Wissens-Netzwerk Globale Bibliothek
Washington/Berlin - Das in den Bibliotheken der Welt gesammelte Wissen soll künftig für den direkten Online-Zugriff zugänglich gemacht werden. Der "Umfassende Digitale Nachschlagedienst" (Comprehensive Digital Reference Service, CDRS) will Wissenschaftlern und allen anderen Interessenten einen neuartigen Recherche-Weg bieten, bei dem Experten der angeschlossenen Bibliotheken Antworten auf Fragen zu den entlegensten Wissensgebieten finden sollen.
Zu den rund 60 Teilnehmern des Projekts gehört in Deutschland die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB), die vor fünf Jahren durch den Zusammenschluss der Amerika-Gedenkbibliothek mit der Berliner Stadtbibliothek entstand.
Voraussichtlich bis Sommer dieses Jahres soll es eine gemeinsame Web-Site der bisher teilnehmenden Bibliotheken geben. Die dort gestellten Fragen sollen an diejenige Bibliothek weitergeleitet werden, die auf Grund ihrer geographischen Lage und der inhaltlichen Schwerpunkte ihres Bestands vermutlich am besten auf die Frage antworten kann.
Diese Weiterleitung erfolgt automatisch, indem ein Computer die Frage untersucht und mit den spezifischen Profilen der einzelnen Bibliotheken vergleicht. Der kostenlose Dienst will jede Anfrage innerhalb von 48 Stunden beantworten - daher müssen bei der Weiterleitung der Anfragen im Netz der Bibliotheken auch deren Öffnungszeiten beachtet werden. Das Projekt beschränkt sich zunächst auf Anfragen in englischer Sprache, später sollen aber bis zu 20 verschiedene Sprachen unterstützt werden.
"Wir kennen die Qualität der Informationen, die wir in den Bibliotheken haben, und das wollen wir jetzt ins Internet bringen", sagt Bibliothekarin Donna Dinberg von der Kanadischen Nationalbibliothek. Anstatt das Feld allein kommerziellen Anbietern wie AskJeeves, Google, wissen.de oder xipolis.de zu überlassen, wollen die Bibliotheken ihre Kompetenz möglichst umfassend einbringen. Ihr großer Vorteil: Neben den elektronisch im Internet aufspürbaren Informationen können sie auch das Wissen nutzen, das in Millionen gedruckter Bücher vorliegt.
Deutschland ist zunächst unterrepräsentiert
"Wir greifen auf alle möglichen Quellen zurück, die uns zur Verfügung stehen", erklärt Paul Ulrich von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Dazu könnten auch elektronische Datenbanken gehören, deren Nutzung allerdings mit teilweise hohen Kosten verbunden ist. Das CDRS-Projekt sieht vor, dass die staatlichen Einrichtungen ihre Kosten selbst tragen. Bisher sei die Initiative kulturell stark von den USA beeinflusst, sagt Ulrich. Neben Hongkong sei die ZLB die bislang einzige Teilnehmer-Bibliothek aus einem nicht-englischsprachigen Land.
Wie stark der Dienst einmal genutzt wird, kann derzeit noch niemand sagen. "Ich hoffe, dass es langsam anfängt", sagt Ulrich. So könnten zunächst noch Erfahrungen mit dem Bibliotheken-Netz gesammelt werden. CDRS ist der erste derart umfassende Versuch, Anfragen nach Informationen verteilt durch ein Netz zu schleusen.
Das Projekt unterscheidet sich damit von anderen Initiativen wie den Mailing-Listen Stumpers-L oder RABE, in denen Auskunftsbibliothekare Anfragen austauschen. Während sich die Anfragen in der Mailing-Liste an alle wenden, schleust CDRS eine Frage an eine ganz bestimmte Einrichtung. Die Bibliothekare nehmen dann über E-Mail direkt Kontakt mit dem Fragesteller auf. Neben Texten kann die Antwort daher auch Bilder oder Audiodateien enthalten.
Die allererste Anfrage im derzeit noch laufenden Testbetrieb kam von einer britischen Bibliothek und wurde an die Bibliothek der kalifornischen Stadt Santa Monica geleitet. Der Fragesteller suchte die zuletzt erschienenen Bücher über die byzantinische Kochkunst des Altertums. "Ich schaute mir die Frage an und dachte: 'Oh nein, ich kann nicht glauben, dass dies an unsere kleine Bibliothek geschickt wird'", berichtet Nancy O'Neill.
Mit Hilfe einer Datenbank und der Durchsicht von Katalogen konnte sie jedoch die Antwort erstellen und nach Großbritannien schicken. Inzwischen sind Bibliotheken angeschlossen, deren Profil auf umfangreiche Bestände zur byzantinischen Kultur hinweist. Die Teilnehmerliste nennt so illustre Namen wie die Washingtoner Library of Congress, die das CDRS-Projekt koordiniert, die National Gallery of Art oder die Universitätsbibliotheken von Yale und Harvard.
Wenn CRDS einmal richtig steht, wird mit ihr eine globale Bibliothek entstehen, die rund um die Uhr ihre Dienste anbietet. Diane Nester Kresh von der Library of Congress sagt dazu: "Wir nehmen die Fähigkeiten und Bestände, die wir haben, und behandeln sie wie eine kollektive Gesamtheit, zu der jeder Zutritt hat."
Ian Hopper, AP