US-Medien: "USA Today" setzt auf Web statt Print - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

US-Medien "USA Today" setzt auf Web statt Print

Fast zehn Prozent der Mitarbeiter müssen gehen, wenn "USA Today" im Herbst den Schwerpunkt ihres Geschäfts von der gedruckten Ausgabe ins Internet verlegt. Der Kollaps des US-Zeitungsmarkts schreitet damit fort - der Schritt ins Web soll vor allem Kosten sparen.
Zeitungsangebot in den USA: Zunehmende Verlagerung ins Web
Zeitungsangebot in den USA: Zunehmende Verlagerung ins Web

Zeitungsangebot in den USA: Zunehmende Verlagerung ins Web

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

San Francisco/Hamburg - Man kann sein Kerngeschäft aus unterschiedlichen Gründen verlegen. Der beste Grund ist, wenn neue Aktivitäten größere Profite versprechen, doch davon kann im Fall "USA Today" wohl keine Rede sein: Es geht vor allem darum, Kosten zu sparen. "USA Today" reagiert mit dem radikalen Umbau nach Angaben von Verleger Dave Hunke auf einen drastischen Rückgang des Anzeigenaufkommens.

So geht das seit Jahren in den USA: Der Print-Werbemarkt bricht weg, und auch die Leser, die sich heute lieber über kostenlose Nachrichtenportale im Internet informieren, laufen den Zeitungen davon. Das Verlagshaus Gannett will diesen abgewanderten Lesern nun dahin folgen, wo die sich heute tummeln - und das Kerngeschäft von "USA Today" von der Printausgabe auf das Internet und die neuen mobilen Dienste verlagern. Dabei sollen in diesem Herbst 130 Stellen wegfallen - das sind etwas mehr als neun Prozent der 1400 vom Verlag Gannett für die Zeitung beschäftigten Mitarbeiter.

Auf einer der Belegschaft am Donnerstag gezeigten Präsentation hieß es: "Wir konzentrieren uns weniger auf Druck...und mehr darauf, Inhalte für alle Plattformen (Web, Mobildienste, iPad und andere digitale Formate) zu produzieren." Verleger Dave Hunke gab sich gegenüber der Nachrichtenagentur AP optimistisch: "Das ist ziemlich radikal. Das macht uns fit für das nächste Vierteljahrhundert."

Zukunftsstrategie oder Notbremse gegen den Niedergang?

Für viele mag das wie Zweckoptimismus klingen: Die sukzessive Verlagerung des Geschäfts ist zwar weniger radikal als die Aufgabe des Printmarkts und die ausschließliche Konzentration auf digitale Dienste. Einen solchen Schritt aber sind auch schon einige gegangen, wobei eine Erfolgsstory, nach der der "Umzug" einen Zeitungstitel saniert hätte, nach wie vor aussteht. Der Online-Werbemarkt mag weniger eingebrochen sein als derjenige der Druck-Anzeigen, er bewegt sich aber auch auf weit niedrigerem Niveau: Auch Online gelingt es nur wenigen Anbietern, schwarze Zahlen zu schreiben.

So könnte man den Schritt der "USA Today" auch als Notbremse deuten, die zumindest den Niedergang verlangsamen soll. Als "USA Today" 1982 auf den Markt kam, galt sie von ihrem Konzept her als eine der modernsten Zeitungen weltweit: Sie bot kürzere Texte als ihre meisten Konkurrenten, illustriert mit farbigen Grafiken in einem neuen Layout - die Zeitung wurde zum viel kopierten Prototypen des Häppchen-mit-Kästchen-Journalismus.

Vor allem aber war "USA Today" für den stark regional geprägten amerikanischen Pressemarkt eine Sensation: Der Versuch, eine landesweit verbreitete Zeitung mit Boulevardblatt-Charakter zu gründen, galt als äußerst verwegen. Bis 2003 entwickelte sich "USA Today" allen Skeptikern zum Trotz zur meistverbreiteten Zeitung der Vereinigten Staaten, erreichte auf ihrem Höhepunkt deutlich mehr als zwei Millionen Auflage - für die USA ist das viel. Inzwischen ist ihre Auflage auf unter 1,8 Millionen gesunken, sie spielt nun noch die zweite Geige hinter dem "Wall Street Journal" mit 2,1 Millionen Auflage.

pat/apn