Volkssport Videospiel: Die Kaufkraft der Bewegung - DER SPIEGEL
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Volkssport Videospiel Die Kaufkraft der Bewegung

Während sich die Veranstalter über einen neuen Besucherrekord freuen und die Industrie in milder Euphorie schwelgt, zeigt die Leipziger Games Convention vor allem eins: Gaming ist zu einer Jugendbewegung geworden - und die Industrie blickt auf Europa.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war ein so ähnlich wie bei einem Sektfrühstück nach durchgemachter Nacht, wenn alle müde und ein bisschen angeheitert sind. Die Industrievertreter bei der gestern zu Ende gegangenen Leipziger Games Convention, Europas größter Messe für Computer und Videospiele, schwammen auf einer Welle der Euphorie, gepaart mit leichter Verblüffung über das Ausmaß des eigenen Erfolgs. Eine eher ungewöhnliche Stimmung im globalisierungsverzweifelten Deutschland. Es war, als sei die Dotcom-Blase nie geplatzt.

Sogar die sonst ständig mit martialischen Begriffen beschworenen Auseinandersetzungen zwischen den großen Herstellern vor allem von Spielkonsolen schienen einen Augenblick lang fast vergessen.

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Games Convention: Zocker unter sich

Foto: DDP

Wenn man mit Microsoft-Mitarbeitern spricht, bekommt man fast den Eindruck, sie freuten sich auf Sonys mobiles Spielgerät PSP, das am 1. September auf den Markt kommt. Obwohl die 250 Euro pro PSP aus den gleichen Geldbeuteln kommen sollen wie die 300 oder 400 Euro, die Microsofts neue Allround-Konsole Xbox 360 kosten wird, je nach Ausführung. Nintendos Mobilgerät "DS" wird ebenfalls mitmischen bei der nächsten Runde im Hardware-Ringen, während Microsoft sich aus dem Geschäft mit dem mobilen Spielen vorerst heraushalten will.

Kollegiale Umarmung im globalen Wohnzimmer

Der "digitale Lifestyle", der in Leipzig an jeder Ecke beschworen wurde, scheint allen neue, goldene Zeiten zu versprechen. Zeiten, in denen Sonys Mobilgerät in friedlicher Koexistenz mit Microsofts Wohnzimmerkonsole leben kann, in der per Kabel oder Funknetz Daten von einem Gerät aufs andere wandern sollen: kollegiale Umarmung im globalen elektronischen Wohnzimmer der Zukunft. Filme, Musik, Spiele, alles soll zusammenfließen und Kunden wie Hersteller glücklich machen.

Spätestens, wenn Sony und danach auch Nintendo im kommenden Jahr ihre neuen Konsolen auf den Markt bringen, wird es mit der Harmonie wieder vorbei sein. Im Augenblick aber sonnt man sich in einem kurzen Moment gemeinsamen Glücks - und den erleben nicht nur die Hersteller von Videospielsystemen. Die Spielsoftware-Industrie boomt, Hersteller von Hochleistungs-PCs für Gamer träumen von unbegrenztem Wachstum, die Anbieter von Online-Spielen stehen verblüfft vor Abonnentenzahlen, die durch die Decke gehen.

All das spielt sich nicht nur in traditionellen Hausmärkten der Industrie wie Japan, Korea und den USA ab: Die Industrie blickt auf Europa. Der hiesige Markt ist der einzige, der noch richtig wächst, und patriotische Affinitäten für Hersteller aus der eigenen Heimat spielen hier kaum eine Rolle. Europa ist ein Kleinod für die Industrie, und ein Testmarkt für die wahren, unverzerrten Machtverhältnisse. Wer hier in der nächsten Runde Sieger bleibt, dem gehört die Zukunft, vermuten viele. "Europa ist der wichtigste Markt der nächsten Konsolengeneration", sagt ein Insider.

Üppige Bezahlung in der wertvollsten Währung

Wie sehr sich der Blick der Branchenriesen auf Old Europe richtet, war in Leipzig deutlich zu sehen. Fast wichtiger als die am Ende 134.000 Besucher - ein neuer Rekord - schien vielen Insidern, wer noch alles vorbeigekommen war: Noch nie wurden so viele Star-Entwickler zu einer europäischen Messe geschickt, auch aus Japan und den USA. Und noch nie waren die Hersteller hier so freigebig mit ihrer wertvollsten Aufmerksamkeitswährung, den "Announcements".

Für den Außenstehenden mag es kaum ins Gewicht fallen, ob etwa der Preis einer neuen Konsole oder die Farbpalette eines mobilen Spielgeräts hier oder anderswo bekannt gegeben werden - in der Spielebranche werten solche Verkündigungen denjenigen auf, der sie machen darf. Und noch nie gab es in Leipzig so viel zu verkündigen wie in diesem Jahr. Europa wird endlich ernst genommen von den großen Brüdern in Japan und den USA.

Mehr Besucherinnen als leichtbekleidete Models

Dass sich etwas tut im europäischen Games-Geschäft, und dass Leipzig kurz das Zentrum dieser Ereignisse war, zeigte auch ein Gang durch die stets düsteren, apokalyptisch wummernden Besucherhallen. Nicht nur aus der näheren Umgebung, aus ganz Europa waren Fans und Journalisten angereist. Außerdem verschaffte sich eine oft vernachlässigte Zielgruppe endlich Gehör: Vielleicht zum ersten Mal fand man mehr Besucherinnen an den Ständen als leichtbekleidete Models - Videospiele sind längst nicht mehr nur ein Thema für pubertierende Jungs. Auch wenn die Gestaltung vieler Messestände immer noch ausschließlich auf diese Zielgruppe ausgerichtet scheint.

Und die Damen interessieren sich nicht nur für als "Frauen-affin" betrachtete Spiele wie die "Sims". Längst gibt es Hardcore-Gamerinnen, die diesen Namen verdienen, und wenn auf den Riesenschirmen der Games Convention Topspiele der europäischen E-Sport Liga ESL ausgetragen wurden, sei es in "Counterstrike" oder "Fifa 05", saßen Frauen wie Männer im Publikum, dicht gedrängt, angespannt, zu Fußballstadion-tauglicher Euphorie bereit.

Computerspiele sind in Deutschland kein bloßes Hobby mehr. Sie sind zu einer Jugendbewegung geworden. Spätestens, wenn das Weihnachtsgeschäft ansteht, wird sich zeigen, ob die Kaufkraft der Bewegung auch die Sektlaune der Industrie rechtfertigt.