Webby Awards: Kein Oscar für Arme - DER SPIEGEL
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Webby Awards Kein Oscar für Arme

Zum fünften Mal wird der Webby-Award vergeben, eine Art Oscar für Websites. Die gebeutelte Branche fiebert der Gelegenheit entgegen, sich endlich einmal wieder selbst zu feiern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn die Börsenkurse ins Bodenlose fallen, wenn Firmen kollabieren und eine Industrie so in ihren Grundfesten erschüttert wird wie das Dot.com-Business, was bleibt da noch?

Das ist eine Frage, die die Organisatoren der Webby Awards  gar nicht stellen würden. Der kleine Web-Oscar wurde der Öffentlichkeit durchaus als Preis der Guten und Erfolgreichen verkauft, doch das war der Geist des Dot.com-Booms. Einmal einen Webby bekommen zu haben, das adelt den Web-Macher - eine Erfolgsgarantie ist es bei weitem nicht.

Immer waren die Webbys freier, nicht nur dem Mammon zugetan, dem kommerziell viel versprechenden Konzept, sondern tatsächlich der kreativen Kraft dieser hanebüchen chaotischen Industrie, die diesen Namen eigentlich nicht verdient.

Denn es gibt wenig, was sie eint. Industrien definiert man über ihr Produkt. Doch was - außer ihrem Verbreitungsweg - haben Websites wie PayPal, FuckedCompany, Baby Center, BBC Online und Indymedia gemein?

Heute zumindest ein Kriterium: Sie alle sind nominiert. Denn bei den Webbys treffen Nominierte in stolzen 30 Kategorien aufeinander, mit so vorhersehbaren Preisen wie den für "Bildung", "Kunst", "Mode" oder "Regierung" - aber auch dem Preis für seltsame Websites, dem "Aktivismus"-Webby oder dem für die beste private Website.

Dazu gibt es noch die "People's choice" und den Sonderpreis für ein auszuzeichnendes Lebenswerk. Sowohl, was die Zahl der Preise, die Anforderungen an das Sitzfleisch der Gäste als auch den festlichen Rahmen, die Präsentationsform angeht, imitieren die Webbys durchaus die Oscar-Nacht.

Und sie verspotten die Oscars

Alles ist schriller, bunter, krummer. Die unvermeidlichen, tränenreichen Dankesreden des Oscar-Brimboriums gibt es hier nicht. Die gute Gwyneth Paltrow hätte ihre Heulorgie auf die Kurzformel "Danke, Mutter. Danke, danke, danke" verkürzen müssen - denn exakt fünf Worte sind das Limit, an das sich alle Preisträger zu halten haben. Schließlich will man ja noch feiern, und zwar kräftig.

Die Webbys sind ein Kreativen-Event, der sich - trotz fortschreitender Kommerzialisierung - viel von seiner ursprünglichen Frische erhalten hat. So findet man in den Nominiertenlisten natürlich größere Unternehmen. Die meisten Seiten jedoch sind einfach nur gute Webseiten - egal, ob klein oder groß. Besinnlichkeiten wie OnceUponaForest finden sich darin, neben E-Commerce-Seiten und Indymedia, dem Lieblings-Newsdienst aller Autonomen und Globalisierungsgegner. Selbst das ist kein Problem, obwohl die Veranstaltung von vorn bis hinten gesponsert ist.

Die Wurzeln der Webbys

Tiffany Shlain gilt als Mastermind hinter dem Event, der sich in nun fünf Jahren zur wichtigsten Auszeichnung für Websites gemausert hat. Doch ursprünglich handelte sie in Auftrag: Ihr Arbeitgeber stellte ihr 1996 die Aufgabe einen "Award" aus der Taufe zu heben. Weil das Blatt, für das die Journalistin arbeitete "The Web" hieß, stand der Name des Awards schnell fest.

Bereits die erste Veranstaltung wurde ein Erfolg, "The Web" hingegen nicht. Das Magazin geht ein, doch der Award hebt ab. Ab sofort wird der Webby Award zum gesponserten Event - am Ende ist das eine Befreiung. Shlain gründet ein Jahr später ein Unternehmen, das sie als "International Academy of Digital Arts and Science"  verkauft - auch das eine Persiflage auf das pseudo-akademische Geschwätz der Film-Lobbyisten, die die Arbeit der großen Hollywood-Studios alljährlich beweihräuchern.

Auch die Webbys setzen auf Prominenz, und sie ziehen sie an. Den Durchbruch sieht Shlain im Juli 1999, als die Webbys erstmals auf einer Trivial-Pursuit-Karte auftauchen: Spätestens ab diesem Zeitpunkt waren die Webbys für alle Zeit der "Oscar für das Internet".

Wie heute Nacht, wenn es ab 1 Uhr im Live-Webcast  wieder heißen wird: "And the Winner is...". Und wem das zu langweilig und zu wenig interaktiv wird, der wechselt halt zu "Tele-Actor" , die im Rahmenprogramm die webbige Live-Berichterstattung bereichern. Da kann man per Mausklick entscheiden, mit wem als Nächstes gequatscht, geküsst, getanzt wird. Echt webby.

Frank Patalong