Was ist Heimat? Unser Zuhause ist das Internet
Website-Reflektion: Un-Orte, an denen Gedanken zur Heimat werden
Foto: Dan Kitwood/ Getty ImagesGibt es so etwas wie Heimat im Web? Zunächst: Heimat ist eine kleine elektrochemisch erzeugte Wirklichkeit im Gehirn. Eine dieser wärmenden Ideen wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gott, Bielefeld oder der Traum von einer guten Tasse Darjeeling, die jeweils ein sehr flexibles Verhältnis zur Realität haben.
Heimat ist also ein Phänomen, das aus regelmäßig aktualisierten Mustern neuronaler Impulse hervorgeht. Das macht sie den Wirklichkeiten des Netzes ähnlich, die ebenfalls auf ständige Zufuhr von Energie und Aufmerksamkeit angewiesen sind.
Auch sind Netz und Heimat Kontaktumwelten, die permanent gepflegt werden wollen. Das macht sie keinesfalls gemütlich, sondern eher anstrengend: Permanenter Zwang zur Selbstaktualisierung auf Rechenzentren in schwedischer Kälte, der Blick in Facebooks rissiges Gesicht. Die Heimat wäre keine wahre, wenn man sie nicht auch verlassen wollte.
Das Heimatgefühl des Users gilt manchen externen Therapeuten als Sucht. Es gibt aber keine Internetsucht, nur einen unwiderstehlichen Wunsch nach Expansion und Angleichung. Jedem guten Hirn wird es unter der Schädeldecke sehr schnell langweilig. Es sucht nach seinesgleichen, es will raus, sich dehnen und strecken. Es sucht das Kontakt-High.
Und da Netz und Hirn einander strukturell ähneln, herrschen ideale Bedingungen für ein Kontakt-High nach dem Rezept von William Burroughs: Wenn die anderen auf Netz sind, bist du es auch. Mit Schwarmdenken hat das nichts zu tun. Für das Kontakt-High sorgt nicht das Netz selbst, sondern die spannungsvolle Differenz zwischen dem User und dem Anderen. Am Internet ist für Menschen nur eines nachhaltig interessant: Menschen. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Peripheriegerät.
Das Netz soll ein Kaufhausbau werden
Der Archäologe Tonio Hölscher schreibt in seinem Buch über die frühen griechischen Städte, dass es zwischen Polis und Wildnis Randzonen gegeben habe, in denen sich die Jugend aufzuhalten pflegte. Jede Kultur braucht diese undefinierten Gebiete, um sich erneuern zu können, Un-Orte, an denen Gedanken zur Heimat werden.
In unseren Städten sind Zwischenräume teuer und knapp, wo sich die Mallrats tummelten, stieren Überwachungskameras von der Decke. Durch Walter Benjamins Galerien flanieren Sicherheitsmänner, weht Pfeffersprayaroma.
Die europäischen Gesellschaften verhärten auf ihrem langsamen Rückzug in sich selbst an der Oberfläche. Es ist ein Symptom der Schwäche, das manche gerne auch aufs Netz übergreifen sähen, das ja keine virtuelle Parallelwelt ist, sondern durch und durch real, so wie Magnetismus und Elektrizität. Der Energieverbrauch der Datencenter ist gewaltig, in der Cloud herrscht ständiges Gewitter.
Das Netz soll ein Kaufhausbau werden, wenn es nach ihnen geht, einer aus den siebziger Jahren, ohne Fenster, überall Ladendetektive, die aufpassen, dass niemand die Leere aus den Regalen mitnimmt.
Die tobenden Verkäufer aus den fensterlosen Kaufhäusern können sich nicht vorstellen, dass das Netz, anders als alle anderen Verbreitungsmedien, nicht ganz und gar ihnen gehört und ihnen nie gehören wird. Sie können sich erst recht nicht vorstellen, dass das Netz überhaupt kein Medium ist. Noch ferner liegt ihnen der Gedanke, dass das Kontakt-High unter den Usern besseres Entertainment liefern könnte als sie selbst, dabei filmen ihre eigenen Teams nur noch das Netz ab, entnehmen ihm laufend Texte, Daten und Ideen.
Die vornehmste Aufgabe von Zivilgesellschaft und Staat besteht nun darin, das Netz als öffentlichen Raum zu sichern, der allen und niemandem gehört, ganz wie die Software, aus der es gemacht ist. Eine kluge Verfassung für eine netzgestützte Gesellschaft muss dafür Sorge tragen, dass Kommunikation nicht von Kontrolle überlagert und erstickt wird: Ein fein austariertes postkybernetisches Programm also, das uns nach Jahren blinden Ringens zurücktreten lässt und Überblick verschafft; dessen Entwicklung die besten Köpfe in den kommenden Jahrzehnten voll auslasten wird.
Bis dahin ist Heimat die Komplementärfarbe, die der Bildschirm auf deine Netzhaut gebrannt hat.