US-Wahlkampf Schnell, gezielt, billig
1996, im letzten US-Wahlkampf, waren die Internet-Auftritte der Präsidentschaftskandidaten nicht viel mehr als bunte Werbebroschüren. Heute, vier Jahre später, sieht das ganz anders aus: Da werden Helfer online geworben, Werbebanner geschaltet und Spenden per Mausklick gesammelt. Ohne "Volunteer"- und "Contribute"-Buttons kommt keine Homepage mehr aus.
Die Kandidaten, so scheint es, lernen schnell, wenn auch nicht immer ganz freiwillig: Als sich beispielsweise der republikanische Senator John McCain vor kurzem mit Vorwürfen konfrontiert sah, er habe bei einer Bundesbehörde ein gutes Wort für einen wichtigen Unterstützer eingelegt, konnte er sich vor Anrufen und E-Mails kaum mehr erwehren.
Zur Schadensbegrenzung ging McCain in die Offensive - über das Internet: Noch bevor die Abendnachrichten auf Sendung gehen konnten, stand der Brief des Kandidaten an die Bundesbehörde auf seiner Homepage. Gleichzeitig erhielten 43.000 Unterstützer erklärende E-Mails. "Am Ende hatten wir alle wichtigen Dokumente online", sagt McCains Webmanager Max Fose. "Die Reaktionen waren größtenteils sehr positiv."
Mittlerweile geht McCain noch einen Schritt weiter. Er will den typischen "Fundraiser", eine Veranstaltung, bei der Unterstützer viel Geld zahlen, um dem Kandidaten einmal die Hand zu schütteln, aufs Internet übertragen: Für eine Gebühr von 100 Dollar erhalten Fans Zugang zu einer Internet-Seite, auf der sie Fragen an McCain stellen können. Der Kandidat antwortet live - in einem kleinen Videofenster.
Das Internet eröffnet den US-Wahlkämpfern Möglichkeiten, von denen sie vier Jahre zuvor nicht zu träumen wagten. Am Wahltag im November werden, so das Marktforschungsinstitut Dataquest, 60 bis 70 Prozent aller wahlberechtigten Amerikaner einen Internet-Anschluss haben. Als Präsidentschafts-Kandidat Steve Forbes 1996 herausfinden wollte, wie viele Wähler in Staaten wie Iowa oder New Hampshire einen E-Mail-Account hatten, war das Ergebnis noch ernüchternd: Seine Helfer kamen gerade einmal auf einen Anteil von drei Prozent.
Vier Jahre später tritt der republikanische Millionär wieder an und bläst zu "Amerikas erstem umfassenden Internet-Wahlkampf". Forbes' Idee klingt simpel: Er will das alte System der Wahlbezirke einfach aufs Internet übertragen. Jeder, der Lust hat, kann einen "e-Precinct" übernehmen und versuchen, möglichst viele Unterstützer und Helfer zu rekrutieren - übers Netz, versteht sich.
Als Belohnung winken nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch ganz handfeste Preise. So warten auf die besten Online-Werber neben einem exklusiven Chat mit dem Kandidaten auch Baseball-Kappen oder Mauspads. Mehr als 100.000 Freiwillige haben sich bereits gemeldet, sagt Rick Segal, Forbes' Chefberater in allen Internet-Angelegenheiten.
Die Vorteile des virtuellen Klinkenputzens liegen auf der Hand: Helfer müssen nicht mehr dort leben, wo sie für einen Kandidaten die Werbetrommel rühren. Persönliche E-Mails lassen sogar die Staatsgrenzen unbedeutend erscheinen. "Im laufenden Wahlkampf ist das Internet zum 51. Staat geworden", sagt Segal, "zum virtuellen Staat, in dem politische Gliederungen keine Rolle mehr spielen."
Ehrenamtliche Helfer sind das eine, Geld ist das andere - und davon können US-Wahlkämpfer nie genug haben. Folglich überrascht es kaum, dass fast alle Kandidaten auf ihren Seiten Formulare anbieten, über die online gespendet werden kann. Eine Kreditkarte reicht.
Das Konzept geht auf: Ende 1999 hatten die wichtigsten Kandidaten 3,3 Millionen Dollar an Spenden über das Internet eingesammelt. Bis zu den Wahlen im Herbst könnte diese Zahl, so schätzen Experten, auf 30 Millionen steigen - wenn nicht noch weiter. Denn allein innerhalb der ersten 24 Stunden nach seinem überraschenden Erfolg in New Hampshire konnte McCain eine weitere halbe Million übers Internet kassieren.
Auch in puncto Wahlwerbung ist das Netz groß im kommen. Bereits im Juni hat Vizepräsident Al Gore den Anfang gemacht und mit Bannerwerbung für die Live-Übertragung seines Wahlkampfauftakts getrommelt - zu wirklich moderaten Preisen.
Denn während für 25.000 Dollar gerade einmal eine halbseitige Anzeige in einer Tageszeitung zu haben ist, kann damit im Internet viel bewegt werden. So musste McCain im Dezember lediglich 1500 Dollar für fünf Werbebanner auf den Tisch legen, die innerhalb einer Woche 10.000 Besucher auf seine Seiten lockten.
Ende Januar ging Gores demokratischer Gegenspieler Bill Bradley noch einen Schritt weiter: Ein Klick auf eine seiner Anzeigen genügte, und schon öffnete sich ein Fenster, in dem der Kandidat mittels Streaming Video über seine Pläne zur Gesundheitsreform redete.
So schön die virtuellen Kampagnen auch sind, besonders der US-Wahlkampfkommission bereiten sie Probleme. Denn die "Federal Election Commission " (FEC) wacht penibel über jede Spende und Zuwendung, die an Kandidaten oder Parteien fließen. Nur, so fragen sich die US-Beamten, wie haben sie mit Links auf Webseiten der Kandidaten zu verfahren? Sind das etwa meldenswerte "Zuwendungen"? Und wenn ja: Mit welcher Summe muss so ein Link veranschlagt werden?
Alles Quatsch, sagen Organisationen wie das "Center for Democracy and Technology " (CDT). Links stellten keine Spende, sondern das Rückgrat des Netzes dar. Und sollte die FEC das brechen, wäre es um eines schwerer, im Internet zu surfen - vom Auffinden politischer Informationen ganz zu schweigen.