Web-Vandalen: Hackergruppe LulzSec wünscht "bon voyage" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Web-Vandalen Hackergruppe LulzSec wünscht "bon voyage"

Sie hacken die Netze der CIA, des US-Senats und von Sony und stellen gestohlene Daten online, um Regierungen und Firmen bloßzustellen: Doch jetzt kündigt die Hackergruppe LulzSec überraschend ihre Auflösung an. Die Sabotageakte dürften nach Expertenmeinung dennoch weitergehen.
Screenshot am Tag der LulzSec-Auflösung: Die Mitglieder wünschen "bon voyage"
Screenshot am Tag der LulzSec-Auflösung: Die Mitglieder wünschen "bon voyage"

Screenshot am Tag der LulzSec-Auflösung: Die Mitglieder wünschen "bon voyage"

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Nach nur 50 Tagen soll für LulzSec Schluss sein? Dabei dürfte der Hackergruppe doch der zuletzt - wenn auch kriminelle - Erfolg Lust auf mehr gemacht haben: Davon gehen zumindest Fachleute aus, die der jetzigen Abschiedsbotschaft der Gruppe nicht glauben wollen. Es sei an der Zeit, "bon voyage (gute Reise) zu wünschen", hatte LulzSec am Sonntag in einer "letzten Erklärung" im Internet mitgeteilt. Einen konkreten Grund nannte die nach eigenen Angaben sechsköpfige Gruppe nicht - zuletzt war jedoch der Fahndungsdruck auf die Netzpiraten gestiegen.

Mitglieder von LulzSec hatten in den vergangenen Wochen Regierungen und Konzerne in Atem gehalten: Sie waren unter anderem in die Rechner von Sony, des US-Senats und des Geheimdienstes CIA eingedrungen. Außerdem legten sie Internetseiten mit massenhaften Datenanfragen, sogenannten Denial-of-Service-Angriffen (DDoS), lahm. Der Name der Gruppe leitet sich ab vom englischen Szenewort "lulz" (LOL steht für "laugh out loud", laut lachen) und "Security" (Sicherheit).

Gründe, warum die Angriffe auch nach der Auflösung weitergehen dürften, gebe es genug, meinen Fachleute: Die Nachrichtenagentur AP hatte nach eigenen Angaben noch am Freitag mit einem der Hacker von LulzSec gesprochen. Bei dem Interview soll nichts daraufhin gedeutet haben, dass die Gruppe ihre Auflösung plant. Vielmehr soll das LulzSec-Mitglied erklärt haben, mindestens fünf Gigabyte Datenvolumen von Regierungs- und Polizeibehörden weltweit gestohlen zu haben, die in den kommenden drei Wochen veröffentlicht werden sollten.

Am Samstag gaben sie schon einmal eine Kostprobe, indem sie Dokumente und Login-Informationen, die offenbar von Gaming-Websites und Computernetzen von Unternehmen erbeutet wurden, ins Internet stellten. Bei einem Großteil der Dateien schien es sich um interne Dokumente des US-Telekomkonzerns AT&T zu handeln, in denen der Ausbau eines neuen, drahtlosen Breitbandnetzwerkes ausführlich beschrieben wird. Der Startschuss für das Netzwerk ist für diesen Sommer geplant. Ein Konzernsprecher konnte die Echtheit der Dokumente nicht bestätigen. Die am Samstag ins Netz gestellten Dokumente machen nach Angaben von LulzSec nur ein Zehntel der geplanten Veröffentlichungen aus.

Der Abschied der Hackergruppe via Twitter fiel damit ebenso medienwirksam aus wie ihre zweimonatige Aktion. LulzSec hatte anders als andere Hackergruppen immer die mediale Aufmerksamkeit gesucht und über Twitter mit der Öffentlichkeit kommuniziert. Beobachtern zufolge ist LulzSec ein Ableger von Anonymous, einer größeren, lose organisierten Hackergruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Hacker für ihren Kampf gegen ihrer Meinung nach unmoralische Ziele zu gewinnen - wie beispielsweise repressive Regimes im Nahen Osten und Gegner von WikiLeaks. LulzSec startete Hackerangriffe hingegen einfach zum Spaß, also für das "Lulz", was im Internetjargon für "Lachen" steht.

Nachahmer auf der ganzen Welt

Neben der Polizei machten auch rivalisierende Hacker Jagd auf LulzSec. Sie verbreiteten Informationen, die nach ihren Angaben zur Ergreifung der Hacker führen könnten - oder gingen anders gegen sie vor. So hatten etwa Mitglieder der Gruppe TeaMp0isoN vor wenigen Tagen die Website eines angeblichen LulzSec-Aktivisten verunstaltet. Sie hinterließen dort diese Botschaft für die angeblichen Möchtegern-Hacker von LulzSec:

"Egal, wie viele Bots ihr nutzt, wie viele Menschen ihr anlügt, wie viele vorgefertigte Werkzeuge ihr nutzt, ihr werdet NIEMALS die wahre Hackerszene repräsentieren. Wir haben euch gewarnt."
Die Drohung ist noch etwas länger, kurz zusammengefasst liest es sich, als würden Veteranen sich über kleine Jungs ärgern, die mit wenig Talent viel Ruhm einheimsen. Es geht darum, wer nun wirklich im Untergrund aktiv ist und wer nicht. Dieser Wettstreit ist absurd - man kann nicht zugleich unwiderlegbar als der wahre, von der Öffentlichkeit anerkannte Urheber einer Straftat gelten und anonym bleiben.

Unbekannte hatten zudem kürzlich mutmaßliche LulzSec-Mitglieder im Netz bloßgestellt. Die "Web Ninjas" hatten von einigen mutmaßlichen LulzSec-Mitgliedern Klarnamen und Wohnorte veröffentlicht. Es handelte sich dabei um einen Niederländer, einen Schweden und mehrere US-Bürger. Zwei der angeblichen Mitglieder haben sich auf SPIEGEL-ONLINE-Anfragen inzwischen gemeldet und erklärt, dass sie lediglich mit LulzSec-Mitgliedern gechattet hätten, aber selbst keine Mitglieder seien. Das zeigt, wie schwierig es ist, die wahren Identitäten der Täter im Netz aufzuspüren.

Der Sicherheitsberater und ehemalige Hacker Kevin Mitnick sagte jedoch, die Gruppe habe sich wahrscheinlich ausgerechnet, dass das Risiko, dass man ihnen auf die Spur kommt, mit jeder Aktion größer werde - deshalb wohl der Abschieds-Tweet. Sie hätten aber Nachahmer in der ganzen Welt gefunden, daher seien ähnliche Angriffe wie die von LulzSec auch nach deren mutmaßlicher Auflösung zu erwarten.

yes/AP/dpa