Web-Geschichte: Vom Sahnestückchen zum Schnäppchen - DER SPIEGEL
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Web-Geschichte Vom Sahnestückchen zum Schnäppchen

Altavista ist ein Stern am Suchmaschinen-Himmel, der Geld verbrennt. Zum vierten Mal in fünf Jahren wechselt der Suchdienst seinen Eigner - und wurde vom Milliarden-Investment zum Schnäppchen.
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Als Mitte der Neunziger das WWW zu wuchern begann, schienen Suchdienste die Goldminen der entstehenden New Economy zu sein. Bis heute legendär ist die Geschichte von Yahoo!, dem Katalog, der Ordnung im Chaos versprach. Das Unternehmen von David Filo und David Young legte einen der spektakulärsten Börsengänge der Geschichte hin. Altavista, der ersten und über lange Zeit mit Abstand besten Volltext-Suchmaschine des Internet, gelang so etwas nie.

Dabei war der Suchdienst bis 1999 das, was Google heute ist: Ein Quasi-Monopolist, an dem kaum ein Sucher vorbei kam. Altavista, ursprünglich eine Entwicklung von Digital Equipment, hatte ein anderes Geschäftsmodell als Yahoo!: Als Suchmaschine im Web sollte es die Möglichkeiten der Technologie demonstrieren. Digital suchte für Altavista kein Geld an der Börse, sondern bei zahlungskräftigen Kunden, indem es die Technologie lizenzierte.

Zunächst mit Erfolg. Auch Yahoo kam nicht ohne Altavista aus: Der vergleichsweise langsam wachsende Katalog implementierte für die allgemeine Suche im Web die Volltextsuche von Altavista, andere Anbieter wie beispielsweise Fireball in Deutschland adoptierten und adaptierten die Engine und ihren Datenbestand.

Das Sahnestückchen: Schön (und teuer)

Reich wurde Digital mit diesem Modell nicht, aber attraktiv. 1998 verleibte sich die damalige Nummer 2 im weltweiten PC-Handel Compaq den ehemaligen Branchenriesen Digital für die stolze Summe von 9,6 Milliarden Dollar ein. Altavista, war damals aus der Firmenspitze von Compaq zu hören, sei das "Sahnestückchen".

An dem verschluckte sich Compaq so kräftig, dass das Unternehmen im Folgejahr einen Verlust von fast vier Milliarden Dollar ausweisen musste und mit Massenentlassungen begann. Abhilfe sollte ein Börsengang von Altavista bringen, der völlig verspätet ab Januar 1999 vorbereitet wurde.

Stattdessen kam ein Kaufangebot: CMGI bot für 83 Prozent der Altavista-Anteile die immer noch stolze Summe von 2,3 Milliarden Dollar. Schlechter hätte das Timing nicht nur wegen der sich langsam ankündigenden, in der allgemeinen Euphorie aber freudig ignorierten Dotcom-Krise kaum sein können: Zum Zeitpunkt des Verkaufs stand der Suchmaschinen-Pionier längst unter massivem Druck durch immer besser werdende Konkurrenten. Hotbot und Inktomi, Northern Light und bald auch der junge Google machten der ehemaligen Großmarke die Hölle heiß.

Auch Compaqs Hoffnungen, sich mit dem Altavista-Verkauf zu sanieren, erfüllten sich nicht. Der ehemalige Platzhirsch im PC-Geschäft war längst auf dem absteigenden Ast, überholt vom frechen Internet-Versender Dell, der sich ein Jahr später Nummer 1 der Welt nennen durfte und noch darf. 2002 schließlich hatte der Schrecken ein Ende und Compaq fusionierte mit Hewlett Packard: Unter dem Strich schluckte da eher der Große den inzwischen Kleinen.

Altavista wird zum Schnäppchen

Derweil versuchte CMGI nach wie vor, das Milliarden-Investment in Altavista zu klingender Münze zu machen. Doch inzwischen waren die Anleger aufgewacht und hatten begonnen zu begreifen, dass man nicht ewig nur Verheißungen kaufen könne. Ausgerechnet das Platzen der Dotcom-Seifenblase Boo.com, einer Art hoch gestylten, völlig überbewerteten Online-Boutique, brachte an den Börsen die New-Economy-Werte ins nicht enden wollende Rutschen: Im Januar 2001 verabschiedete sich CMGI von allen Börsenträumen.

Knapp zwei Jahre später verhökert nun CMGI die Maschine zum Schnäppchenpreis von nur noch 140 Millionen Dollar und reiht sich damit in die Reihe der Unternehmen ein, die den Besitz von Altavista mit Hoffnungen verbanden, und die stattdessen Milliardensummen verbrannten.