US-Wahlwerbung Die Wohnzimmer- Flip-Flopper
Kerry surft - mal nach rechts, mal nach links. Ist John Kerry ein Surf-Artist? Nein - Kerry ist nur Hauptfigur eines animierten TV-Werbespots der Republikaner. "In welche Richtung würde Kerry Amerika führen?" fragt der Sprecher, und wieder ist es vor allem ein Motiv, das der Bush-Clan anführt, um Herausforderer Kerry bloßzustellen: der "Flip-Flopper".
Seit den fünfziger Jahren erreicht Fernsehen ein Massenpublikum. TV-Wahlwerbespots sind seither deshalb ein wichtiges Werkzeug im Wahlkampf. Eine Milliarde Dollar wurden in diesem Wahlkampf für Fernsehwerbung für Kerry und Bush ausgegeben. "Zwar sind nur ein bis zwei Prozent aller Amerikaner in ihrer Wahlentscheidung noch beeinflussbar, und da in den USA regionale Fernsehsender das Programm dominieren, erreichen die meisten überhaupt keine Fernsehwerbung, aber kleine Zahlen können entscheidend sein", so der amerikanische Wissenschaftler und Medienanalyst Kenneth Goldstein.
"Entscheidend sind Ohio, Florida und Pennsylvania"
Gerade in den Schlüsselstaaten - den "swing states" - etwa Ohio und Florida, werde deshalb gesendet, was das Zeug hält, so Goldstein. Denn: "Es ist fast sicher, dass derjenige Präsident wird, der zwei der folgenden Staaten für sich entscheiden kann: Ohio, Florida oder Pennsylvania", so Goldstein. Andere Staaten hätten die Kandidaten der jeweils unterlegenen Partei längst aufgegeben. Wo sich der Kampf in den Wohnzimmern noch lohnen könnte, laufen Bushs Spots vor allem in den Werbepausen typischer Männersendungen, Kerry spricht zu Amerika, wenn hauptsächlich Frauen zugucken.
US-Wahlwerbespots: Wie Präsidenten und Herausforderer warben...
Seit 50 Jahren hat sich in der Wahlwerbung viel geändert - anderes ist geblieben. Das Motiv des "Flip-Floppers" etwa hat lange Tradition: Carter, Eisenhower und Clinton - sie alle wurden von ihren politischen Gegnern als Fallbeispiel eines unsteten Charakters präsentiert.
1992 ist Bill Clinton der Herausforderer von US-Präsident Bush. Ein TV-Wahlwerbespot der Republikaner zeigt zwei Männer, deren Gesicht nicht zu erkennen ist. "Der Kandidat links war für einen militärischen Einsatz im Gebiet des Persischen Golf, während der Kandidat rechts sich denen anschloss, die gegen einen Einsatz waren", heißt es. Und dann die Auflösung: "Einer der Kandidaten ist Bill Clinton, und leider ist der andere auch Bill Clinton."
1952 warben die Demokraten für ihren Kandidaten Stevenson mit einem doppelköpfigen Republikaner. In dem Zeichentrickspot stellt sich der Republikaner den Fragen nach dem Volk. "Sollen wir die Vereinten Nationen unterstützen?" "Yes", antwortet der eine Kopf, "No", der andere. Deshalb: Gegen die Verwirrung - "Stevenson wählen!".
"Welchem Reagan sollen wir glauben?"
Auch im Wahlkampf zwischen Jimmy Carter und Ronald Reagan 1980 stellen die Demokraten Reagans widersprüchliche Aussagen zur Verbreitung von atomaren Waffen heraus: Einmal hatte er gesagt "Die Verbreitung von Atomwaffen zu stoppen ist nicht die Sache der Amerikaner", kurz darauf sagte er das Gegenteil. "Welchem Ronald Reagan sollen wir glauben?" Der ehemalige Schauspieler gewann die Wahl trotzdem.
Eine Übersicht über die TV-Spots seit 1952 bietet die amerikanische Internetseite des "Museum of the Moving Image" unter der Überschrift "The Living Room Candidate" - "Der Wohnzimmer-Kandidat". Weil die Wahlen in Amerika schon immer stark auf die Person des Kandidaten abzielten, sind dort auch jene Clips zu finden, mit denen sich die Präsidentschaftskandidaten ihrem Volk näher bringen wollen: ein kleiner Heimatfilm: "Ich wurde in dem kleinen Ort Hope in Arkansas geboren, drei Monate nachdem mein Vater starb", so beginnt der anrührende Clip über Clintons Leben. Er zeigt den kleinen Bill mit Fliege im Haus seiner Großeltern und den jungen Clinton, wie er Kennedy die Hand schütteln konnte.
"Vote for Ike"
Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren es noch Zeichentrickfiguren, die über eine Minute mit Schildern über den Bildschirm zogen und nichts anderes riefen als "Vote for Ike" - "Stimmt für Ike" - das war Dwight D. Eisenhower.
Im Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon 1960 wirbt Jacky Kennedy auf Spanisch für die Qualitäten ihres Mannes. "Zu Ihnen spricht die Ehefrau von Senator John F. Kennedy." In Zeiten der Bedrohung durch den Kommunismus brauche das Weiße Haus einen Mann, der das Schicksal der Amerikaner mit fester Hand führe. Und deshalb: "Viva Kennedy!"
Wenn es nicht nur um die Persönlichkeit des jeweiligen Kandidaten geht, sondern um Inhalte, dann gebe es zumindest im Wahlkampf 2004 eine klare Trennlinie: "Die Demokraten werben vor allem mit sozialen Themen, wie Gesundheitspolitik, Bush wirbt mit Sicherheit und dem Kampf gegen den Terrorismus", so Goldstein. Das ist nichts Neues: Clinton hat die Wahlen 1992 gewonnen, obwohl 90 Prozent aller Amerikaner während des Golfkrieges 1991 hinter ihrem Präsidenten standen. Aber die Wirtschaft war 1992 ganz unten - "It's the economy, stupid" war deshalb auch Clintons Spruch - und er gewann.