Uru: Die Zeit nach Myst - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Uru Die Zeit nach Myst

Irgendwie waren sie wie Fotoalben aus mythischen Zeiten, Erinnerungen an unfassbar exotische Reisen anderer Leute: Myst, Riven und Exile begründeten ein ganz eigenes Spiel-Genre. Auch bei Uru, dem neuesten Teil, geht es darum, eine fremde Welt zu enträtseln, doch diesmal läuft der Spieler selbst – und trifft Kollegen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ja, sagt Rand Miller, Mastermind hinter der Myst-Serie, Uru sei einwandfrei das beste Spiel bisher. Ja, sagt Josh Staub, Art Director von Cyan, das sei so. Ja, sagt Tim Larkin, Toningenieur der Produktionsfirma, "überlegen" sei Uru, setze die neuesten Techniken ein.

Es ist zehn Jahre her, dass Cyan mit Myst ein völlig eigenes Spielegenre begründete. Eine Art besinnlicher Trip war das, eine Reise ins geheimnisvolle Nimmerland, eine Tour durch die Träume eines Anderen. Myst und Riven kamen daher wie Erinnerungsalben an eine Entdeckungsreise, untermalt von einem stets kraftvollen, meditativen Soundtrack.

Da trieben die Ego-Shooter unter den Spielern Pickel, während ganz neue Zielgruppen den Weg in den Laden fanden: Nie zuvor hatte sich ein Spiel mit so viel Poesie und so wenig Action so gut verkauft. Bis heute gilt die Myst-Serie als eine der erfolgreichsten Spieleserien überhaupt.

Die geht nun in ihre vierte Auflage - und alles ist anders.

Uru, seit kurzem im Verkauf, ist kein Fotoalbum mehr, es ist ein Film. Der Spieler bewegt einen Avatar durch Rand Millers Traumwelten, und wer bisher Bewegung vermisste, bekommt sie nun nonstop. Die Welt von Uru ist eine "Echtzeit-Umgebung", in der sich der Spieler frei bewegt. Ja, noch immer lebt das von den traumhaften Szenarien, noch immer fordert das Spiel den Kopf des Spielers: Kernstück aller Myst-Geschichten sind die zahlreichen optischen und akustischen Rätsel, die den eigentlichen Spielspaß ausmachen.

Myst trifft Sims trifft Lara Croft

Doch die freie Bewegung im Raum fordert auch ihren Tribut. Weniger reich und opulent sind die einzelnen Bilder, weniger detailverliebt und fotorealistisch. Uru ist eine merklich computergenerierte Welt, während gerade der optisch stärkste Teil "Riven" den Spieler damit verblüffte, genau so nicht auszusehen. Myst hatte den Appeal einer Kreidezeichnung, eines Aquarells, Riven bot Fotos aus einem anderen Universum, Exile mehr Schärfe und Farben und bereits merklich mehr Bewegung. Uru ist der konsequente nächste Schritt auf diesem Weg - gefallen wird das vielen, aber nicht allen Fans.

Denn es hat sein Für und Wider. Was schwach war an den drei Vorgängern war vor allem das eigentümliche Gefühl, sich in einer leeren Welt zu bewegen, das sich im Verlauf des Spieles einstellte: Da bewegten sich ab und zu Maschinen, Käfer krabbelten, Wasser plätscherte, Vögel flogen - sonst kaum etwas. Liebhaber genossen gerade das, die Einsamkeit, in der kaum etwas von der Konzentration auf die Denkspiele ablenkte. Andere Spieler fanden es auf Dauer ermüdend.

Jetzt ist das anders: Vieles bewegt sich, nicht zuletzt der Spieler selbst. Dafür tut er das wie Lara Croft: Es ist, als hätte sich die krauchende, kletternde, rennende Archäologin nach Riven verirrt.

Ist das gut?

Der Abschied von alten, lieb gewonnenen Gewohnheiten oder Bekannten ist manchmal schwer, aber nicht zu vermeiden. Uru rettet viel von der ursprünglichen Myst-Atmosphäre, aber nicht alles. Dafür bietet es dem Spieler mehr Einbeziehung in das Spiel. Ein "intensiveres Spielerlebnis" entdeckt Art-Director Josh Staub darin, das schon mit der Zusammenstellung der eigenen Spielerfigur beginnt. Wie bei den Sims bastelt man sich seinen Avatar zurecht, der künftig als Alter Ego des Spielers Uru erkundet. Dort trifft er sogar auf Kollegen, wenn man in den Online-Modus Uru-Live wechselt. Das ist vor allem eines: zeitgerecht, und darum ist es auch gut, weil nötig.

Denn das Myst-Konzept war bei all seiner sinnlichen Schönheit ausgereizt. Den prächtigen Bildband "Ayers Rock" kauft so mancher Australien-Fan, hartgesottene auch den Nachfolgeband "Ayers Rock von hinten". "Ayers Rock von rechts und links" dagegen würde in den Regalen ähnlich hartnäckig liegen wie "Ayers Rock von unten". So ähnlich ist das auch mit Myst, Riven und Exile: Myst führte mehrere Jahre die Hitliste der meistverkauften Spiele an, Riven war ein Blockbuster, Exile "nur noch" ein Achtungserfolg - bei steigender Perfektion zeigte der kommerzielle Erfolg also eine absteigende Tendenz.

Mit Uru wagten die Macher den Bruch und kehrten zum Spiele-Mainstream zurück, stellten dabei Beachtliches auf die Beine. Optisch mussten sie zurückfahren, wie Josh Staub erklärt: "Bei Riven konnten wir mit Millionen von Polygonen sehr komplex arbeiten. Eine Echtzeit-Umgebung wie die von Uru schränkt die Zahl der Polygone und Texturen natürlich ein."

Dafür habe das Team sich darauf konzentriert, die Objekte, die es zeigt, so "perfekt wie heute möglich" zu generieren. Das ist gelungen - auch, wenn der "Film" Uru visuell gegenüber den Vorläufer-Fotoalben Abstriche machen muss.

Was bleibt, ist die Handlung, die Träumen wie Rätseln ermöglicht, die von der Musik gestützte Stimmung - und ein völlig gewaltfreies, intelligentes Spielerlebnis auf der Höhe der Zeit.

Das ist, sieht man die von Massen von Trash und Geballer bestimmten Einfallslosigkeits-Orgien auf dem Spielemarkt, schon in sich fast würdig, mit öffentlichen Geldern gefördert zu werden. Das passiert natürlich nicht, und so wird sich Uru auf einem immer härter umkämpften Markt behaupten müssen.

Zwölf Millionen Exemplare (das bisherige Einspielergebnis der Serie) werden weltweit wohl nicht mehr über die Ladentheken gehen. Aber vielleicht reicht es, das Grundkonzept fortzuführen. Gut wäre das, denn so viele Spielideen gibt es nicht, die gleichermaßen gut für Kopf, Auge und Seele sind.

Kurzüberblick Uru:

Pluspunkte: Schöne Story und Szenarien, teils knackige Rätselaufgaben. Mehr Interaktion als bei den Vorgängern.
Minuspunkte: Gut gemachte Polygon-Landschaften ersetzen "Fotos" aus Traumwelten. Mächtige minimale Systemanforderungen: Win XP/2000/Me/98, CPU 800 Mhz, 256 MB RAM, 2 GB Festplattenplatz, GeForce- oder ATI Radeon 7000-Grafikkarte, DirectX 8.1-kompatible Soundkarte. Cyan empfiehlt einen 1,4 Ghz-Prozessor und 512 MB RAM: Besser ist das, denn nur mit der Minimalkonfiguration läuft Uru nicht auf allen Rechnern reibungslos.
Preis: 39,95 Euro, 49,95 Euro für die Collectors Edition.