Webtipp Die 500 Gesichter Osamas
Masood Khan und Farrah Jarral haben eine Mission: Der Filmmacher und die Assistenzärztin, beide muslimische Briten, wollen zeigen, dass die sogenannte muslimische Welt viele Gesichter hat - und nicht nur das Osama Bin Ladens. Ihr Plan: Auf ihrer Website Osama Loves werden sie 500 Gesichter und Geschichten von Menschen mit dem gleichen Vornamen sammeln: Osama.
50 Tage reisen Khan und Jarral dafür vor allem durch Afrika, erleben Städte, Menschen, Abenteuer, immer auf der Suche nach noch mehr Osamas. Doch die Website-Besucher sollen auch selbst herausfinden: Was liebt Osama? Und wer ist dieser Osama eigentlich?
Knapp 50 Osamas listet das Web-Projekt schon. In kurzen Videoclips erzählen sie von ihren Vorlieben. Osama der Ladenbesitzer aus Ägypten etwa liebt es zu lachen, Osama der Elektriker aus Nigeria liebt Polo und DJ Usama aus England liebt HipHop. Andere Osamas lieben Fleischklöppse, Web-Design, den Nil, Kunst, ihren Nachbarn, Kürbiskerne, gefüllte Weinblätter oder einfach nur ihre Mutter. Unterm Strich ist Osama ein ganz normaler Mensch.
Das ist natürlich nur die oberflächliche Botschaft von Osama Loves, dem Web-Projekt, das im September auf dem britischen Fernsehsender Channel 4 auch als TV-Dokumentation ausgestrahlt wird.
Das Gesicht des Terrors
Der Name Osama steht für einen Menschen: löwengleich, mutig und tapfer. Viel mehr noch aber steht der Name Osama für den radikalislamischen Terror. Schwarzer Rauschebart, zittrig erhobener Zeigefinger, diese fleischigen Lippen. So sieht der Terror aus. So sieht Osama aus. Osama bin Laden. Ein Stereotyp für eine Religion. Aber kann dieser Name auch ein Stereotyp für 1,3 Milliarden Menschen sein, die zunächst nicht viel mehr vereint als ihre Religion?
Dass die Osamas auf der Seite den Vornamen mit einem Terroristen teilen ist nur der Köder. Der Name macht neugierig, weckt aber insgeheim Assoziationen und Vorurteile - die an der ganz trivialen Normalität der porträtierten Osamas scheitern. En passant wird so eben nicht nur das Klischee des Namens Osama aufgebrochen, sondern die zugrundeliegenden Vorurteile gegenüber einer Welt, mit deren Bewohnern wir unsere ganz alltäglichen Wünsche, Hoffnungen und Sorgen teilen, auch wenn sie weit entfernt leben. Und sei es Fußballvernarrtheit, wie sie Farah Jarral kollektiv unter den interviewten Namensvettern in Nigeria feststellte .
Viele Namen, ein Problem
Ganz neu ist die Idee von Osama Loves nicht. 2004 drehten Mahmoud Kaabour und Tim Schwab die TV-Dokumentation "Being Osama", die sechs kanadischen Osamas in ihrem Alltag nach dem Attentat vom 11. September 2001 folgt. Doch während "Being Osama" vor allem die Probleme dieser Menschen mit verdächtigem Namen in den Mittelpunkt rückt, geht Osama Loves noch einen Schritt weiter. Khan und Jarral fordern fast schon heimlich zur Verbündung mit den Osamas auf: Die Mitmachkraft des Internets soll Osamas und Nicht-Osamas zusammenrücken lassen.
Denn 500 Osamas in 50 Tagen zu finden, werden Khan und Jarral nur schwer schaffen. Sie rufen im Blog deshalb die Leser auf: Wir brauchen eure Hilfe. Wer einen Osama kenne, soll ihn filmen oder fotografieren. Wobei Osama im Bild ein Blatt Papier hochhalten soll, das ein Herz zeigt, und das, was Osama liebt.
Sollten sich genug Leute anhand des Namens Osama über ihr Verhältnis zu Muslimen und ihrer Vorurteile und Annahmen Gedanken machen, wäre das Projekt schon erfolgreich. Geheimer Wunsch ist natürlich die Verständigung. Denn was im Internet meist recht problemlos funktioniert, kann in der stofflichen Welt ganz schnell schon an einer Kleinigkeit scheitern. Zum Beispiel an einem Namen.