Webfundstück Billig-Sprit, richtig teuer
So richtig gerecht war das Leben nie zu unseren lieben Landsleuten im Süden: Nordlichter hatten ihre Butterfahrten, für die Menschen ganz tief im Westen gab es Venlo und Co., im Osten lockten Schnäppchen östlich des Vorhangs, nur im Süden ging man weitgehend leer aus. Frankreich war teuer, in Österreich kostete schon das Urinieren an Raststätten mehr als hier zu Lande der Sprit, und die Schweiz konnte man in Sachen Sparen völlig vergessen (sehen wir mal von den geheimnisvollen Banken ab).
Aus, vorbei, pantha rei, alles fließt: Die Zeit bleibt nicht stehen, die Welt verändert sich. Der Tripp nach Holland lohnt noch nicht einmal mehr, um dort Gouda zu kaufen, Butterfahrten sind eine langsam verblassende Erinnerung, der Vorhang ist gelüftet, und Schnäppchen gibt's heute bei eBay statt jenseits der Grenzen. Das weltgrößte Auktionshaus ist ein Trash- und Trödelmarkt der Unmöglichkeiten, dort gibt es alles, was es sonst nicht gibt - und das zu jedem Preis.
Teures ist dort billig, Billiges wird teuer verkauft: Irgendwo in der Grauzone zwischen Schnäppchenjagd, Abzocke, Zockerfieber und Web-Humor gibt es immer ein Brötchen für Millionensummen zu kaufen, eine Kleinstadt oder eine Niere. Mit den diversen eBay-Skandälchen und -Skurrilitäten ließe sich locker eine tägliche Kolumne füllen.
Seit zwei Tagen wird dort ein schmucker kleiner Kanister samt Benzin-Inhalt verhökert, Herkunftsland Schweiz.
In der Schweiz zu tanken lohnt sich zumindest für Selbstfahrer, denn bei den Eidgenossen ist der Sprit mittlerweile weit billiger als hier zu Lande. Der Liter Eurobenzin (95 Octan) kostet derzeit 1,33 Franken, was inzwischen als moderat empfundenen 91 Eurocent entspricht.
Wem die Grenze zu weit entfernt liegt, der könnte, wenn er wollte, sich nun bei eBay eindecken: Zumindest fünf Liter stehen da schon mal zum Verkauf . Doch bei dem Schnäppchenpreis wird es nicht bleiben, denn natürlich geht es den Anbietern auch gar nicht darum, wirklich in den Benzinhandel einzusteigen: Die ganze Auktion ist eine Aktion und soll nach Auskunft der Organisatoren eine Art flammendes Fanal dafür setzen, das
- a) darauf hinweist, dass Benzin kein Vermögen kosten muss, wenn man die eine oder andere Steuer weglässt;
b) eine Fortsetzung des Pisa-Tests darstellt, bei dem die Bieter auf die Probe gestellt werden: Nur bis zu einer gewissen Schwelle lohnt sich das Bieten. Danach ist der Sprit wieder an der Tanke billiger!
c) man "bei eBay jeden Mist" verkaufen kann.
Damit das Fanal nicht zu sehr flammt, entfallen bei dieser Auktion zumindest die sonst üblichen Versandkosten: Der Kanister kann entweder im Schwarzwald abgeholt werden, oder die Jungs bringen ihn vorbei: "Barzahlung bei Übergabe".
Die Erlöse, versichert der Schwarzwälder Cyrill Schumacher, der sich das Ganze zusammen mit Daniel Schneider ausgedacht hat, sollen "an eine soziale Institution" gehen, "welche wissen wir noch nicht, aber irgendeine, die mit dem Straßenverkehr in Verbindung steht".
Ah ja. Das alles sei zudem irgendwie eine Aktion gegen den Steuerwahnsinn: "Fragen Sie nicht, wie wir auf die Idee gekommen sind, aber der Kasten Bier war schon halb leer". Das ist erstens glaubhaft und liegt zweitens im Trend: Politischer Protest nimmt derzeit recht skurrile Formen an.
Ein wenig ernster fügt Schumacher hinzu: "Ich bin ja selbständig mit meiner GmbH und spüre, wieviel ich an Steuern und Abgaben zu zahlen habe, wie sehr der Mittelstand belastet wird. Da ist man doch froh, in der Schweiz tanken zu können, um wenigstens in diesem Punkt dem Eichel eins auszuwischen."
Na denn Prost, gute Fahrt oder was auch immer: Hauptsache nicht beides.
Frank Patalong