Web-Stars Congdon startet durch
Es gibt eine Regel in der Welt des Webs, die es bei aller Multimedialität noch immer deutlich von der Welt des Fernsehens scheidet. Wer im Web zum Star wird - egal, ob versehentlich, zufällig oder weil er oder sie wie eine Motte zum Licht gen Ruhm drängt - sollte tunlichst seinen Auftritt nicht verändern, entwickeln, variieren wollen.
Ex-Rocketboom-Star Amanda Congdon: Crossmedial vermarktbares Konzept (und Gesicht)
Foto: amandacongdon.comDenn die Stars des Web stehen wie Abziehbilder statisch für etwas ganz bestimmtes: Garry Brolsma wird für immer und ewig der Numa-Numa-Sitztänzer sein, Cahir der Mensch mit der doofen "I kiss you"-Webseite, der "Tourist of Death" für immer auf dem WTC stehen. Den Namen Ghyslain Raza kann und will sich auch nach mehr als vier Jahren unfreiwilligen Ruhmes niemand merken, wo "Starwars-Kid" doch so einprägsam ist. Es bleibt auch abzuwarten, ob die neuseeländische Schauspielerin Jessica Rose noch wahrgenommen wird, wenn sie ihr Alter Ego lonelygirl15 einmal abgelegt hat. Denn bisher hatten alle Prominenten des Netzes eines gemeinsam: Man verzeiht ihnen nicht, wenn sie etwas anderes tun, vielleicht gar Kapital aus ihrer Prominenz schlagen wollen.
Bei Amanda Congdon scheint das anders zu sein, obwohl sie eine "Motte" ist: Die US-Schauspielerin suchte und forcierte ihre Popularität im Web. An ihrer Web-Karriere war nichts zufällig.
Nach ersten Gehversuchen auf der Bühne und im TV wurde Congdon im Oktober 2004 zum Gesicht von Rocketboom, einem der ersten täglich produzierten Web-Videocasts weltweit. Eineinhalb Jahre später hatte ihr das eine fast permanente Medienpräsenz eingebracht und Auftritte und Gastrollen in populären Main-Media-Produktionen. Symptomatisch ist da ihr Gastauftritt in Jerry Bruckheimers "CSI", wo sie sich selbst spielen durfte. In einer Zeit, in der die Welt aufs Web schaut und das Fernsehen zunehmend als überaltertes Trash-Medium in andauernder Inhalts-Krise sieht, sind Web-Stars echte Helden von heute, selbst wenn sie - wie Congdon - mitunter ziemlich hölzern rüberkommen.
Mashup-Girl: TV- trifft Web-Welt
Das aber, behaupten ihre Fans, sei Konzept und Teil ihres Comedy-Images und ja gerade erfrischend anders als bei den geleckten Gestalten der TV-Dauerlächler. Das muss auch der Sender ABC so gesehen haben, als er ihr ein wöchentliches Videoblog anbot, in dem Congdon seitdem jeden Mittwoch tut, was sie bis zu ihrem Ausstieg im Juli 2006 bei Rocketboom getan hatte - nur erheblich glatter produziert. Congdon balanciert dabei durchaus geschickt zwischen den Medienwelten: Den TV-Sofa-Kartoffeln erklärt sie die Web-Welt, die Web-Surfer erinnert sie daran, dass es da ja noch diesen anderen Monitor gab.
Ihre Präsenz im Web ist seitdem trotzdem deutlich gesunken, während ihre TV- und Presse-Präsenz noch steigt: Die liebe Community goutiert die vermeintlich unkommerziellen, aus der Web-Kultur erwachsenen Projekte, nicht so sehr aber die Imitate aus der kommerziellen Medienwelt. Congdon wird das egal sein, denn sie ist prächtig im Geschäft.
Zu ihren Nebenbeschäftigungen gehören regelmäßige Web-Reporterauftritte im amerikanischen Fernsehen, für HBO konzipiert sie mit ihrer Firma Oxymore Entertainment gerade eine eigene Show, und selbst an Rocketboom verdient sie noch ein wenig mit, hält 49 Prozent der Anteile an der Firma, die sie im Streit verlassen hatte.
Ihre Fan-Community scheint ihr das alles zu verzeihen. Für blip.tv produzierte sie die Web-Doku AmandaAcrossAmerica.com, schilderte dort in einem Video-Blog mal originell, mal völlig schmerzfrei andere plagiierend eine Reise durch die USA. Das populärste Video der Reihe, "Amanda Congdon dances across America", ist ein überdrehtes Abziehbild des Tanzvideos von Matt Harding, das immerhin zu den meistgesehenen Videos bei YouTube zählt (Platz 7 in den Charts des Jahres, beide Videos siehe unten).
Amandas Amerika-Tanz:
Heute geht zudem ihr nächstes Videoblog online, das sie endgültig als kommerzielle Medienfigur markieren sollte. "Starring Amanda Congdon" ist als wöchentliche Web-Sendung geplant und wird einmal mehr das Format von Rocketboom perpetuieren: In gewohnt halb-unlockerer, mitunter mädchenhafter, mimisch und gestisch überzogener Art, aber wahrscheinlich deutlich weniger görenhaft-rotzfrech als früher wird Congdon das Web und seine Welt präsentieren. Denn das neue Video-Blog wird von der Kosmetikmarke Dove bezahlt und hat vor allem einen Zweck: Congdon soll die Zuschauer zur Interaktion bewegen, und das mit dem Ziel, einen Dove-Werbespot zu entwerfen.
Wer der Star in diesem sein soll, steht auch schon fest und liegt wohl auf der Hand: Für Congdon steht also der nächste Karriereschritt bevor, sie mutiert zur Werbeikone mit Web-Kontext, zum crossmedial vermarktbaren Gesicht. Blip.tv und Dove planen unter anderem, das Marketing-getriebene Video-Blog via iTunes und MySpace zu verbreiten. Congdon flankiert die Aktion unter gekonntem Einsatz Web-2.0-typischer Mittel.
Als Plattform für das interaktive Brainstorming soll so ein eigens eingerichtetes Wiki dienen. Ob die Community wirklich ein Interesse daran hat, unentgeltlich an einer Marketing-Kampagne mitzuarbeiten? Abwarten, leer bleibt das Wiki sicher nicht: Wie man so etwas organisiert, hat Congdon wohl schon auf ihrer ersten Karrierestation gelernt. Nach der Uni landete sie zunächst bei der Werbeagentur Saatchi & Saatchi, bevor sie den Ruf von Bühne und Medien vernahm.
...und die erheblich ältere "Vorlage":
Congdon feiert all das als Sieg der Vlog-Kultur: Sie sei und bleibe eine Video-Bloggerin aus Überzeugung, und dieses "Sponsoring" ihres neuen Vlogs durch Dove dokumentiere nur, dass auch die große Medien- und Markenwelt zunehmend die Wichtigkeit der Netz-Community begreife. Ob die ihr das auch noch abkauft, bleibt abzuwarten: Das Zitat stammt aus einer professionellen Presseerklärung von Blip.tv, dem Dove-Partner. Solche Drahtseilakte funktionierten bisher nur im Fernsehen, wo etwa Stars wie Harald Schmidt doofe Kaffeewerbung machen können, ohne ihr kluges Image zu beschädigen. Die Etablierung eines Web-Stars aber, der sich von seiner Internet-Prominenz ernähren kann, wäre wirklich etwas Neues.