"Wired" Mit neuem Konzept aus der Krise?
Die Liste der Leichen im "New Economy"-Blätterwald ist dies- wie jenseits des Atlantiks lang - und prominent besetzt. "Industry Standard", "Business 2.0", "Net-Business", "eBusiness" oder "Net-Investor" sind nur einige Beispiele für längst vom Zeitungsstand verschwundene Objekte des eigentlich noch jungen Print-Segments. Nachdem nun seit Monaten auch "Wired" enorme Anzeigeneinbußen vermelden muss, scheint selbst die Zukunft der Kult-IT-Bibel ungewiss.
Im Vergleich zum ersten Quartal vergangenen Jahres sind die Werbeeinnahmen des Tech-Blattes um mehr als die Hälfte geschrumpft. Lagen diese in den ersten drei Monaten 2001 noch bei 11,4 Millionen US-Dollar, konnte "Wired" im selben Zeitraum diesen Jahres nur noch Reklameseiten im Wert von 4,7 Millionen US-Dollar verkaufen.
Über das gesamte vergangene Jahr verteilt, buchten "Wired"-Anzeigenkunden dem Media Industry Newsletter und dem Publisher's Information Bureau zufolge nur 1266 Werbeseiten. Im Vorjahr, zur Hochphase der Dot.com-Mania, hatten die "Wired"-Kassen mit knapp 2300 Anzeigenseiten so kräftig wie nie zuvor geklingelt.
Doch die rosigen Tage sind längst gezählt - und das nicht nur für das Cybermagazin. Seit Monaten liegt der gesamte amerikanische Anzeigenmarkt am Boden. Die wichtigsten Wired-Kunden aus der Hightech-Branche bluten selbst kräftig, die Schaltungen aus der Dot.com-Ecke tendieren gegen null.
Branchenbeobachter wie Steven Cohn vom Media Industry Newsletter fragen sich bereits, wie lange Condé Nast das San Franciscoer Magazin noch gewähren lässt. Der New Yorker Verlag - ein Ableger von Advance Publications und unter anderem auch für Titel wie "Vanity Fair" oder "The New Yorker" verantwortlich - hatte mit "Wired" 1998 einen wahren Goldesel übernommen.
Wird Condé Nast bald ungeduldig?
Die stetig bröckelnden Umsätze könnten Insidern zufolge Condé Nast nun jedoch bald ungeduldig werden lassen. Vergangenes Jahr hatte der Verlag kurzerhand beim schwächelnden Lifestyle-Blatt "Mademoiselle" den Stecker gezogen, was als deutliches Zeichen gewertet wird, dass das Unternehmen nur ungern Verluste einfährt. Und "Wired" gilt als das derzeit wohl kränkelndste Pferd im Condé-Nast-Stall.
Höchste Zeit für frischen Wind also, sagen sich die "Wired"-Verantwortlichen um den neuen Chefredakteur Chris Anderson und verordnen dem Heft zum Sommer ein Redesign. Mit der Juni-Ausgabe wird sich das Blatt in einem grafisch wie konzeptionell neuen Gewand präsentieren. Überladene Layouts und Design-Elemente sollen künftig der Vergangenheit angehören. Dennoch will das Magazin grafisch weiterhin "edgy" sein. Inhaltlich werden einige Rubriken umstrukturiert.
"Veränderungen sind gut für 'Wired'", kommentierte Anderson den neuen Kurs im "San Francisco Chronicle". "Denn unser Konzept basiert schließlich auf Veränderungen." Bald soll es auch finanziell wieder bergauf gehen. "Wired"-Vertriebsleute sprechen bereits von "positiven Zeichen", der Tiefpunkt sei mit der diesjährigen Februar-Ausgabe erreicht worden. Für die stets so innovative und mehrfach preisgekrönte US-Postille bleibt zu hoffen, dass die Verleger diesen Optimismus teilen.
Zumindest auflagentechnisch ist Positives zu vermelden. Das gesamte zweite Halbjahr 2001 konnte sich das IT-Magazin gemäß dem Audit Bureau of Circulation bei monatlich 515.000 verkauften Exemplaren halten - und das, obwohl das Monatsheft an Umfang schwer einbüßen musste: Zählten "Wired"-Ausgaben vor 18 Monaten noch über 350 Seiten, kommt das aktuelle April-Heft gerade mal auf 138 Seiten. Inwieweit die unveränderte hohe Auflage dem Jahresabo-Ramschpreis von mittlerweile gerade noch 7,50 US-Dollar zu verdanken ist, ist leider unbekannt.