Weblog aus Riad: Hinterm dunklen Vorhang - DER SPIEGEL
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Weblog aus Riad Hinterm dunklen Vorhang

Ein Weblog gibt Einblick in eine verschlossene Gesellschaft: "Alhamedi", nach eigenen Angaben aus dem saudischen Riad, schildert mit einer gehörigen Portion Zynismus den Alltag zwischen religiös verbrämter Unterdrückung und Terrorgefahr im saudischen Königreich.
Von Stephan Zimprich
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Revolution in Saudi-Arabien begann mit dem gewaltsamen Tod eines Kamera-Handys: Mit einem Holzknüppel bewaffnet wollte der oberste Religionspolizist Turki al-Shamri ein Exempel statuieren und zertrümmerte das sündige, weil linsenbewehrte Gerät eines Studenten vor den versammelten Kommilitonen - als disziplinarische Maßnahme.

Was das mit einer Revolution zu tun hat? In Saudi-Arabien sind zwar normale Mobiltelefone erlaubt, nicht aber Fotohandys.

Erhältlich sind sie trotzdem überall - und der technische Fortschritt lässt sich auch im Nahen Osten nicht aufhalten. Die Verbreitung der kleinen Alleskönner ist bis jetzt auch durch das Verbot nicht zu verhindern - und jeder Versuch der Verbannung würde unweigerlich zum Regimesturz führen. Das behauptet zumindest "Alhamedi" in seinem Weblog: "Wenn die Saudis sich irgendwann auflehnen, um eine Revolution zu starten, dann nicht für Demokratie. Auch nicht für einen islamischen Staat. Es wird um Mobiltelefone gehen."

Seine Landsleute hätten eben eine besonders intensive Beziehung zu ihren Handys: "Du kannst einem Amerikaner seine Waffe nehmen und einem Engländer seinen Hund, aber niemals einem Saudi sein Handy."

"Alhamedi" ist der "Religious Policeman". In seinem Weblog - einer Art Tagebuch im Internet - beschreibt er den alltäglichen Wahnsinn in Saudi-Arabien. Unter den misstrauischen Augen der "Mutawas" - Polizisten der "Behörde zur Förderung der Tugend und Bekämpfung des Lasters" - ist die Verbreitung liberaler Ideen ein nicht ungefährliches Hobby. Denn die staatsreligiösen Tugendwächter und das absolutistisch herrschende Königshaus sind die bevorzugten Angriffsziele Alhamedis - und die begegnen öffentlicher Kritik an ihrem Treiben nicht gerade wohlwollend.

"Alhamedi" wagt viel

Schon im Vorwort seines Weblogs macht "Alhamedi" klar, was er von den lokalen Autoritäten hält: Sein Weblog sei das "Tagebuch eines saudischen Mannes" aus dem Leben im "magischen Königreich", wo die Religionspolizei dafür sorgt, "dass alles so bleibt wie im Mittelalter".

Sein Weblog widmet er 15 Schülerinnen aus Mekka, die 2002 beim Brand einer Schule umkamen. Die Religionspolizei erlaubte weder den Eingeschlossenen, das Gebäude zu verlassen noch den Feuerwehrmännern, es zu betreten, um sie zu retten - in Saudi-Arabien ist unverschleierter Kontakt zwischen Männern und Frauen verboten.

Mit seinem Web-Tagebuch hat Alhamedi es inzwischen zu einiger Berühmtheit gebracht: Artikel über seine sarkastischen Beobachtungen erschienen schon in englischen, australischen und arabischen Tageszeitungen, und eine Suchanfrage bei Google listet über 18.000 Treffer auf. Das Interesse ist kaum verwunderlich: Sein Weblog ist eines der wenigen Schlüssellöcher in ein Land, in dem Satellitenschüsseln wie Kamerahandys verboten sind und die Nutzung des Internets strenger Zensur unterliegt.

Besonders für den angeblichen Anti-Terror-Kampf der saudischen Regierung hat "Alhamedi" nur Spott übrig. "Der Innenminister Prinz Najef hat eine neue Strategie auf der Jagd nach Terroristen: Erst umzingeln wir sie, dann umzingeln wir sie komplett, und dann lassen wir sie gehen, wenn sie 'Entschuldigung' sagen, alles Gemüse aufessen oder ihr Bett sauber machen."

Abtauchen, wenn es eng wird

Die Berichterstattung über "Beinahe-Fahndungserfolge" komme aus dem Ministerium für Wahrheit, "Abteilung gute Nachrichten, nicht notwendigerweise einhundertprozentig richtig, vielleicht sogar manipuliert, aber gut für die Moral".

Soviel Zynismus kommt nicht gut an bei den Herrschenden - wenn sie das Treiben von "Alhamedi" denn bemerken würden. Die Reaktionen auf regimekritische Äußerungen in Saudi-Arabien sind harsch: Journalisten, die Kritik an der Arbeit der Regierung oder der rigiden Auslegung des wahhabitischen Islam äußern, verlieren ihren Job oder landen im Gefängnis. "Alhamedi", der nach eigenen Angaben in den USA und Großbritannien erzogen wurde, umgeht die strenge Überwachung des Internets mit einer Satellitenverbindung.

Vorsicht ist dennoch geboten. In den letzten Tagen war wenig Neues auf der Seite von "Alhamedi" zu lesen. Nach den Explosionen vom 21. April gebe es eine Menge "ungewöhnliche Aktivitäten" in der Stadt. Grund genug für "Alhamedi", erstmal den Ball flach zu halten: "Mein Weblog und meine E-Mail-Kontakte werden für eine Weile Winterschlaf halten. Besser sicher schweigen als reden und es hinterher bedauern."