehört, dass man mit der komischen Maschine etwas verschicken konnte. Man hätte das als Zeichen werten können, dass sich mit so einer blödsinnigen Technik nichts Substantielles anfangen ließ.
Aber clever wäre das nicht gewesen.