Videopodcast-Boom: Berlin vloggt! - DER SPIEGEL
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Videopodcast-Boom Berlin vloggt!

Die Videopodcast-Szene Berlins wächst in atemberaubendem Tempo. Etablierte Netz-Promis wie Toni Mahoni oder auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bekommen neuerdings Konkurrenz - zum Beispiel von U-Bahn fahrenden Musikern.
Skyline von Berlin (April 2005): "Quasi unser eigenes Musikfernsehen"
Skyline von Berlin (April 2005): "Quasi unser eigenes Musikfernsehen"

Skyline von Berlin (April 2005): "Quasi unser eigenes Musikfernsehen"

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Samstagabend am U-Bahnhof Schönhauser Allee in Berlin. Die Wagen der Linie U2 sind voll besetzt mit jungem Partyvolk, das in die Bars und Clubs der Stadt strömt. Nur Peer Göbel, 30, und Tina Mamczur, 30, sind konzentriert. Zu ungewöhnlicher Zeit und an ungewöhnlichem Ort sind die beiden bei der Arbeit: Tina und Peer sind als Videoblogger, kurz "Vlogger", unterwegs und filmen im Untergrund der Hauptstadt. Zusammen mit einem Kameramann zeichnen die beiden gerade die neueste Folge ihres Videopodcasts "Undertube"  auf. Zwei Stunden Drehzeit sind heute angesetzt.

Die Idee der "Undertube"-Macher ist eigentlich ganz einfach: Zwei Menschen, die sich kennen, erzählen sich in der U-Bahn Neuigkeiten. Vor allem um Musik geht es in "Undertube". Die beiden Moderatoren - selbst auch musikalisch aktiv - geben CD-Tipps, berichten von Konzerten und interviewen Musikerkollegen. Subjektivität ist dabei durchaus beabsichtigt. "Wir machen quasi unser eigenes Musikfernsehen. Was wir gern sehen würden, zeigen wir jetzt selbst", erklärt Tina. Die U-Bahn-Passagiere lassen sich von den Film-Arbeiten nicht irritieren. Kaum jemand dreht den Kopf nach den beiden Moderatoren und ihren Gästen um.

Bislang ist das Musik-TV aus dem Netz nur ein Freizeitprojekt. Unter der Woche vertreiben sich Tina und Peer als Kunstgeschichts- und Kulturwissenschafts-Studentin beziehungsweise als Buchhändler die Zeit. Trotzdem ist der Videopodcast professionell produziert - und vor allem unabhängig von der Promotionstrategie großer Plattenfirmen.

Dreharbeiten in der Linie 2

In Zeiten, in denen Musik-TV-Programme zu Abspielstationen für Klingeltonwerbung mutieren, ist das für die User besonders attraktiv: "Undertube" hat mehr als 10.000 regelmäßige Abonnenten. Außerdem werden die einzelnen Episoden über das Videoportal YouTube verbreitet.

Eine neue, etwa zehnminütige Ausgabe von "Undertube" erscheint alle zwei Wochen. Gast der aktuellen Sendung, die an diesem Samstag in der U-Bahn-Linie 2 aufgezeichnet wird, ist die Berliner Band "Bodi Bill". Die Musiker Alex Amoon und Fabian Fenk erklären, wie sie in ihren Songs elektronische Klänge mit Aufnahmen aus der freien Natur vermischen. In früheren Ausgaben von "Undertube" berichtete unter anderem die Band "Team Blender" von ihren ersten Tourerfahrungen, der Wichtigkeit von Schokoriegeln bei der Konzertvorbereitung und der Bettenqualität im ersten Ikea-Hotel der Stadt Dortmund.

Für einen erfolgreichen Start von "Undertube" sorgte wohl nicht zuletzt eine Empfehlung des einflussreichen Berliner Blogs "Spreeblick", das seinen Lesern die Musiksendung aus dem Untergrund ans Herz legte. Dabei hat "Spreeblick" selbst einen der prominentesten Berliner Videoblogger im Programm:Toni Santowski, besser bekannt als Toni Mahoni .

Toni Mahoni: Feinste Berliner Schnodderschnauze

Rund 100 Folgen seines gut fünf Minuten langen, immer ungeschnittenen Videopodcasts hat das Fossil aus dem Friedrichshain bisher am eigenen Schreibtisch produziert. Immer dabei: piepsende Kanarienvögel im Hintergrund, Tonis Reibeisenstimme, Zigarette und Kaffee. Aus seinem stuckverzierten Wohnzimmer verkündet der Ex-Sänger der Band "The Marvellers" die Weisheiten des Alltags – in feinster Berliner Schnodderschnauze. Vom Schuhekaufen mit seinem Kumpel Pierre erzählt er dann, von der Pein des Geldverdienens und vom Salamiessen beim Wochenendausflug nach Budapest.

Manchmal vertont Mahoni auch die harte Lebenswirklichkeit und trägt die Songs in seinem Podcast vor: "Es gibt Tage, wo ich noch 'nen Flash vom Kaffee krieg / Es gibt den Tag, wo ich nach einem Bier am Boden lieg / Es kommt vor, dass sich nach 'ner Kippe alles dreht und ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht." Und am Ende jeder Episode gibt es Mahonis obligatorischen Abschiedsgruß: "Rinnjehauen".

Mittlerweile tummeln sich unter den Berliner Videobloggern längst nicht mehr nur Selfmade-Unterhalter wie Toni Mahoni. Die Szene hat sich längst professionalisiert, zum Teil mit Unterstützung großer Medienhäuser. So hat AVE, eine Tochterfirma des Holtzbrinck-Verlags, unlängst das Video-Portal "Watchberlin"  gestartet. Dort sendet eine größere Schar von oft professionellen Videobloggern: zum Beispiel Harald Martenstein, Star-Kolumnist der "Zeit", die praktischerweise ebenfalls Teil der Holtzbrinck-Familie ist.

Haushaltslöcher mit Sex-Steuer stopfen

Er sinniert aus seiner Küche heraus über das Stopfen von Berliner Haushaltslöchern mit Hilfe einer Sex-Steuer. Medien-Journalist Oliver Gehrs, streitbarer Chefredakteur des Magazins "Dummy", rezensiert für "Watchberlin" Zeitungen und Zeitschriften. Auch SPIEGEL-ONLINE-Autor Henryk M. Broder bringt seine Vorstellungen gewohnt meinungsstark unter das Volk.

Bei dieser Schwemme an Videobloggern in der Hauptstadt mag sich natürlich auch das politische Berlin dem Trend zur audiovisuellen Selbstdarstellung im Netz nicht entziehen. Kanzlerin Angela Merkel ist schon seit vergangenem Sommer mit ihrem eigenen Podcast im Web vertreten . Angeblich griff sie als erstes Regierungsoberhaupt der Welt regelmäßig zu Webcam und Mikro. Die Ansprachen unter der Überschrift "Die Kanzlerin direkt" wirken noch immer etwas hölzern, doch Merkels Performance hat sich seit dem vergangenen Sommer ohne Zweifel gesteigert. Berührungsängste mit dem neuen Medium scheinen verflogen.

Für die FDP-Bundestagsfraktion, allen voran Parteichef Guido Westerwelle, gilt das noch nicht. Beim Podcastformat "TV liberal"  irrlichtern die Blicke der Protagonisten wild durchs Bild. Mimik und Gestik sind besonders steif. Für Amüsement unter Internetsurfern sorgte vor allem die allererste Ausgabe des Podcasts: Bei seiner Neujahrsansprache wurde Westerwelle durch ein ausgesprochen gewöhnungsbedürftige Bildregie stellenweise zweimal nebeneinander gezeigt - wie ein Spiegelbild seiner selbst.