www.moccu.com: Bitte bringen Sie etwas Zeit mit... - DER SPIEGEL
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www.moccu.com Bitte bringen Sie etwas Zeit mit...

Schnell muss eine Website sein, gut strukturiert und dem Nutzer alle Informationen in kürzester Zeit liefern. Sagen die Experten. Die Macher von Moccu.com allerdings schicken ihre Besucher erst mal in die Wüste oder zum Grooven unter Wasser - und heimsen trotzdem einen Designpreis nach dem anderen ein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor ein paar Jahren waren Avatare richtig in. Jedes größere Unternehmen wollte so einen virtuellen Begleiter auf seiner Website haben, der die Online-Kunden auf ihrem Weg durch das Online-Kaufhaus begleiten und zum Kauf animieren sollte. Ach ja, und Multimedia war wichtig, schließlich wollten die Surfer ja unterhalten werden.

Ein Spielchen hier, etwas Musik da und das Ganze verpackt in einer aufwendigen 3D-Welt. Heute kann man diese Sites nur noch im Internet-Archiv bewundern - kein Kunde oder Leser wollte stundenlang auf Java-Applets warten, 3D-Welten abstürzen sehen oder wegen fehlender Plug-ins auf leere Flächen starren. Das Ende der Multimedia-Sites kam schnell und zu Recht. Mittlerweile sind erfolgreiche Websites - und das haben auch die Multimedia Agenturen gelernt - schnell, gut strukturiert und führen den User dahin, wo er hinwill.

Nicht so bei www.moccu.com

Wer der Website der Berliner Internetagentur besucht, wird zunächst vom kleinen "Mick" begrüßt. Der Avatar lümmelt erst einmal am Bildschirmrand herum und geht dann - als hätte er alle Zeit der Welt - auf den Betrachter zu und fragt nach dem Begehr.

Wer jetzt weitermacht, darf auf keine Fall auf seine Online-Rechnung schielen, der Rest nämlich ist suchtverdächtig: Ob man im Creek in Form alter Jump&Run-Games den legendären Pony Express (allerdings ohne Pony) nachreitet und dabei Schlangen, Banditen und verrückten Kühen den Garaus macht, im Laboratorium unter Zuhilfenahme verdächtig phallusförmiger Roboter Zellen verschmilzt und Lebewesen heranwachsen lässt oder aber ins 3D-Reef eintaucht und die absonderlichsten Fische und Unterwasserwesen zum Grooven animiert - alles ist sehr liebevoll gestaltet, technisch hochkomplex und auf jeden Fall ungeheuer zeitintensiv.

Warum dürfen die das? Warum werden die Moccus nicht ebenso abgestraft wie unzählige multimedialastigen Sites vor ihnen, sondern kriegen auch noch Designpreise aus ganz Europa und den USA?

Eine Antwort ist: Die ganze Website wurde komplett - vom Online-Spiel bis hin zu den dreidimensional groovenden Fischen - in Flash entwickelt. Und das, obwohl die Software von Macromedia für solche komplexe Spiele und dreidimensionale Welten gar nicht entworfen wurde. Die Berliner haben aber so den größten Fehler der bisher so glücklosen mit Multimedia überfrachteten Sites vermieden: Kein Surfer muss unverrichteter Dinge von dannen ziehen, nur weil eines der benötigten Plug-ins fehlt. Zum Vergnügen braucht man nur Flash, das mittlerweile zur kostenlosen Standardausrüstung der gängigen Browser zählt.

Damit sich eine so komplexe Website mit Flash realisieren ließ, haben die sieben Designer und Programmierer aus Berlin tief in die Trickkiste gegriffen: "Wenn man die gängigen Methoden von Flash zur Produktion von Bewegungen verwenden würde, dann würde die ganze Site unerträglich langsam" meint Björn Zaske, Mitgründer und als Technischer Leiter verantwortlich für die Programmierung der Website. "Wir haben daher fast alle Bewegungen und die Interaktion über Programmierung erzeugt." Auch sonst wurde an allen Ecken und Kanten so lange gedreht und geschliffen, bis die Website einigermaßen schnell und rund lief. "Bezahlen kann man so was nicht" sagt Björn Zaske. "Das hat uns Monate gekostet."

Monate, in denen die trotz Dot.com-Krise immer noch begehrten Programmierer und schon vorher in Fachkreisen anerkannten Designer wie Gründungsmitglied Jens Schmidt keinen müden Euro sahen. "Wir waren alle pleite" meint Schmidt. "Aber es hat sich gelohnt." Klar, denn mittlerweile haben nicht nur die Juroren der Designawards gemerkt, dass die Moccus aus Berlin was drauf haben: DaimlerChrysler gehört jetzt ebenso zu den Kunden der Webagentur wie der Werbeproduzent Neue Sentimental Film oder der Netzwerk-Technologe GFT.

Bleibt die Frage, wer eigentlich die Zeit hat, mit Fischen zu musizieren oder seltsame Lebewesen im Online-Labor zu züchten. "Die durchschnittliche Verweildauer eines Besuchers liegt bei etwa zehn Minuten" erzählt Zaske. Kein Wunder, alleine die Befruchtung der Eizelle dauert naturgemäß eine volle Viertelstunde - wie viel Zeit die Nutzer dann noch zu Hause auf dem Rechner mit der Aufzucht und Beobachtung ihres Lebewesens zubringen, entzieht sich der Kenntnis der Betreiber - ebenso jede Idee darüber, wer eigentlich in seiner Freizeit mit Fischen musiziert. Vielleicht sind es ja die ehemaligen Dot.com-Unternehmer, die jetzt alle viel zu viel Freizeit haben...