Web-Legende David Filo Yahoo, öffne Dich!
London - Für eine Web-Legende ist David Filo ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. 15 Jahre ist es her, dass er zusammen mit seinem Studienfreund Jerry Yang die Internet-Firma Yahoo gegründet hat, 13 Jahre, dass ihn der Börsengang zum Milliardär gemacht hat, doch es gibt kaum Berichte über ihn. Die Öffentlichkeit hat sich stets mehr für den Strahlemann Yang interessiert. Er sei ganz froh darüber, sagt der inzwischen 42-jährige Filo. "Mit Reportern zu reden oder um die Welt zu reisen, ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung."
Am vergangenen Wochenende hat der schüchterne Amerikaner sich mal rausgetraut aus dem Firmensitz im kalifornischen Sunnyvale. Er war in London, zum "Open Hack Day", einem von Yahoo gesponserten Programmierertreffen. "Es ist selten, dass ich so ein Werbe-Event mitmache", sagt Filo. "Aber hier geht es um Technologie, deshalb mache ich es gern."
Mehrere Dutzend Programmierer sind in das Tagungszentrum in der Nähe des Covent Garden gekommen. Einige lümmeln sich auf Sitzsäcken, andere sitzen hinter ihren aufgeklappten MacBooks. Mitarbeiter mit hellblauen Yahoo-Hemden und Walkie-Talkies wuseln umher, am Eingang gibt es lila Yahoo-T-Shirts und Jelly Beans. "Gratis-T-Shirts, die Währung der Hackergemeinde", kommentiert Alec Muffett, ein 41-jähriger "Sun"-Mitarbeiter, selbstironisch.
Ein hoffnungsloser Fall?
Die Einladung an fremde Programmierer, sich zu treffen und mit Yahoo-Code zu spielen, ist Teil der "Yahoo Open Strategy". Die Öffnung nach außen soll dem Unternehmen helfen, wieder innovativ zu werden. Der einstige Web-Pionier ist ein Schatten seiner selbst, die Trends setzen seit Jahren andere. Neben Google, Facebook und Twitter wirkt das Internet-Portal Yahoo verstaubt, hinkt hinterher, gilt als hoffnungsloser Fall - nicht zuletzt bei Börsianern, die den Aktienkurs immer tiefer treiben. "Portal of Doom", titelte der "Economist" im vergangenen November.
Seit Jahren sucht Yahoo nach einer neuen Erfolgsstrategie. Eine Zeit lang wollte man Medienfirma werden und eigene Inhalte produzieren - Symbol dafür waren die Yahoo-Blogs aus dem Irakkrieg. Als das scheiterte, wurde die Jagd auf Suchmaschinen-Champion Google zum Unternehmensziel erklärt. Inzwischen ist auch das als vergeblich erkannt worden, Google ist einfach immer einen Schritt voraus. Nun will Yahoo sich öffnen. "Wir helfen anderen Leuten, auf unserer Software aufzubauen, so dass unsere Chancen steigen, beim nächsten großen Ding im Internet dabei zu sein", erklärt Filo.
Was ist ein "Chief Yahoo"?
Über 250.000 API-Schlüssel hat Yahoo ausgegeben, das heißt, mehr als 250.000 Programmierer in aller Welt basteln an Verbesserungen für Yahoo-Software. In gewisser Weise ist die "Open Strategy" das Eingeständnis, dass man alleine nicht mehr weiter weiß.
Um zu unterstreichen, welch zentrale Rolle unabhängige Programmierer künftig spielen sollen, eröffnet der Firmengründer persönlich den 24-stündigen Hack-Marathon. "Es gibt dem Ganzen eine besondere Bedeutung, wenn David oben auf der Bühne steht", erklärt Cody Simms, ein Produktmanager des Unternehmens.
Die Gründer Filo und Yang werden weiterhin als Aushängeschilder eingesetzt. Sie tragen immer noch den mysteriösen Titel "Chief Yahoo", doch auf die Frage, was das denn sei, weiß Filo auch keine rechte Antwort. Er sei von Anfang an für die Technologie zuständig gewesen, sagt er, und das sei bis heute so geblieben. Allerdings trägt die Verantwortung inzwischen ein Chief Product Officer - Filo berät nur noch.
"Ich programmiere immer noch besser als Yang"
Ist er noch auf dem Stand, was das Programmieren angeht? "Nein", sagt der stille Tüftler. "Ich programmiere noch ein bisschen hier und da, aber meistens 'Legacy Stuff'. Ich bin schließlich von Anfang an dabei, deshalb helfe ich aus, wenn niemand mehr weiter weiß". Er lächelt. "Ich lerne auf so einem Hack Day auch dazu".
Er könne aber immer noch besser programmieren als Yang, sagt Filo. Der sei "smart" gewesen und habe sich gleich ins Management verabschiedet. Dort rangiert Yang inzwischen allerdings auch nur noch unter ferner liefen: Im Januar trat er nach anderthalb erfolglosen Jahren als CEO zurück. Der Umsatz war vergangenes Jahr um magere drei Prozent gestiegen. Ein Übernahmeangebot von Microsoft hatte Yang abgelehnt - was im Nachhinein als Fehler angesehen wird. Der Aufsichtsrat holte die langjährige Chefin des Software-Herstellers Autodesk, Carol Bartz, aus dem Ruhestand, um Yahoo wieder auf Kurs zu bringen. Die resolute 60-Jährige setzt auf schonungslose Bestandsaufnahme: Gegenüber dem Wirtschaftsmagazin "Fortune" bekannte sie kürzlich, sie selbst benutze auch lieber Google-Maps, die seien einfach besser.
"Das ist cool. Mehr brauchen die nicht"
Das Google-Trauma sitzt tief. Man habe über eine Milliarde Dollar in die Yahoo-Suchmaschine investiert, sagt Filo. Sie sei viel offener und flexibler als die von Google. Doch davon muss er die Welt erst noch überzeugen: In den USA beträgt Yahoos Marktanteil nur rund 20 Prozent, in Europa ist er gar einstellig. Mit neuen Programmierer-Tools wie BOSS und Yahoo User Interface (YUI) will die Firma nun die Vernetzung mit dem Web vorantreiben. Ihr größter Trumpf dabei: Die monatlich mehr als eine halbe Milliarde Nutzer der Yahoo-Website. "Wer eine Anwendung für Yahoo-Mail schreibt, erreicht Hunderte von Millionen Menschen", wirbt Filo.
Umgekehrt ist Yahoo darauf angewiesen, dass möglichst viele Leute Anwendungen für die Yahoo-Plattform schreiben. Treffen wie der "Hack Day" - es ist der fünfte seit 2006 - sollen den Coolness-Faktor in Fachkreisen steigern und für die Verbreitung der eigenen Software sorgen. "Je mehr Leute eine Technologie benutzen, desto wichtiger wird sie", sagt Teilnehmer Muffett. "Es ist wichtig, emotionales Kapital zu schaffen."
Die Programmierer in London tun Yahoo den Gefallen offensichtlich gern. Die Frage, warum man ohne Bezahlung für eine Firma arbeiten sollte, stellt sich hier niemand. "Die sagen sich: Ich schreibe ein Programm, was Tausende Leute benutzen", sagt Muffett. "Das ist cool. Mehr brauchen die nicht."
"Ich bin hier, um Spaß zu haben", bestätigt der 22-jährige Shawn McDonald grinsend. Aber eines werde sich wohl nicht so schnell ändern: "Googlemail ist besser als Yahoo-Mail."