Web-Tipp Kunst aus Spam
Ein Radiosender, der den ganzen Tag Spam-Nachrichten vorliest, wer würde sich so etwas freiwillig antun? Aber Spamradio tut genau das und es hört sich gar nicht schlecht an. Da pluckert und plinkert die Musik vom Monotonik-Netzlabel und eine ebenso so sonore wie betonungslose Roboterstimme berichtet ununterbrochen von Viagra und Rolex-Uhren, von Aktienkäufen und interessanten Geschäftsangeboten aus Nigeria. Das merkwürdige: Die Spam-Berieselung nervt nicht, sie ist unerhört beruhigend.
Vielleicht kann man das so erklären: Spamradio, das sind abgetötete Aufmerksamkeitserreger, der Impfstoff gegen die Internetpest. Die Betreiber des Netzsenders antworten auf ein "Warum?" so: "Jeder hasst Spam. Massenmails sind der Fluch des Internets. Aber Spam hält ganz schön viel auf sich selbst. Es dringt mit viel Selbstbewusstsein täglich in dein Postfach ein. Es gibt immer einen neuen Sales-Pitch, eine neue Möglichkeit, dein Leben zu verbessern. Du musst einfach nur weiterlesen Etwas, das so wichtig ist, sollte man nicht ignorieren. Etwas, das so wichtig ist, verdient eine eigene Radioshow."
Bonus: Das " Best of Spamradio " mit launigen Beschreibungen. Zum Beispiel "Wilma sucks a beast - Very explicit, yet full of romance" oder "Become a Priest - One of the best offers you'll ever hear." Auch spannend: "Hey Buddy - A great spam with the most fantastic of endings."
Spam als Architektur
Der rumänische Künstler Alex Dragulescu hat ein Faible für Algorithmen, Rechenmodelle, Simulationen und Visualisierungen, deren Daten er von Datenbanken, Computer-Spielen, Blogs und Spam bezieht. Wem das zu technisch ist, der schaut sich einfach " Architektur aus Spam " an und weiß: So schön Spam zu Tönen sein mag, so hässlich sind die Mails als Objekt. Und da sage noch einer Architektur sei gefrorene Musik.
Übrigens: Nicht weniger interessant ist Dragulescus Blogbot-Projekt. Dafür zerrupft er Weblogs und erzählt aus den Textfetzen eine Geschichte über Krieg und Tod aus zwei Perspektiven: What I did last summer .
Spam ganz poetisch
Auch wenn Spam meist maschinell erstellt, von Internet-Robotern erdacht, aus Versatzstücken zusammengeklaubt, mit immer clevereren Programm-Code vor E-Mail-Filtern versteckt wird, so ist Spam doch auch ein Füllhorn der Kreativität. Das Spam Poetry Institute hat sich deshalb der Aufgabe verschrieben, die schönste Literatur der Spammer zu sammeln und zu erhalten. Doch wirklich schön ist die nicht:
Byrd, into the oblong,
Brazil, of humid heat,
Typesetting, at that same,
Brassiere, bang everybody turned.
Das hat auch "Sonic Youth"-Mitglied Lee Ranaldo bemerkt. Zu seinem Buch " Hello from the American Desert " ließ er sich von Internet-Werbung inspirieren, sammelte jahrelang Spam und nutzte sie als Grundlage für seinen eigenen Texte.
Wem das gefällt, dem präsentiert die Website Spamispoetry.com Klick um Klick "eine Sammlung der verzweifelten Schreie nach Zuwendung aus der Marketing-Gosse." Wie poetisch.
Spam als Comic
Zu den Kunden der britischen Illustratorin Linzie Hunter gehören respektable Medien wie der "Guardian" und das "Time Magazine" und möglicherweise auch der ein oder andere Spam-Fan. Denn Hunter durchsucht Spam nach rührenden, lustigen oder einfach nur hohlen Einzeilern, macht daraus bunte Bildchen und verkauft diese im Netz . So einfach ist es, aus den Mitteln der Geschäftemacher selber ein Geschäft zu machen.
Ein ähnliches Faible für Spam-Einzeiler trieb auch die kanadische Künstlerin Kipling West um: In ihrem Fresh-Spam-Blog illustrierte bis vor einem Jahr die oft mysteriösen Betreffzeilen der Werbe-Mails. Seitdem allerdings ist der Nachschub an Spam-Comics versiegt. Kiplings Argument: "Es ist schwierig zu spammen, wenn's draußen so schön ist." Hatte sie also ein ganzes Jahr lang Traumwetter? Wenn ja, dann ist Steven Frank wahrscheinlich ihr Nachbar. Auch er zeichnete auf seiner Website auf Spamusement.com bis Mitte 2007 noch von Spam-Überschriften inspirierte Comics . Seitdem herrscht Funkstille. An mangelndem Spam-Nachschub kann das wohl kaum liegen.