Verbotene Exporte Syriens Regime überwacht Internet mit US-Technik
Washington/Damaskus - Hacker haben eine besorgniserregende Entdeckung gemacht: In Syrien ist Schnüffeltechnik aus den USA im Einsatz, um den Internetverkehr der Bürger zu überwachen - und um bestimmte Web-Dienste, etwa verschlüsselte Chats und Internet-Telefonie, zu sperren. Was die Hacker der Gruppe Telecomix im August an wichtigen Netzknotenpunkten fanden, waren Geräte der US-Firma Blue Coat.
Nun hat das Unternehmen im "Wall Street Journal" erstmals zugegeben, dass offenbar 13 ihrer Geräte in Syrien im Einsatz sind. Sie stammen nach Angaben der Firma aus einer Lieferung von insgesamt 14 Internet-Filtern des Modells ProxySG 9000, die für den Irak bestimmt waren und 2010 über Rotterdam an einen Zwischenhändler in Dubai geliefert wurden.
Der direkte Export von Waren aus den USA nach Syrien - ausgenommen sind Lebensmittel und Medikamente - ist seit 2004 verboten. Nun will die Firma untersuchen, warum die Geräte nach Syrien und nicht in den Irak gelangten - und ob es weitere nicht genehmigte Lieferungen in das Land gab. Die Zeitung berichtet von bis zu 25 Blue-Coat-Geräten, die in dem Land seit der Jahrtausendwende im Einsatz sein sollen.
Große Unternehmen setzen die Technik von Blue Coat ein, um ihre Firmennetzwerke vor Malware und Hackerangriffen zu schützen - oder um die eigenen Mitarbeiter vom Farmville-Spielen auf Facebook abzuhalten. Die Internetaktivisten von Telecomix haben Log-Dateien von sieben in Syrien aufgestellten Blue-Coat-Geräten veröffentlicht. Daraus gehen sowohl eine Vorratsdatenspeicherung - von welchem Internetanschluss wurde wann auf welche Seite zugegriffen? - als auch gezielte Web-Sperren hervor.
Technik ist auch in Bahrain und Katar im Einsatz
Ein grundsätzliches Problem, die Überwachungstechnik auch an autoritäre Staaten zu liefern, hat die Firma offenbar nicht. Es sei die Aufgabe der Regierung, Staaten und Organisationen zu benennen, mit denen US-Firmen keinen Handel treiben sollten, sagte ein Manager der Zeitung. Technik von Blue Coat ist nach Recherchen des "Wall Street Journals" in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Katar im Einsatz.
Der Berliner Telecomix-Aktivist Stephan Urbach fordert ein Verbot von Spähtechnik-Exporten: "Der Verkauf von Überwachungstechnologie ist genauso gefährlich wie das Liefern von Waffen." Die Aktivisten haben bereits den Aufständischen in Tunesien und Ägypten mit Technik geholfen - und mit Anleitungen zum abhörsicheren Surfen.
In Syrien gibt es seit rund sieben Monaten Proteste gegen das autoritäre Regime von Präsident Baschar al-Assad. Die staatlichen Sicherheitskräfte gehen dabei immer wieder mit äußerster Brutalität gegen Demonstranten vor, fast täglich gibt es Meldungen über Verletzte und Tote. Im britischen "Sunday Telegraph" hat der Diktator gedroht, wenn der Westen aktiv in den Konflikt eingreife, werde es zu einem "Erdbeben" kommen, das "die gesamte Region in Flammen setzen" könnte.