Dating-App Willow Tinder mit Tiefgang
Willow-Screenshot: Fragen der Nutzer sollen das Eis brechen
Wer nutzt eigentlich Tinder, wenn er ernsthaft jemanden kennenlernen will? Diese App, in der man Fotos von Menschen aus der näheren Umgebung mit einem Wisch bewerten und diese Menschen bei Gefallen kennenlernen kann, ist eher für kurze Bekanntschaften geeignet. Bei einem One-Night-Stand ist die Persönlichkeit zweitrangig, es kommt eher auf das Äußere an. Wer sich aber an einem einsamen Freitagabend einfach spontan mit Leuten aus der Nähe auf ein zwangloses Bierchen treffen will - dem bringt Tinder wenig.
Für solche Fälle ist jetzt die App Willow gestartet. Willow funktioniert zunächst ohne Fotos. Man loggt sich mit seinem Facebook-Account ein, gibt das gesuchte Alter und Geschlecht ein, und erlaubt der App, auf den eigenen Standort zuzugreifen. Ohne funktioniert es nicht. Die App scannt dann die Umgebung nach den nächsten Nutzern, ganz wie bei Tinder. Nur zeigt Willow statt Fotos dann Fragen anderer Nutzer an.
"Wie stellst du dir deine Zukunft in 5 Jahren vor?", steht da zum Beispiel. "Halb voll oder halb leer?" "Magst du Star Wars?" Oder: "Do you ever think about Zombie apocalypse?" Im Gegenzug kann man im eigenen Profil selbst drei beliebige Fragen eingeben, die anderen Nutzern in der Umgebung gestellt werden.
"Willst du heute Sex haben?" reicht nicht für ein Date
Und nun wird, wie bei Tinder, auch ein bisschen gewischt: Habe ich keine Lust, diese eine Frage zu beantworten ("Do you ever feel that you don't belong here?"), wische ich sie einfach weg. Interessiere ich mich für eine Frage und den dazugehörigen Fragensteller, antworte ich. Dann ist der andere dran.
Wenn die erste Frage als Eisbrecher funktioniert, kann sich ein Gespräch zwischen zwei fremden Menschen entwickeln, die einander zumindest räumlich relativ nah sind. Das ultimative Blind Date. Denn ich sehe den anderen erst, wenn er mir sein Bild zeigen möchte. Das geht frühestens nach der ersten Antwort auf eine meiner Fragen.
"Würdest du lieber reisen oder zu Hause rumsitzen?", fragt mich ein Nutzer bei einem ersten Test. Ich antworte: "Reisen". Er: "Perfekt, wohin?" Ich: "In die Antarktis :)"
Es ist wie im richtigen Leben: Ob die Unterhaltung fortgesetzt wird, liegt an beiden Gesprächspartnern. Anders als in einer Bar entsteht bei Langeweile aber kein betretenes Schweigen, man klinkt sich einfach aus.
Wer Einstiegsfragen stellt wie "Willst du heute Abend Sex mit mir haben?", hat die App allerdings nicht ganz verstanden. Bei Willow geht es eher darum, den anderen über ein Gespräch, gemeinsame Interessen und kreative Antworten kennenzulernen. Zumindest hat sich das der Erfinder der App so gedacht. Michael Bruch, 24 Jahre alt, aus Washington, war genervt von oberflächlichen Dating-Apps. Mit Willow wollte er eine Plattform entwickeln, die mit persönlichen Fragen offene und ehrliche Gespräche unter Fremden ermöglicht.
In Deutschland ist Willow noch dünn besiedelt
Das Ganze ist also weniger Speed und mehr Date. Oder auch wirklich einfach nur eine Unterhaltung. Laut Bruch suchen 70 Prozent der Nutzer nach Menschen beiderlei Geschlechts, oft einfach nur zum Quatschen, nicht unbedingt für eine Beziehung.
Die Beta-Version von Willow ist im vergangenen Sommer erschienen und wurde rund 100.000 Mal heruntergeladen. Seit Anfang Februar ist die App nun in der überarbeiteten und vorerst endgültigen Version auf dem Markt. Kostenlos, bisher nur für iOS, eine Android-Version soll bald folgen.
Wer in Deutschland mit Willow eine Begleitung für ein Feierabendbier oder gar den Traumpartner finden will, hat allerdings noch keine so große Auswahl. Wie viele Nutzer sich bisher insgesamt in Deutschland eingeloggt haben, wollte das Unternehmen noch nicht mitteilen - in Hamburg jedenfalls taucht im Umkreis von einer Meile bisher erst ein Nutzer auf.