Web 2.0 Expo Das Leben ist ein Lifestream
Online-Communitys und Social Networks sind wie iPods: Man braucht sie nicht wirklich und doch sind sie aus dem Leben vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. So wie die weißen Ohrstöpsel des Apple-Players sind auch Mitgliedschaften in den angesagten Online-Gemeinschaften zum Statussymbol geworden.
Soziale Netzwerke schicken sich an, zur zweiten Natur des Menschen zu werden. Für jeden Geschmack und jede Altersgruppe wird etwas angeboten. Die weltweit größte Plattform, MySpace, zählt weit über 50 Millionen Mitglieder. Facebook und StudiVZ richten sich vor allem an Studenten, Piczo an Teenager. Beim Microblogging-System Twitter teilen die Teilnehmer ihren Freunden ihre Aktivitäten per SMS mit. Das deutsche Startup Plazes interessiert sich für den Aufenthaltsort und die Plattform Dopplr für die Reisepläne ihrer Nutzer - damit diese sich in fremden Städten leichter verabreden können.
Für diese Form von offener und transparenter Online-Existenz kursiert bereits der Begriff "Lifestreaming". Glaubt man dem Medienberater und Blogger Stowe Boyd wird dies in naher Zukunft zum "dominanten Modus der sozialen Interaktion". Auf der Web 2.0 Expo in Berlin verkündete er, dass an der permanenten Online-Anwesenheit praktisch kein Weg mehr vorbeiführe. "Sie verändert die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen", sagte Boyd. Das Leben werde zunehmend zu einem Lifestream, in den alle Online-Aktivitäten eines Users einfließen. Microsoft hat das Web 2.0 und seine vielen Gemeinschaften längst mit dem Begriff "life software" belegt.
Die Zukunft gehört den Maschinen
Als einer der größten Fans dieses Begriffs entpuppte sich "Web 2.0"-Ikone Tim OReilly. In einem Gespräch mit Microsofts Europa-Chef Neil Holloway beglückwünschte er diesen ausdrücklich zu der griffigen Bezeichnung. OReilly, der als Erfinder des Web 2.0 gilt, hatte in einer Rede zur Zukunft des Mitmach-Internets "sensorenbasierte Applikationen" favorisiert. Vorbei die Zeit der Handarbeit. Die Zukunft gehört den Maschinen. Als Beispiel nannte OReilly das Musik-Netzwerk Last.fm, das den Musikgeschmack der Nutzer im Hintergrund beobachtet und daraus Abspiellisten ableitet. Ein anderes Beispiel sei Jaiku, ein finnischer Twitter-Klon, der anhand von Handynetz-Daten berechnet wo sich ein Handy-User gerade befindet.
Doch es sind bereits Ermüdungserscheinungen auszumachen. Kaum jemand mehr hat Lust, sich ständig neuer und langwieriger Anmeldeprozeduren zu unterziehen, sich die Benutzernamen und Passwörter jeder einzelnen Plattform zu merken. Die Anwender klagen beispielsweise, dass ihnen ihre mühsam erarbeitete Reputation bei eBay auf anderen Plattformen nichts nützt. Zunehmend in die Kritik geraten auch die "walled gardens", die umzäunten Gärten einzelner Portale, die es unmöglich machen, persönliche Daten von einer Community auf eine andere zu transferieren.
Initiativen wie OpenID oder die von Google ins Leben gerufene OpenSocial sollen in diesem Punkt Abhilfe schaffen. Mit OpenID ist es möglich, sich dezentral mit einem einzigen Benutzerkonto auf verschiedenen Plattformen wie etwa MyFriends oder Dopplr einzuloggen. "Es geht nicht darum, Daten lediglich zu sammeln, sondern sie sinnvoll zu verwalten", erklärte David Recordon von SixApart, die maßgeblich an der Entwicklung von OpenID beteiligt waren. "Dies ist nur mit offenen Standards möglich."
Privatsphäre nicht erwünscht
Aus nachvollziehbaren Gründen ist aber auch der Schutz der Privatsphäre in sozialen Netzwerken zum Thema geworden. Einerseits ist das verständlich, denn mitunter werden sehr intime Daten preisgegeben. Andererseits könnte man argumentieren, dass Privatsphäre unter "Freunden" etwas widersprüchlich klingt. Immerhin soll es sich ja bei den Hunderten von Online-Kontakten, die sich schnell in den Communitys ansammeln, um nichts anderes als Freunde handeln. Dennoch will man vielleicht nicht Jeden alles von sich wissen lassen.
Offene Standards wie OAuth (open authentification) wollen deshalb ein einfaches Identitätsmanagement ermöglichen. Jedem Kontakt können individuelle Zugriffsrechte auf persönliche Daten erteilt oder verweigert werden. Besonders praktisch wäre das im Geschäftsverkehr: Will jemand beispielsweise ein T-Shirt mit einem Flickr-Foto bedrucken lassen, kann man dem Anbieter eine Berechtigung für das eine Bild erteilen, ohne dass dieser weitere persönliche Informationen erhält oder andere Bilder sieht.
Werbung kann auch Information sein
Gleichwohl sind gewisse Zweifel angebracht, ob sich der Schutz der Privatsphäre im Web 2.0 durchsetzen wird. Der Geist dort ist jedenfalls ein anderer. "Jeder ist das Zentrum des Netzwerks", sagt "Web 2.0"-Berater Stowe Boyd. Mit anderen Worten: Jeder empfindet sich als Nabel der Welt. Doch je restriktiver man mit persönlichen Daten umgeht, desto weniger Persönlichkeit ist für andere zu erkennen. Wer nichts von sich preisgibt wird als langweilig empfunden.
Erst durch die Zusammenführung mehrerer Online-Identitäten zur einer Meta-Identität lässt sich der eigene Lifestream verwirklichen. Den könnten Werbetreibende und Unternehmen, welche die geheimen Konsumwünsche ergründen wollen, nach Herzenslust anzapfen. Doch damit hat Berater Boyd kein Problem: "Werbung, mit der ich etwas anfangen kann, ist Information."