US-Trend Aus Online-Marken werden Print-Titel
New York - Hype oder echter Trend? Als Louis Rossetto und Jane Metcalf Anfang der Neunziger "Wired" aus der Taufe hoben, sahen sie ihr Magazin als reines Übergangsstadium. Das Magazin sollte die Leser an die "digitale Denke" heranbringen, doch "Hotwired ", die Website, sollte zum eigentlichen Trägermedium für Rossettos verlegerische Vision werden.
Nicholas Negroponte, MIT-Professor, "Wired "-Finanzier und Kolumnist der ersten Stunde, brachte diese Philosophie mit einer Buchveröffentlichung auf den Punkt: "Being Digital" hieß der Schmöker, ein Abgesang an die "Welt der Atome". Das 21. Jahrhundert, da waren sich Rossetto und Negroponte einig, sei das "Zeitalter der Bits".
Möglich, dass "Wired" schlicht zu früh kam. Schnell zeigte sich, dass das Magazin zwar Gewinne einfuhr, die Website jedoch trieb die junge Firma in den Ruin. Auch Versuche, der Marke "Wired" mit einer eigenen Buchreihe auf die Beine zu helfen, blieben ohne Erfolg. Rossetto verkaufte "Wired" und hielt an der Website fest. Das Magazin, inzwischen vom New Yorker Verlagshaus Conde Nast ("Vogue") verlegt, floriert weiterhin - während hotwired.com Jahr für Jahr ums Überleben kämpft.
Kein Wunder, meinen immer mehr Experten in den USA: Eigentlich hätte die Sache anders herum laufen müssen. Die poppigen, populären Webmarken eigneten sich prächtig, in Form von Print-Titeln am Kiosk vermarktet zu werden.
"Die Online-Welt erkennt, dass noch viel Kraft in dem alten Papierzeug steckt, dem wir keine Bedeutung mehr beigemessen haben", sagt Robert Herzberger von der Medienforschungsfirma Jupiter Communications. Printmedien verfügten eben über die Beständigkeit und das Ansehen, das Online-Medien abgehe.
So hat die Online-Medienzeitung "Inside.com " in diesen Tagen ein Redaktionsteam vorgestellt, das eine gedruckte Ausgabe entwickeln soll. Auch die Weltraum-Internetzeitschrift "Space.com " brachte ein alle zwei Monate erscheinende Print-Version auf den Markt und hat ein weiteres Print-Magazin, "Space Business International", erworben.
Das Internet-Modemagazin "Wink ", das erst vor vier Monaten startete, brachte bereits seine erste gedruckte Version heraus. Die allerdings sucht ihr Heil im Konzept einer reinen "Anzeigenzeitung": Das "Winkmag" kann man abonnieren, und zwar "kostenlos auf Lebenszeit". Ob damit die des Lesers oder die des Magazins gemeint ist, lässt "Winkmag" offen.
Geschäftsführer der meisten US-Online-Zeitungen, die den Schritt in den Print-Markt vollziehen, geben zu Protokoll, dass dies immer Teil ihrer Strategie gewesen sei. So sagt der Gründer und Chef von "Wink", Ralph Clermont, über sein Online-Produkt: "Man kann das einfach nicht so schön hinkriegen wie im Print-Bereich." Beide Versionen hätten ihre Berechtigung.
Einige Marktforscher halten diesen Schachzug der Online-Medien jedoch für unklug. Die Firmen wagten sich da auf einen sehr kostspieligen Markt vor, sagt Jack Myers von "Myers Report". Es werde ihnen schwer fallen, sich auf dem Print-Markt zu etablieren. Das Angebot desselben Produktes in zwei verschiedenen Medien funktioniere nicht unbedingt.