Web-Auftritt Backstreet Boys und Ochsenknecht
Als Paul McCartney anrief, war für Bernhard Fritsch klar: Jetzt oder nie! "Können Sie mein Konzert im Cavern Club live ins Internet bringen?", wollte der Ex-Beatle wissen. Der 39-jährige Münchner konnte, auch wenn seine gerade ins Laufen gekommene Online-Firma MCY.com in New York fast Kopf stand. Das war erst vor einem Jahr. Gemessen an der Schnelligkeit, mit der sich das World Wide Web entwickelt, liegt das eine Ewigkeit zurück.
Dennoch denkt Fritsch, wenn er nicht gerade Zukunftspläne schmiedet, im Chefsessel seines Büros an der Avenue of the Americas in Manhattan gern an seinen ersten großen Interneterfolg zurück. Alle verfügbaren Techniker und Programmierer schickte er "damals" nach Liverpool. Webdesigner arbeiteten rund um die Uhr.
McCartney war die Idee nur wenige Tage vor seinem denkwürdigen Auftritt gekommen. Eine Stunde bevor er in die Saiten griff, hatten sich schon weltweit Millionen von Fans bei MCY.com eingeloggt. Mehr als 50-Millionen-mal wurde der McCartney-Link allein in den ersten vier Tagen nach der Show weltweit angeklickt.
Seitdem gilt Fritsch in Branchenkreisen als der Pionier der Online-Live-Konzerte. Der Internetanbieter Yahoo zeichnete ihn für das "Best Live Event Online" aus. Und auch den ersten "Oscar" der neuen Netzwelt konnte Fritsch einstreichen. Die nach dem Vorbild der US-Filmakademie geschaffene Academy of Digital Music Arts and Sciences ehrte MCY.com im September mit ihrer Trophäe "Best Webcast".
Das Spektrum der Stars, die der Deutsche inzwischen in das World Wide Web bringt, liest sich wie ein "Who is Who" der Weltmusik. Der Rapper Puff Daddy ist ebenso dabei wie der Tenor Luciano Pavarotti, Uwe Ochsenknecht gehört dazu, Carlos Santana sowieso, natürlich auch die unvermeidlichen Backstreet Boys, aber auch der noch relativ unbekannte rumänische Opernsänger Alexandru Badea.
Dass Fritsch in der Online-Branche als Hoffnungsträger gilt, hat vor allem zwei Gründe. Der Professor für Musiktechnologie an der New York University (seit 1991) hat nicht nur von Anfang an auf die bestmögliche technische Qualität gesetzt. Er hat auch darauf geachtet, dass die Urheberrechte gewahrt werden. Über "Piraten" wie Napster will der Münchner zwar nicht richten, aber sein Naserümpfen ist unübersehbar. Bei MCY.com gibt es Musik nicht kostenlos. Zwischen etwa einem Dollar (2,20 Mark) für einen Song und 15 Dollar (33 Mark) für ein längeres Konzert müssen Onlinekunden per Kreditkarte anlegen.
Wichtiger noch als die erwiesene Bereitschaft der Fans, für originäre Online-Musikereignisse auch zu bezahlen - die Firma des Bayern schrieb von Beginn an schwarze Zahlen -, ist eine Fritsch-Erfindung namens NETrax. In diesem weltweit patentierten und kostenlos mitgelieferten Format lassen sich Musik und Videos von MCY.com auf einen Computer und von dort auf ein digitales Abspielgerät herunterladen. Wer versucht, das erworbene Musikstück per E-Mail an Freunde zu verschicken, scheitert und wird dezent auf die Urheberrechte hingewiesen.
Fritsch sieht darin mehr als eine Chance zur Überwindung des "Kalten Krieges" zwischen den Plattenfirmen und den Onlineanbietern. Ihm geht es vor allem um die Rechte der Künstler. "Warum sollen wunderbare Interpreten nicht selbst entscheiden können, welche Musik sie veröffentlichen wollen?" Bei Fritsch können sie das und noch etwas mehr: Die Sofware NETrax erlaubt es den Musikern erstmals, am heimischen PC zu verfolgen, wie oft ihre Titel heruntergeladen wurden und damit, was ihnen MCY.com für die Verwertung der Rechte schuldet.
Dass die großen Plattenfirmen damit nicht ganz glücklich sind, ist dem an der Technischen Universität Berlin als Tonmeister ausgebildeten Bayern klar. "Bei uns entscheiden die Künstler, welche ihrer Stücke sie dem Publikum anbieten wollen, egal ob die einem Plattenboss gefallen oder nicht." Auch deshalb gibt es bei MCY.com keine fertigen CDs, sondern vor allem Musik, die woanders so nicht zu hören ist.
Thomas Burmeister, dpa