Verhandlung einer Grundsatzfrage: Wer hat Schuld an P2P? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Verhandlung einer Grundsatzfrage Wer hat Schuld an P2P?

Im April letzten Jahres endete der Prozess der Musikindustrie gegen Grokster und Morpheus mit einem Sieg für die P2P-Börsen: Sie seien für Copyright-Verletzungen nicht verantwortlich. Jetzt läuft die Revision - und der Ausgang des Prozesses könnte entscheiden, ob und wie es weitergeht mit P2P.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf diesen Prozess hat die Musikindustrie seit April letzten Jahres gewartet: Da entschied ein Gericht in Los Angeles, dass die P2P-Börsen Grokster (ein Teil des KaZaA-Netzwerkes FastTrack) und Morpheus nicht dafür verantwortlich zu machen seien, wenn Nutzer ihre Software in Copyrights verletzender Weise missbrauchten. Denn natürlich gäbe es für P2P-Software ganz legitime, "geschäftliche und akademische" Nutzungsmöglichkeiten.

Für die Entertainmentindustrie war das Urteil ein Schock, für die P2P-Szene ein Triumph. Nach vier Jahren des gerichtlichen Dauer-Bombardements, dem Napster und Audiogalaxy, Aimster und viele andere zum Opfer fielen, schien eine neue Zeit anzubrechen. Vor amerikanischen Gerichten, zeichnete sich ab, würde die Industrie so schnell nicht mehr punkten können. Zu einem ganz ähnlichen Urteil kam kurz darauf ein niederländisches Gericht in einer Verhandlung gegen KaZaA.

Schlag den Sack, mein den Esel

Die schwer gebeutelte Industrie begann damit, statt der Börsenbetreiber deren Nutzer zu verklagen. Aufs damit verbundene Buhmann-Image pfeift die Branche, denn mittlerweile sieht sie ihren Kampf gegen P2P als Notwehr. Umsatzeinbrüche von 40 Prozent in zwei Jahren machen deutlich, wie es um die wackelnden Marktriesen steht. Überall wird gekürzt und entlassen.

Nachrichten und Studien, die die Wirkung der Klagewelle gegen KaZaA-Nutzer zeigten, wurden dementsprechend mit Applaus aufgenommen. Was vier Jahre in der direkten Konfrontation mit den Börsenbetreibern nicht gelang, schien nun realistisch: In einer Taktik von Zuckerbrot (legale Downloadbörsen) und Peitsche (Mülldateien in P2P-Börsen, Abmahnungen, Klagen) die Börsen zurückzudrängen und die Kunden zurückzugewinnen.

Wiedergänger im zweiten Frühling

Vor Gericht hofft die Industrie nun auf eine Entscheidung, die ihr auch wieder den Weg zu direkten Klagen gegen die Börsenbetreiber eröffnet.

Ihre Gegner sind Morpheus und Grokster: Vor einer Woche noch hätte man die treffend als P2P-Zombies beschreiben können.

Grokster ist das als Lizenznehmer im FastTrack-Netzwerk auch weitestgehend, ist völlig von KaZaA abhängig und wird nur von wenigen Leuten genutzt. Anders als KaZaA gibt sich Grokster wenig aggressiv und selbstbewusst. Auf der Website des Unternehmens wirbt es für seine Sicht der Copyright-Debatte und bittet ansonsten demonstrativ die eigene Nutzerschaft um Wohlverhalten: "Unterstütz den Künstler, kauf die Scheibe!"

Morpheus dagegen war einst ein Star, die erfolgreichste P2P-Börse weltweit und im FastTrack-Netzwerk sowieso, wo sie als einzige Software ohne Schnüffelprogramme Erfolge feierte.

Im Gegensatz zu KaZaA, den eigentlichen Betreibern des Netzwerkes, deren Ruf durch Spyware vom ersten Tag an versaut war. Es kam zum Konflikt, Morpheus flog aus dem KaZaA-Netz - und verkümmerte als mittelprächtiger Gnutella-Client.

Für Morpheus interessierten sich in den letzten zwei Jahren allenfalls die Gerichte.

Comeback - oder Paniktriebe?

Das könnte sich ändern. Am Montag, dem 2. Februar, veröffentlichten die Morpheus-Macher die Version 4.0 ihres Programmes - und versprechen eine Menge. Sämtliche großen P2P-Netzwerke will Morpheus nun abgreifen, von Gnutella über G2, über FastTrack und eDonkey bis hin zu iMesh und Limewire. Der plattformübergreifende Ansatz ist Trend in der P2P-Szene, aber ein solches Angebot ist auch aus anderem Grund verlockend.

Was die P2P-User lockt, ist die Aussicht auf eine KaZaA-Alternative. Der Dienst wird von seinen Nutzern gehassliebt wie kein anderer: So schnell er ist, so undurchsichtig und neugierig ist er. KaZaA verseucht die Festplatte mit Schnüffelprogrammen und angeblicher Werbesoftware. KaZaA Lite jedoch, die gehackte, Spyware-freie Version, wird seit einigen Wochen Stück für Stück aus dem Netzwerk gedrängt.

Auftritt: Morpheus, der P2P-Zombie als strahlender Wiedergänger.

Doch der hat seinen Relaunch offenbar nach dem Termin der Revisionsverhandlung in Pasadena getimed: Das Gericht als Werbeplattform. In diversen P2P-Foren jedenfalls herrscht mächtig Fluchen: Morpheus 4 funktioniere nicht oder nur schlecht, sei zudem mittlerweile auch mit drei Werbeprogrammen gekoppelt, die "Spyware" seien. "Die hätten warten sollen", meint ein P2P-Fan im Zeropaid-Forum, "das Ding ist nicht reif."

Die Strategie der Industrie: Nur der Hammer hilft

Warten aber konnte oder wollte Morpheus offenbar nicht. Kein Wunder: Im Berufungsprozess in Pasadena geht es um die Wurst. Als sicher gilt, dass ein Urteil gegen Morpheus und Grokster umgehend eine Klagewelle der Musikindustrie gegen sämtliche großen P2P-Börsen zur Folge hätte. Schon zum Auftakt des Prozesses in Pasadena machten die Anwälte der mächtigen Musikindustrie-Lobby RIAA klar, wohin der Wind dann wehen würde: Wie einst im Verfahren gegen Napster verlangt die RIAA von den P2P-Entwicklern, technische Filter zu entwickeln, die Copyright-geschütztes Material zuverlässig ausfiltern könnten.

Genau damit hatte sich Napster monatelang gequält, genau daran war Napster gescheitert. Auch die Macher von Grokster und Morpheus wissen, dass so etwas nicht drin ist, weniger noch als beim ursprünglichen Napster (nicht verwandt mit dem gleichnamigen kommerziellen Musikshop von Roxio): Anders als dieser sind moderne P2P-Börsen ja verteilte Netze ohne zentralen Rechner, über den die Kommunikation liefe und somit auch zu "filtern" wäre. Anders als Napster sind sie darum auch nicht "Betreiber" der Börsen, sondern vor allem Softwareentwickler.

Das aber macht sie auch in den Augen ihrer eigenen Kundschaft ein gutes Stück entbehrlicher: Eine in Grund und Boden geklagte Software würde einfach durch eine neue ersetzt. Nichts zeigte das so deutlich, wie der Aufstieg und Niedergang von Morpheus: Nach dem Bruch mit KaZaA verkümmerte die erfolgreichste Börse der Welt innerhalb von nur wenigen Stunden zur kundenfreien Zone, während die untreuen Morpheus-Nutzer nach nur wenigen Tagen bei KaZaA landeten

KaZaA zeigt (dem Gegner), wie es geht Man kann eine P2P-Software also regelrecht verschwinden lassen: Einmal mehr demonstrierte KaZaA im letzten Jahr in seinem auch gerichtlich geführten Kampf gegen die Spyware-freie Hack-Version KaZaA Lite, wie das geht. Binnen weniger Wochen schaffte es KaZaA Ende letzten Jahres - ein stärkendes Urteil im Rücken - den lästigen Konkurrenten weltweit verschwinden zu lassen. KaZaA hatte einfach sämtliche Verteiler der Software abgemahnt: Webseiten-Betreiber und Service-Provider.

Genau da sieht auch die Industrie den Königsweg im Kampf gegen P2P: In juristischen Maßnahmen gegen P2P-Software-Entwickler, P2P-Nutzer und Provider. Das Problem P2P ist aus Sicht der Industrie nur unter Kontrolle zu bekommen, wenn man die Werkzeuge zerstört, die Verteilwege unterbricht und die Nutzer verklagt.

Entscheidend für eine solche Taktik ist die Rückendeckung durch Justitia, und die fehlte der Musiklobby RIAA zumindest in den USA seit April letzten Jahres. Erfolgreich wehrten sich da sogar die Serviceprovider dagegen, Daten über ihre Nutzer einfach auf Zuruf herauszugeben. Das werden sie wohl wieder müssen, wenn das Gericht in Pasadena das Wirken der P2P-Firmen als Rechtsbruch definiert.

In Europa versucht die Industrie, ein solches Auskunftsrecht gleich gesetzlich verankern zu lassen: Genau das wünscht sich die Musikindustrie als Bestandteil des so genannten "zweiten Korbes" der Urheberrechtsnovelle. Europaweit drängt die Industrielobby IFPI darauf, die Rechtsbasis auch für Klagen gegen P2P-Nutzer zu schaffen.

Das Urteil von Pasadena wird auch in dieser Hinsicht Signalcharakter haben und entscheiden, ob und wie es mit P2P in den nächsten Jahren weitergeht - respektive mit dem Kampf der Industrie gegen P2P. Die Richter scheinen sich darüber sehr bewusst zu sein. Wie auch immer der Prozess ausgehen werde, signalisierten sie zum Beginn des Berufungsverfahrens, das Urteil werde schnell erfolgen.

Frank Patalong

Mehr lesen über