Web gegen Werbe-CDs: Massensammlung gegen AOL - DER SPIEGEL
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Web gegen Werbe-CDs Massensammlung gegen AOL

Werbe-CDs nerven, sind fraglos ein Umweltproblem - und helfen, Marktanteile zu sichern. Eine internationale Initiative versucht, die unverlangt zugesandten Silberscheiben wieder ihrem rechtmäßigen Besitzer zukommen zu lassen: Der heißt in Millionen von Fällen AOL.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In den Top 10 liegt Deutschland auf Platz 2, gleich hinter den USA. Weit abgeschlagen folgt Großbritannien, dann Frankreich und irgendwann Australien. Das ist kein Medaillenspiegel, sondern Stand der Dinge in einer seit über einem Jahr laufenden Protestaktion, die nach Auskunft ihrer Organisatoren mittlerweile "weltweit" laufe - und sich sehr gezielt gegen die allseits bekannten AOL-CDs wendet, die wohl jeder Bundesbürger bereits mehrfach in den Händen gehalten hat.

In den USA ist das nicht anders, und dort begannen vor rund eineinhalb Jahren Jim McKenna und John Lieberman mit einer Sammlung, zu der weltweit immer mehr Menschen ihren Beitrag leisten möchten: Die beiden Kalifornier sammeln AOL-CDs. Über 80.000 haben sie schon, fast 24.000 davon aus Deutschland - aber das reicht noch nicht.

Denn insgesamt haben sie es auf 17 Tonnen abgesehen, stapelbar auf eine Gesamthöhe von 1,2 Kilometern, so ihr selbst gestecktes Ziel: Eine Million CDs wollen sie per Lastwagen-Karawane zum Haupteingang des AOL-Hauptquartieres in Virginia zurückbringen. Die Logik dahinter ist einfach: Werbe-CDs seien eine Qual, eine Umweltsünde, und niemand versende mehr davon als AOL - also solle sich der Großprovider auch um das Recycling bemühen. Oder besser noch: die massiven Werbe-Mailings einstellen.

Doch die sind AOLs wichtigste Werbemöglichkeit. Der noch immer größte Internet-Provider der Welt wirbt gern mit Promis wie "Ich bin drin"-Boris-Becker, mehr noch aber mittels Vorinstallationen auf Neu-PCs und durch Werbe-CDs. Auf die, heißt es aus dem AOL-Hauptquartier, reagierten die meisten Kunden recht positiv. Den Organisatoren des No-more-Protests bot AOL-Sprecher Nicholas Graham gar süffisant an, mit ein paar tausend CDs aushelfen zu können, wenn sie noch ein paar zur Million bräuchten.

Im in Umweltthemen stets sensiblen Deutschland sind die Töne weit moderater: Hier zu Lande bietet AOL an, Werbe-CDs zum Recycling wieder zurück zu nehmen. Umweltexperten halten das für Unsinn: Die CDs seien Sondermüll, und wozu sollte man den Hin- und Herschicken? Dafür gebe es entsprechende Sammelstellen.

Gemeint sind da städtische, aber es gibt ja auch noch die der Aktion Nomoreaolcds: Die brauchen gerade noch 920.000 davon, damit sie mit der eigentlichen Aktion beginnen können - und meinen im Übrigen, dass man die CDs prinzipiell wirklich nicht verschicken sollte. Weder hin noch her.

Flatualpoesie im Dienst der Sache

Daran, dass die Aktionisten eine Million CDs zusammen bekommen könnten, glauben die AOL-Mächtigen offenbar nicht: Umso größer wäre der PR-Erfolg für Lieberman und McKenna, wenn sie es hinbekommen würden. Gegen AOL als Unternehmen, versichern beide, hätten sie absolut nichts. Ihre Initiative wollen sie als Aktion gegen Ressourcenverschwendung verstanden wissen.

Der haben sich mittlerweile Menschen und Gruppen in Frankreich, Großbritannien, Australien und Deutschland angeschlossen. Besonders effizient hebt derzeit Deutschland ab: Hier haben es die Organisatoren von Nomoreaolcds.org gleich hinbekommen, ein regionalisiertes Sammelstellen-System auf die Beine zu stellen - wo auch sonst, wenn nicht im Mutterland der Mülltrenner? Der Erfolg bestätigt das Konzept: Nicht nur zahlenmäßig, auch in Bezug auf kreative Inputs ist Deutschland nach den USA führend in der Aktion.

Deren Webseiten glänzen nicht zuletzt humorig durch zahlreiche notwendige alternative Nutzanwendungen für Werbe-CDs, auf die Unterstützer in den letzten Monaten kamen, denn erfahrungsgemäß können Werbemailings selten mit Erfolgsquoten über 3 Prozent rechnen - der Rest landet im Müll, bei Wiederholungs-Zusendungen mit steigender Quote.

Darüber sind sich auch, aus der Beobachtung ihres eigenen Verhaltens, die Empfänger der Mailings bewusst, von den manche ihren steigenden Frust auf der Nomoreaolcds-Website auch in dichterischer Form Luft machen. Aktions-Unterstützer Gene Graham ist dort zurzeit mit zwei AOL-Haikus verewigt. Eines davon geht so:

"AOL CDs
Eine tragische Plastikverschwendung
Wie Fürze im Wind"

Erhebend ist das nicht, aber es steigert die Popularität der Aktion.

Frank Patalong