Werbe-Mail-Müll Teure Reise nach Spamistan
Jetzt reicht's. Bin doch keine Schreibmaschine. Immer nur Arbeit; dabei hätte ich das gar nicht nötig. Ein Blick ins E-Mail-Fach reicht: Da warten die Millionen nur darauf, dass ich sie abhole. Ich glaube, da surf ich mal vorbei.
Denn was kostet die Welt? Wer sein E-Mail-Postfach aufmerksam beobachtet, bevor er die täglich hereinschneienden Werbemails löscht, kennt die Antwort: 49,95 Dollar.
Dafür bekommt man zum Beispiel 30 Tagesdosen "HGH", und das kann man in hiesigen Apotheken nun wahrlich nicht kaufen. Warum, wird wohl ewig ein Rätsel bleiben: Schließlich ist das mal eine Medizin, die wirklich was bringt (sagt die E-Mail-Werbung). Eine Reform unseres Gesundheitswesens in liquider Form, so zu sagen. Zum vielfältigen Wirkungsspektrum gehören:
- 8,8 Prozent Muskelzuwachs
- gesteigerte sexuelle Performance
- reduziert Falten und glättet die Haut
- reduziert Körperfett um 14,4 Prozent
- lässt ausgefallene Haare wieder wachsen und stärkt das Haar
- gibt Energie
- erhöht die Körperkraft
- eliminiert Cellulite und überflüssiges Fett
- verstärkt die Sehkraft
- ...und vieles mehr!
Ja, da müsste man doch mit dem Hammer barbiert sein, wenn man all das nicht wollte, noch dazu für schlappe 49,95 Euro! Da fehlt ja eigentlich nur die abrupte Anhebung des IQ im Leistungsspektrum der Pille!
Und vielleicht die Möglichkeit, abzunehmen, während man vor dem Fernseher liegend Pizza isst? Ach was, das kann ja schon "Power Diet Plus", mit der man auf ganz natürliche Weise 10 bis 15 Pfund pro Woche verliert. Und wie viel kostet der Doppelpack? Siehe oben!
- Infoseite zum Thema:Dialerschutz.de
- "Chip"-Download:das Anti-Dialer-Programm YAW
- Freiwillige Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste e.V.
Andererseits, sagt diese andere E-Mail von 21.53 Uhr (wer ist da noch im Büro?), könnte ich mir für den gleichen, kleinen Unkostenbeitrag kostenlos fünf Millionen Dollar von der US-Regierung holen. Die verschenkt nämlich gerade wieder Geld. Ist ja Weihnachten. Nur das Formular ausfüllen, 49,95 Dollar zahlen, und schon geht sie ab, die Post. Wenn Sie in den nächsten Monaten nichts mehr von mir lesen, wissen Sie ja, woran es liegt.
Denn mit fünf Millionen in der Tasche interessiert es nun wirklich niemanden mehr, ob ich dick oder faltig bin, einen Job, Intelligenz (Doktortitel gibt's ja gerade für 49,95 Dollar!) oder noch Haare habe, meine Muskeln noch wachsen oder meine Erektionsfähigkeit und Bettperformance noch stimmen.
Dünger für Dongels
Mit solchen Sachen gibt es heute ja sowieso kein Problem mehr. Wenn man(n) nur will, wirft man halt täglich eine Pille ein, und das Dongelchen beginnt zu wachsen. Nein, gemeint sind nicht Viagra und Co., dieser langweilige Käse: gemeint ist "Maxaman". Kennen Sie doch! Das Zeug aus der "Increase your Penis-Size"-Werbung. Täglich in Ihrem E-Mail-Postfach!
Schlapp fünf Zentimeter Größenzuwachs in 22 Tagen schafft die Chemikalie. Und das, obwohl die Maxaman-Therapie völlig auf "Hängegewichte, komplizierte Saugpumpen, gefährliche operative Eingriffe und schmerzhafte Übungen" (?!?) verzichtet. Eine Pille einwerfen, schon wächst das. Wie beim Düngen.
Das muss man sich mal vorstellen. Da käme man locker auf 30 Zentimeter in vier Monaten, und das völlig ohne Nebenwirkungen. Wow!
Jetzt aber mal sachlich: Stichwort "Dialer". Was zunächst lustig wirkt, verursacht empfindlichen Schaden - nervlich wie finanziell. Wie funktioniert die Bauernfängerei im E-Mail-Postfach, und was kann man dagegen tun? Weiter...
Themenwechsel: Bleiben wir mal auf dem Teppich
Was soll's? Natürlich schickt die US-Regierung keine fünf Millionen, wenn man ihr 50 Dollar überweist. Natürlich wirkt HGH nicht gegen absolut alles, und wer Maxaman konsumiert, hat außer HGH wahrscheinlich schon alles probiert. Ganz im Ernst: Das Experiment, die allmorgendliche Spam-Flut einmal beim Wort zu nehmen, sich die Seiten hinter der E-Post einmal anzuschauen, statt den Müll nur zu entsorgen, ist schon ein ganz besonderes Erlebnis.
Und alles andere als risiko- und nebenwirkungsfrei: Hinter vielen der Links verstecken sich obskure "exe"-Dateien, die stante pede den Weg zur Installation suchen. Der Klick auf "Singlesuche" bei den Partner-vermittelnden Weihnachtsengeln von "xmas-angels" öffnet ein automatisches Installationsfenster. "In ein paar Sekunden", steht da, "haben Sie uneingeschränkten Zugang zu unserem gesamten Datenbestand. Klicken Sie einfach auf 'Ja!' in der Dialogbox."
Kein guter Plan wäre das, selbst für ganz, ganz einsame Gemüter: Auch wenn die "Weihnachtsengel" vielleicht die einzige Singlebörse sind, wo man sich potenzielle Partner gleich nackt ansehen kann, wenn man mag, heißt das noch lange nicht, dass das Ding keine Mogelpackung wäre.
Ein Blick in die Adresszeile des Browsers ist die einzige Aufklärung darüber, was man sich mit dem Klick antäte: Natürlich kommt das kleine Programm, mit dem man Datenbankzugang erhält, als 0190-Dialer daher. Und obwohl die Seite zumindest auf den ersten Blick relativ seriös daherkommt, überrascht es kaum, dass nur zwei Links überhaupt nicht funktionieren: Die auf "Impressum" und auf "AGBs".
Die "deutsche" Singlebörse sitzt in Spanien, und nur der Dialer kommt aus deutschen Landen: Der wird von den Servern von www.0190-dialer.com aus Eschborn heruntergeladen. Das sollte zumindest sicher stellen, dass der Betreiber auf Beschwerden bei der "Freiwilligen Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste" reagiert - spätestens aber auf einen geharnischten Brief aus Anwalts Feder.
Das ist Hardcore: Abzocke pur
Denn natürlich geht es bei solchen Dialern zumeist um Nepper, Schlepper und Bauernfänger. Die sind sowohl im Bereich der Spam-E-Mail als auch bei den 0190er-Angeboten dermaßen in der Überzahl, dass man sich fragt, worüber Werbe-Lobbyisten und Politiker reden, wenn sie überhaupt noch "seriöse Anbieter" erwähnen. Die bekommt man nur selten zu Gesicht.
Häufig ist dagegen gerade in den letzten Monaten eine Masche, die weit intelligenter daherkommt als die platten Porno-Mails in englischer Sprache: Da schreibt ein Absender mit Allerweltsnamen und nimmt Bezug auf einen anderen Allerweltsnamen.
Das kann zum Beispiel so aussehen: Ein Absender namens "Markus" schreibt in die Betreffzeile "Wegen Claudia". Oder eine imaginäre "Petra" erinnert "...noch mal wegen neulich". "Andrea" beantwortet anscheinend eine Mail "re: so nicht!". Ein angeblicher Anwalt schickt eine "letzte Mahnung!".
Meistens kommen solche E-Mails als Html-Datei daher. Was vielen nicht klar ist: Das ist nichts anderes als der Aufruf einer Website. Man hat also schon in dem Augenblick, in dem man die Mail öffnet, einen Kontakt zum Server des Abzockers hergestellt. Der weiß nun zumindest, dass die Adresse, die er blind bespamt hat, wirklich existiert. Für einen weiteren, fröhlichen Müll-Postfluss ist damit gesorgt.
Wer sich dann noch auf die Webseite hinter der E-Mail einlässt, bekommt dort in der Regel irgendein Nacktbild zu sehen. Das reicht vom vergleichsweise züchtigen Pin-up bis zu hardcore-pornografischen Abbildungen. Verbunden ist beides stets mit irgendwelchen Links, auf die die Seite einen Klick zu provozieren sucht. Wer sich darauf einlässt, hat sich mal wieder einen Dialer gefangen, und der Telefonzähler beginnt zu rattern.
Gegenmittel: Was man gegen Spam und Dialer unternehmen kann - und was nicht. Weiter...
Gegenmittel: Was tun?
Die Antwort auf diese Frage ist in der Regel selten befriedigend: Zunächst einmal Nichts - zumindest gegen die erste Stufe der Abzocke, den Spam. Das beste Rezept gegen die Belästigung durch Spam ist die Einhaltung bestimmter Verhaltensregeln. Gegen Dialer sollte man dagegen etwas unternehmen, und zwar am Besten präventiv:
- Keine Mails öffnen, die man als Spams erkennt, sondern umgehend löschen.
- Niemals Beschwerden an den Absender schicken: Der ist meistens nicht echt - und wenn, dann fasst er die Beschwerde höchstens als "Ich will Spam!"-Abo auf.
- Niemals Dialer installieren, noch nicht einmal herunterladen. Pop-Menues aufmerksam lesen: manche Dialer-Installierer tarnen sich als "Alters-Check" oder Ähnliches
- Für die Teilnahme an Online-Gewinnspielen, für die Registrierung diverser Dienste wie z.B. den AOL Instant Messenger (AIM) und vieles mehr ist es sinnvoll, eine Freemail-Adresse einzusetzen, die nur dem Abfangen von Spam dient. Es gilt die Faustregel: Je seltener die private oder geschäftliche E-Mail-Adresse öffentlich wird, desto schwerer ist es für Spamer, an sie heranzukommen.
- Auf den Internet Explorer von Microsoft verzichten: Er ist der einzige Browser überhaupt, über den - bei voll aktivierten ActiveX - eine Dialer-Installation durch bloßen Besuch einer Website möglich ist. Mit Opera, Netscape und vor allem Mozilla stehen genügend Alternativen bereit.
Relativ guten Schutz bieten inzwischen auch Dialer-Schutzprogramme, die man allerdings stets up to date halten muss. Als gutes und zudem kostenloses Programm gilt hier YAW, "Yet Another Warner" von Andreas Haak. Das Programm ist so etwas wie eine auf 0190-Wählvorgänge spezialisierte Mini-Firewall, die jeden solchen Versuch erst einmal anmeldet und beim User nachfragt. Der kann den Versuch dann unterbinden.
Gegen die Nepper und Betrüger ist meist wenig zu unternehmen - schlicht, weil sie zu oft jenseits der Grenzen sitzen. In vielen Fällen, in denen man nachweisen kann, dass die Installation des Dialers untergeschoben war, hilft der Einspruch gegen die oft exorbitant hohen Telefonrechnungen - denn natürlich verdient die Telekom an den 0190er-Nummern mit. Das aber darf sie nicht, wenn das mit Betrug verbunden ist: der Gesetzgeber versucht gerade, hier nach viel zu langem, unverständlichen Zögern endlich eine verschärfte Rechtslage zu schaffen.
Den vollständigsten Schutz gegen Dialer bietet die Vollsperrung aller 0190er-Nummern und ihrer Anverwandten durch den Telekommunikationsanbieter. Das allerdings hat den Nachteil, dass man seriöse Angebote nicht mehr nutzen kann. Zu denen gehören unter anderem die Anbieter von Internet-by-Call-Diensten, bei denen man für den Internet-Zugang nicht etwa besonders viel, sondern besonders wenig bezahlt. Eine bittere Pille.
DSL-Surfer sind vor Dialern zwar sicher (die greifen nur bei Analog- und ISDN-Zugängen), sind aber andererseits dem Werbemüll ebenso ausgesetzt, und andererseits ein Lieblingsziel diverser Möchtegern-Hacker und Skript-Kiddies. Besuche auf Webseiten, die man per Spam "kennen gelernt" hat, können die Zahl der von der Firewall abgefangenen Portscans schon merklich erhöhen. Auch hier gilt der Grundsatz: Wer sich in Schmuddelecken herumtreibt, macht finstere Gestalten auf sich aufmerksam.