Valentinsmails Viren statt Liebe
Vom 17. bis zum 19. Januar 2007 erlebte Europa mit Kyrill einen Sturm, der genügend Schäden verursachte, um weltweit Schlagzeilen zu machen. Und wie das so ist, wenn die Öffentlichkeit erst einmal für ein Thema sensibilisiert ist, berichteten die Medien in den Folgewochen jeden Windhauch. Das Thema Sturm war heiß.
Im Web ging derweil und deshalb eine aktuelle Sturmwarnung um, die von ungezählten Menschen gelesen wurde. Man weiß das, weil sie einen Trojaner streute, der sich im Folgemonat auf rund acht Prozent aller von PC-Viren verseuchten Rechner fand: Der "Storm Worm" war der erfolgreichste per Mail verbreitete Schädling der letzten Jahre. Seine Macher wollten vor allem eines: Kontrolle über die befallenen Rechner, um sie zu einem Botnet zu verbinden.
Dieses Storm-Botnet wurde im letzten Jahr wild divergierend auf 250.000 bis zeitweilig zehn Millionen befallene Rechner geschätzt und zu etlichen Gelegenheiten für den Versand von Spam oder Viren eingesetzt. Es gehört bis heute zu den größten, am besten funktionierenden Bot-Netzen weltweit.
Mit Vorliebe lassen die Kontrolleure dieses ferngesteuerten Zombie-Netzes (die so genannten "Bot-Herder") ihre Horde von der Leine, wenn Großereignisse oder Feiertage anstehen: Ihre Lockmails setzen darauf, geöffnet zu werden, weil sie gerade in die Zeit passen. Wie jetzt, zum Valentinstag.
Liebe, Liebe, Liebe, Hiebe
Bereits seit Mitte Januar wird über das Storm-Botnet eine Valentinsmail verbreitet, die in den nächsten Tagen noch weit häufiger in den Postfächern landen sollte: Die Mails mit Betreffzeilen wie "I Love You So Much" oder "Inside My Heart" enthalten wenig mehr als einen Link hin zu einer Web-Seite, wo scheinbar eine E-Card in Gestalt eines Herzens ihren Download vorbereitet. In Wahrheit schiebt sie dem Betrachter den Trojaner Nuwar unter, der den befallenen Rechner unter anderem in das Storm-Botnet integriert. Ab diesem Zeitpunkt haben die Bot-Herder potentiell Vollzugriff auf alle Daten und Kommunikationsmöglichkeiten.
Der gleiche Trick wird unter anderem von den Versendern des Virus Valentin.E angewandt: Auch hier gibt eine Lockmail "Searching for True Love" vor. Auch diese Attacke ist primitiv: Sie geschieht per Mail-Attachment "friends4u", befällt den Rechner also nur unter aktiver Beihilfe des Nutzers. Weitere ähnliche Spam- und Viren-Aussendungen sind zu erwarten.
Ebenfalls über das Storm-Botnet laufen zurzeit gehäuft sturznormale Werbe-Spams, die ihre Empfänger zum Kauf diverser Valentins-Schnäppchen animieren wollen.
Das alles ist schon fast Gegentrendig: Mail-Viren haben in den letzten Jahren immer weniger Erfolg. Chancen haben sie vor allem zu Zeiten wie Valentins oder Weihnachten, wo elektronische Geschenke wie E-Cards tatsächlich nicht selten sind.
Und was soll das alles?
Dafür, dass die Bot-Herder einerseits überhaupt weiter machen, andererseits die Zahl ihrer Aussendungen ständig erhöhen, hat das IT-Sicherheitsunternehmen MessageLabs mit Bezug auf die Storm-Spam-Versendung eine gute Erklärung parat: Der Versand von Spam und Viren über ein Botnet kostet absolut nichts, denn die Rechnung dafür zahlen die Besitzer der befallenen Rechner. Folglich braucht nur ein einziger gutgläubiger Netz-Nutzer auf eine Spam-Werbung hereinfallen und ein vermeintliches Schnäppchen kaufen und die Aussendung hat sich bereits gelohnt. Zurzeit, sagt MessageLabs, laufen rund 51 Millionen Valentinswerbemails über das Storm-Botnet - und zwar täglich. Da wäre selbst eine Erfolgsquote im Promillebereich höchst lukrativ.
So bieten die Valentinsviren einen Einblick in die schräge Ökonomie der kriminellen Botnet-Wirtschaft des Netzes. Mail-Virenaussendungen dienen heute vornehmlich dazu, Botnetze auszuweiten. Die werden als buchbare Dienstleistung dann an Spam-Versender vermietet oder dafür genutzt, gegen Zahlung Attacken gegen Web-Seiten auszuführen. Unlautere Werbung mit zumeist betrügerischen Zielen und Schutzgelderpressungen gegen Webseiten-Betreiber gehören so zu den Haupteinnahmequellen dieser kriminellen Szene.
Schad- und Spähsoftware
Die Werkzeuge und Waffen dafür liefern wir mit unseren PCs, betroffen davon sind seit Jahren vor allem Windows-Maschinen. Sie brauchen Virenschutz-Software, die ständig aktuell gehalten wird, auch wir brauchen aber elementares Know-how, um diesen heute meist vorhandenen Virenschutz nicht auszuhebeln.
Denn das größte Sicherheitsrisiko sind wir PC-Nutzer: Erst unser Mausklick auf unverlangt zugesandte Mail-Datenanhänge aktiviert die meisten Viren; unsere Nachlässigkeit bei Browser-Updates macht die Infektion per Web-Seiten-Besuch möglich ("Drive-by"); unsere fehlgeleitete Neugier lässt uns auf fragwürdige Links klicken, die Download-Prozesse einleiten.
Schutz gegen all das bietet Sicherheitssoftware, der Umstieg auf weniger gefährdete Betriebssysteme wie Linux oder Mac OS X, vor allem aber Selbstdisziplin: Wer Spam und Viren den Garaus machen will, sollte elementare Sicherheitsregeln beachten. Dazu gehört, unverlangt zugesandte Dateianhänge grundsätzlich nicht zu öffnen und solche Mails stattdessen zu löschen - auch wenn sie Sex, Reichtum oder wie nun zu Valentin Liebe versprechen.
pat