Wired-Jubiläum 10 Jahre Hyperventilieren
Meine erste "Wired"-Ausgabe war die "1.4", veröffentlicht im September 1993. Noch erschien "Wired" nur alle zwei Monate, noch war das Ding dünn und erschreckend teuer, und schon war es Kult. Ein Insidertipp von Leuten für Leute, die irgendwie daran glaubten, dass da was im Busche sei: Eine technologische Revolution, die die Gesellschaft verändern würde.
Brüllend bunt kam dieses Machwerk daher, mit Blockbuchstaben in Neonfarben und - in späteren Ausgaben - nahezu unerträglichen Designs: Das sah manchmal aus, als habe man Layouter, Schriftsetzer und Drucker erst für eine Woche in LSD gebadet und anschließend mit nur leicht radioaktiv strahlenden Leuchtfarben versorgt. Ellenlange Textstreifen ohne Bilder gab es da versuchsweise, dafür aber schön Weiß auf Metallfarbe gedruckt - das schulte die Augen und schärfte den Blick fürs Wesentliche: Die Inhalte (auch, wenn die nur halb schräg gehalten gegen das Licht lesbar waren).
Die fanden sich - Kontrast ist wichtig - manchmal als Satzfetzen über endlose psychodelische Bildstrecken verteilt, doch immer öfter in unfassbar langen Textwüsten, die auf die "Wired"-typischen, grafisch oppulenten Teaserseiten folgten.
Und was waren das für Inhalte.
Phase 1: Die visionären Anfänge
Irgendwann im Spätsommer 1992 war es Louis Rossetto und Jane Metcalfe gelungen, den Techno-Guru Nicolas Negroponte dazu breitzuschlagen, Geld für den Launch eines ungewöhnlichen Magazines loszueisen. Die Idee hatten sie in Amsterdam ausgebrütet, wo sie versuchten, mitten in der IT-Krise Technik-Journalismus einer völlig anderen Art zu machen: Nicht das Gadget, die Maschine, sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Menschen, die Macher und Nutzer.
Die legendäre Nummer 1: "Wired" begann visionär mit einem Feature zum Hightech-Krieg
Knallbuntes Design: Was ist in, was ist out?
Titelgeschichte Hacker-Tourist: Buch im Magazin
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Negroponte war angetan von der Idee, und im Januar 1993 ging "Wired" in San Francisco an den Start. Anfänglich als hippes, irgendwie mit Technik verbundenes Pop-Blatt wahrgenommen, gelang den Machern ein bis dahin nie denkbares Kunststück: Schon in der dritten Ausgabe fand sich - neben Hard- und Software-Anzeigen - Konsumgüter-Werbung.
Die Branche war völlig verblüfft.
Ein Jahr später entbrannte unter US-Werbeagenturen in Anlehnung an die schrillen "Wired"-Designs ein Wettkampf um die schrillsten Anzeigengestaltungen. Zum ersten Mal füllte sich eine IT-Zeitschrift mit Jeans-, Schnaps- und Autowerbung. Die Auflage stieg von rund 100.000 im ersten Jahr auf rund 360.000 drei Jahre später - ein Achtungserfolg, der den Boom des Magazins allein nicht wirklich erklären konnte.
Doch "Wired" galt nun als "optical Leader", als coolste Zeitschrift auf dem Markt. Der Boom von "Wired" antizipierte den Boom der Dotcom-Wirtschaft, deren Kommen das Blatt gebetsmühlenartig in euphorischen Tönen herbeischrieb. Alles schien möglich. Die erfolgreichsten Ausgaben von "Wired" enthielten bis zu 72 Doppelseiten Werbung - vor dem Inhaltsverzeichnis.
Rossetto, von Freunden wie Kritikern als nicht einfacher Zeitgenosse beurteilt, regierte wie der König von Cyberia. Profite waren nebensächlich, das Geld lag auf der Straße und der Rest würde sich in der bald anbrechenden, strahlenden Zukunft erledigen.
Parallel zu "Wired" war die Kult-Website Hotwired entstanden, es folgte der Versuch, einen eigenen Buchverlag zu etablieren, es folgten Unternehmungen wie die Suchmaschine Hotbot - und der finanzielle Kollaps auf dem Höhepunkt des Dotcom-Booms. Der New Yorker Verlag Conde Nast kaufte das Blatt und warf die restlichen Geldfresser über Bord - und die Gründer saßen auf der Straße.
Am inhaltlichen Konzept änderte all das zunächst wenig.
"Wired" lesen hieß wired sein
Bei "Wired" las man andere Dinge. Da schrieben offenbar leicht schräge Vögel über Querdenker, Spinner und Visionäre - eine nicht immer einfache Unterscheidung -, und das auch noch aus einer durch die redaktionelle Linie verordnete Einäugigkeit heraus.
Denn "Wired" hatte eine Botschaft: Alles wird gut. Sogar noch besser. Phantastisch, unbeschreiblich, gigantisch, toll, wahnsinnig, inspirierend - kurzum: "Wired" entwickelte sich zu einer Art schriftlichen Hyperventilierens.
Push!: "Wired" hatte die Nase im Wind - auch, wenn der mal aus schräger Richtung wehte
Goldene Zukunft: Der "Long Boom" gab den Startschuss für die heiße Phase des Dotcom-Boom
Typisch: "Wired" pflegt ein fast esoterisches Verhältnis zur Technik
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Thematisch war alles denkbar: Von neuen Hollywood-Trickfilmtechniken, über Architektur und die weltweite Cyber-Revolution, von neuen Autodesigns über Raketen- und Rüstungstechnik bis hin zu den coolsten Entwicklungen in der Orthopädie-Mechanik. Hauptsache, es wurde klar: Wir alle sind auf dem Weg zum Cyborg. "Wired" wurde zur Bibel der "Digerati" - der digital angehauchten Intelligenz.
Vieles davon war visonär, manches schreiend idiotisch.
Phase 2: Jubel, Trubel, Eitelkeit
"Wired" testete auch journalistisch Grenzen aus: Unvergessen Neal Stephensons Titelgeschichte in der Weihnachtsausgabe 1996: "Mother Earth, Mother Board. The Hacker Tourist Travels the World To Bring Back The Epic Story of Wiring the Planet".
Länger als der Titel war da nur die Geschichte selbst: Rund 110 größtenteils bildlose, eng bedruckte Magazinseiten - ein Buch in der Zeitschrift, bis heute der publizistische Höhepunkt in der Geschichte von "Wired".
In epischer Breite erzählte Stephenson die Geschichte vom Verlegen des längsten Kabels der Welt, über Meeresgrund, durch Städte, Wüsten und Dschungel. Da mischte sich der Geruch von Gummi und Metall mit Schweiß und Moder und billigem Schnaps und Rauch und Meer und Diesel.
Nie wurde "Wireds" Botschaft klarer: Wir Menschen und Maschinen sind alle vernetzt, und darum ist alles möglich. Auch die Gestaltung eines Magazins gegen jeden Trend, just, da die Magazinwelt an der Häppchen- und Kästchen-Manie erkrankte. Kult.
Aber der Hacker-Tourist war auch ein Wendepunkt, denn nun begann der von "Wired" bereits seit vier Jahren prophezeite Dotcom-Boom. Die Welt erlebte eine seltsame Wechselwirkung: An den Börsen konnte man nun Millionen Dollar gegen sein Hirn eintauschen (das bekam man drei Jahre später gegen Rückgabe der Aktien und der Vermögenswerte zurück). Und auch "Wired", wie der Straßenprediger, der plötzlich Recht gehabt hat, verlor seine Unschuld: Aus dem visionär-versponnenen Szeneblatt wurde eine Instanz, die man Beratung suchend zur Hand nahm. Was für ein Blödsinn.
Im zweiten Teil: Börsenerfolg enthirnt. "Wired" bricht finanziell zusammen und wird verkauft, als der vom Blatt prophezeite Boom gerade seinen ersten Höhepunkt erreicht. Der neue Besitzer beginnt, das Blatt in Richtung Verdaulichkeit zu bürsten. Weiter...
Phase 3: Börsenerfolg enthirnt
"Wired" passte sich an und begann, jede Sau durchs Dorf zu treiben, die die hyperventilierende Dotcom-Wirtschaft als potenzielle Erlösquelle entdeckte. Teils im Monatsrythmus wechselten die Visionen und propagierten Erfolgsrezepte. "Wired" bejubelte Techniken als Lösung für alle Probleme der Welt, deren Entwickler dann Pleite gingen, bevor das Zeug fertig war - oder deren Erfolg, wie im Falle des fliegenden Autos, bisher die Physik verhinderte.
Zugleich bewies "Wired" mit seinem "Index", wie reich man hätte werden können, wenn man nur rechtszeitig auf die richtigen Hightech-Werte gesetzt hätte.
Hatte man aber nicht: Als Technik plötzlich begann, sexy, weil Reichtümer versprechend zu sein, begann die Kollision zwischen Wirtschafts- und Visionsthemen im Heft schmerzhaft zu werden.
Experimente: Immer wieder gab es das kostspielige Spiel mit Material. Das "Touch Me!"-Cover reagierte auf Körperwärme und verfärbte sich
Völlig überzogen: Die Überbewertung des Technischen führte bis zur Idealisierung der Mensch-Maschinen-Symbiose
Näher am Verwertbaren: Die Jubiläumsausgabe bejubelt noch immer Visionen, aber greifbare - wie in der Titelgeschichte Wasserstoff als Treibstoff
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Auf dem frühen Höhepunkt der digitalen Enthirnung erschien im Juli 1997 "The Long Boom", die Titelgeschichte, die in rosaroten Farben 25 Jahre des Wohlstands und des Wachstums prophezeite - der Startschuss zum Dotcom-Boom. Halleluja, Digitaltechnik sei Dank! 2,5 Jahre später begannen die Anzeigenerlöse einzubrechen.
Phase 4: Lifestyle statt Vision
Der Verlag Conde Nast machte den Versuch, den ursprünglichen Charakter des Blattes zu retten und zugleich weniger abgefahrene Inhalte zu propagieren: Die Toys for Boys, Einkaufstipps für (sehr) betuchte Technofreaks, machten sich auch in "Wired" breit und breiter.
Dass Technik-Freaks nicht immer in Geld schwimmen, konnte sich der "Vanity Fair"- und "Vogue"-Verleger gar nicht vorstellen. Tatsächlich fanden die Härten des realen Lebens in "Wired" nie statt, Kritiker warfen dem oft als neoliberal verpönten Magazin gar vor, latent rassistisch zu sein: "Wired" produziere Träume für das weiße, reiche Amerika. Zwar gab es genügend Tellerwäscher-Legenden - nur sahen die frisch gebackenen Dotcom-Millionäre alle so aus, als seien sie bestens behütet im Disneyland aufgewachsen. Die frühen "Wired"-Helden - Geeks und Nerds, Künstler und Philosophen, rabiate Techno-Jünger und Sci-Fi-Autoren - hatten zu Börsenstars geadelten Bankangestellten und Autoverkäufern Platz gemacht.
Der Langeweile dieses Produktkatalog-Ersatzes setzte die Redaktion den guten alten digitalen "Spirit" entgegen, wenn auch nun in verdaulicheren Häppchen - inhaltlich aber bis hart an die Grenze zur Realsatire.
Und zwar plakativ, statt visionär: Die Redaktion setzte auf eine Linie, die jede Botschaft auch schön deutlich machen sollte. Statt also etwa den versponnenen Kybernetiker Kevin Warwick vom kommenden Cyborg-Zeitalter fabulieren zu lassen, zeigte "Wired" die Vision konkret.
"Your Body. Get over it" hieß die Titelgeschichte im August 2001 - und stellte Neuerungen im Bereich der Orthopädiemechanik und Digitaltechnik dar, die in der Botschaft kulminierten, es sei einfach saustark und cool, heute behindert zu sein. Zitat: "When you think disability, think zeitgeist. Im Ernst. Wir leben in einer Zeit, in der die Behinderten an vorderster Front eines gesellschaftlichen Trends in Richtung der Nutzung unterstützender Techniken stehen". Herr, wirf Hirn vom Himmel!
Die Quittung folgte am Kiosk.
"Wired" brach ein, während rundum die anderen Dotcom-Blätter, die sich nie für etwas anderes als Börsenbilanzen interessiert hatten, bereits verreckten. Conde Nast bürstete weiter am Konzept, machte das Blatt Massenmarkt-kompatibler. Der Lifestyle hatte die Vision zum größten Teil verdrängt.
So geht "Wired" ins unwahrscheinliche 11. Jahr, als letzter Überlebender einer Magazinsparte, die mit "Wired" erst entstanden war: Die Ersten sind manchmal wirklich die Letzten. Mitunter tut die etwas pragmatischere Linie dem Blatt nun gut, wo Zustandsbeschreibung und Analyse die Vision und auch die Halluzination verdrängt haben. Immerhin verfügt das Magazin über beste Kontakte, und wenn "Wired" über P2P schreibt, dann ist das immer noch ein Muss. Was hartgesottenen Alt-Fans wie mir nur manchmal fehlt, ist das Verspielte, das den Geist-schweifen-lassende, das man sonst nirgendwo fand: Der mutige Blick nach vorn.
Aber vielleicht wiederholt sich die Geschichte des ersten "Wired"-Jahrzehnts ja: "Recession. Iraq. Hard times in Silicon Valley", leitet "Wired" den Artikel zum eigenen Jubiläum ein, "Hell of a time to be optimistic. Welcome to 1993, the year Wired was born."
Na dann: Wired Birthday, ewig happy.