Unkenruf: Jetzt weniger zum gleichen Preis? - DER SPIEGEL
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Unkenruf Jetzt weniger zum gleichen Preis?

Eine der Auflagen der EU-Kartellwächter gegen Microsoft verlangt, den Kunden auf Wunsch ein Windows zur Verfügung zu stellen, das keinen Mediplayer mehr vorinstalliert hat. Bisher gibt es natürlich keine Nachfrage. Warum das so ist, müsste man den Kartellwächtern mal ganz ruhig erklären.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die PC-Hersteller Medion und Fujitsu-Siemens, berichten heute die Nachrichtenagenturen, sehen wenig Marktchancen für die von der EU-Wettbewerbsbehörde vorgeschriebene Sparversion von Microsoft Windows. Die Agenturen greifen einen Bericht der "Financial Times Deutschland auf", die da wohl wirklich nachgefragt hat: Im Augenblick ist wenig los im IT-Land. "Wir könnten natürlich liefern, aber bislang haben wir keine Anfragen nach Windows ohne Media Player", sagte demnach eine Sprecherin von Fujitsu-Siemens der "Financial Times Deutschland".

Ach?
Nicht?

Natürlich nicht. Man müsste als Kunde doch mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn man freiwillig zum Preis der Vollversion eine abgespeckte Programmversion bestellte, die nicht dafür eingerichtet ist, Videos zu zeigen oder Sounddateien abspielen zu können. Hersteller und Händler könnte man vielleicht noch verpflichten, so ein Produkt anzubieten - aber wie sollte man die Kunden zum Kauf zwingen?

Dass so eine teilamputierte Version nun seit dem 19. Januar prinzipiell im Handel ist (oder sein sollte), geht auf eine Entscheidung der EU-Kartellwächter zurück. Die EU-Kommission hatte nämlich befürchtet, dass Microsoft sein Windows-Monopol dazu missbrauchen könnte, eine dominante Position im Medienmarkt zu erlangen. Das haben die scharf beobachtet und - nach EU-beamtischen Maßstäben - auch umgehend darauf reagiert.

Im dritten Buch von Jonathan Swifts "Gullivers Reisen" trifft Gulliver übrigens auf so wahnsinnige wie weise Wissenschaftler, die in einer Art Wolkenkuckucksheim leben. Sie sind von den normalen Geschäften der Menschen (und jeder Form normalen Denkens und Kommunizierens) dermaßen weit entfernt, dass sie inmitten ihrer gelehrten Monologe immer wieder einmal einnicken. Wie in Brüssel.

Bei Swift jedoch hat jeder dieser entrückten Schnarchzapfen einen so genannten "Flapper" hinter sich stehen, der ihm sofort, wenn er einnickt, mit einem an einer langen Holzstange befestigten Ledersack kräftig eins überbrät. Das macht wach!

Es hilft aber nur dann, wenn das "Hallo wach!" rechtzeitig erfolgt. Die Absicht der EU-Kommission war ja eine durchaus löbliche. Die Kartellbehörden wollten mit Hilfe der zusätzlichen Windows-Version den Wettbewerb stärken. Das aber, warnen nun "FTD" und die Nachrichtenagenturen, drohe ins Leere zu laufen.

Natürlich tut es das

Der Gag ist ja, dass sich Mitbewerber von Microsoft schon vor Jahren regelrecht aus dem Markt gedrängt fühlten. Microsoft machte den immer kräftiger ausgestatteten Mediaplayer zum vorinstallierten Bestandteil des Windows-Paketes. Sprich: Die Käufer fanden ein Abspielprogramm auf ihrem Rechner vor, das mit den meisten Dateiformaten zurechtkam. Warum sollte noch jemand ein Konkurrenzprogramm installieren (geschweige denn kaufen)?

Das alles geschah zu einem Zeitpunkt, als Microsoft längst gut 90 Prozent des Marktes beherrschte (heute kann man bei Personal Computer locker noch fünf Prozent drauflegen). Sprich: Das Kind lag längst im Brunnen.

Wenn durch die "Windows nonmedial"-Version irgendetwas hätte bewirkt werden sollen, dann hätte man nicht nur den Mediaplayer entfernen, sondern Microsoft zudem zwangsverpflichten müssen, stattdessen Konkurrenzprodukte vorzuinstallieren. Aber mit welchem Recht und wozu?

Denn selbst damit wäre niemandem gedient. Unzählige Programme greifen heute für das Abspielen von Multimediadateien "default" auf den Mediaplayer zurück. Seit Mediplayer 8 konkurriert das Programm zudem mit Brennsoftware, kürzlich wurde es für die MSN-Musikshops mit Shoppingfunktionen aufgebohrt. Von kommerziellen PC-Spielen bis zur Vorschaufunktion von KaZaA, nichts würde mehr richtig funktionieren ohne lästige Nachinstallation. Was da installiert würde, dürfte auch klar sein: der neueste Windows Mediaplayer. Ganz ohne das Ding gehts nicht mehr in der multimedialen Windows-Welt.

Wer A sagt...

Man muss Microsofts Programme ja nicht mögen, man kann und sollte vielleicht sogar wo immer möglich auf Software-Alternativen zurückgreifen, um den weltweiten quasi-Monopolisten nicht weiter zu stärken. Aber man kann seine längst zum Standard gewordenen Programme auch nicht mehr per Dekret wegwünschen.

Die IT-Welt ist extrem schnelllebig, bürokratische Entscheidungsprozesse sind da eher bedächtig. Erstmals ventilierte die EU-Kommission ihre Absichten, Microsoft durch die Kartellwächter überprüfen zu lassen, im November 1999. Im Februar 2000 begann dann das Verfahren, das Brüssel im August 2001 um eine Überprüfung des Mediaplayers erweiterte.

In der Zeit, in der Brüssel über ein Programm berät, bringt Microsoft locker fünf Nachfolgegenerationen heraus. Effektive Maßnahmen wären vielleicht innerhalb von vier Wochen möglich gewesen, aber nicht nach vier Jahren Verhandlungen. Das aber wird keine noch so schnelle Kartellbehörde je hinbekommen, da sorgen allein schon die Firmenanwälte für.

Die einzige Kraft, die IT-Monopole also verhindern oder brechen könnte, wäre eine Kundschaft, die bewusst mit der Materie umgeht. Es ist Microsofts Glück, dass es solche Kunden anscheinend nur selten gibt - und selbst die würden die abgespeckte Windows-Version wohl kaum kaufen. Fazit: Nett gemeint, liebe Kartellwächter, aber völlig realitätsfern. "Windows nonmedial" wird wohl wirklich kein Verkaufsschlager.

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