Yahoo will sich mit Web-Serien als Medienplattform etablieren - DER SPIEGEL
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Web-Serie Cybergeddon: Hackerkrimi im Häppchenformat

Foto: Cybergeddon Productions

Web-TV-Event "Cybergeddon" Mit freundlicher Hilfe der Virenjäger

Ist das die Zukunft des Fernsehens? Mit dem aufwendig produzierten Hacker-Krimi "Cybergeddon" will Yahoo sich als Medienplattform etablieren. Doch die Häppchenware funktioniert nicht, das offensichtliche Sponsoring durch einen Anti-Viren-Konzern ist zumindest fragwürdig.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor rund einem Jahrzehnt war "Konvergenz" in der Medienbranche ein überstrapaziertes Modewort. Kein Kongress, auf dem nicht darüber diskutiert wurde, wie die Medien - TV, Web, Handy - miteinander verschmelzen.

Inhaltlich hat die Debatte weit weniger bewirkt als erwartet. Noch immer pressen TV-Sender ihr Programm in feste Rhythmen, während die Revolution der Sehgewohnheiten durch das Web bisher ausgefallen ist. Erfolgreich sind im Internet nach wie vor meist illegal vertriebene Kino- und TV-Inhalte. Exklusive Web-Formate, sogenannte Webisodes, entfalten außerhalb pubertärer Zielgruppen meist kaum Wirkung.

Bisher haben die Verantwortlichen auch wenig gewagt. Immer wieder versuchen TV-Sender, mit Häppchenware im Web die Zielgruppen zu erreichen, die sich für ein reguläres Programm nicht mehr interessieren - in der Regel ohne viel Erfolg. Ansonsten ist die Webisode vor allem in der amerikanischen TV-Serienlandschaft ein Instrument zur vertieften Bewerbung erfolgreicher Formate: Zusatzfutter für Fans, wie etwa "Battlestar Galactica", "Breaking Bad" oder "Walking Dead" das in Idealform demonstrieren.

Dabei müsste eigentlich mehr drin sein. Das glaubt man offenbar bei Yahoo  , dem schwächelnden Internet-Pionierunternehmen, das stets auf der Suche nach einer neuen Identität zu sein scheint. Derzeit ist mal wieder das Thema Medienplattform angesagt. Die Firma müht sich nach Kräften, diese Nische mit Krachern zu erobern. Im Juli zeigte sie exklusiv eine von Tom Hanks produzierte Trickfilmserie ("Electric City" ), die mangels deutscher Synchronfassung hierzulande aber kaum jemandem auffiel.

Bei "Cybergeddon" ist das anders: Yahoo bietet die Serie seit Dienstagmorgen als Stream an  - neun Folgen mit jeweils rund zehn Minuten Laufzeit, dazu jeweils sechs Webisode-Häppchen, die Hintergründe zu den Figuren liefern sollen. Serviert in drei Schüben mit jeweils drei "großen" Folgen pro Tag plus Beiwerk. Zum Auftakt gibt es insgesamt 21 Videos zu sehen.

Yahoo veröffentlichte die Serie gleichzeitig in 25 Ländern und zehn Sprachen, was tatsächlich beispiellos ist. Doch die Strategie hat auch Nachteile: Während US-Zuschauer die neuen "Cybergeddon"-Folgen immer zur späten Primetime serviert bekommen, müssten deutsche Fans um sechs Uhr morgens aufstehen, wenn sie das wahre Premierengefühl erleben wollten.

Muss Web-TV im Stakkato daherkommen?

Hinter der Produktion steht CSI-Erfinder Anthony E. Zuiker, der seit einiger Zeit mit Webisode-Formaten experimentiert, dazu mit Konzepten, die Video, Web und Buch zusammenbringen. Vorab trägt er ganz schön dick auf: "'Cybergeddon' ist ein ganz besonderes Filmerlebnis", wird er in einer PR-Mitteilung zum Serienstart zitiert, "das traditionelle Regeln bricht. Dank der globalen Distributionsplattform Yahoo! können die Zuschauer nach jeder Folge mehr erfahren und mit der Handlung und den Charakteren interagieren."

Nach den ersten drei Folgen ist klar: Davon kann natürlich keine Rede sein. Es gibt eine aufwendige Sonderseite zu "Cybergeddon"  mit den Background-Webisodes, Making-of-Videos, Bildergalerien und mehr. Eine ganze Menge Konsumangebote also, Interaktion beschränkt sich allerdings darauf, über die Serie twittern zu können oder sie bei Facebook per "Like" zu bewerben. Bisher ist die Zahl der Fans überschaubar, was Rückschlüsse auf die Zuschauerzahl zulassen könnte.

Inhaltlich und stilistisch ist "Cybergeddon" ordentliche TV-Ware. Die Handlung selbst wirkt vertraut, ein typischer Hacker-Krimi. Laut Zuiker wurde der mit einem CSI-typischen Budget produziert, was bis zu sechs Millionen Dollar bedeuten könnte. Entsprechend wertig ist die Produktion. All das hätte man auch im Fernsehen zeigen können, allerdings nicht ohne Werbeunterbrechungen.

Denn die Struktur der Webisode bedingt, dass alle zehn Minuten ein Cliffhanger die Zuschauer zum nächsten Klick verführt oder bei der Stange hält. Das bricht die Dramaturgie des Stoffes, der auf kinofilmtypische 1,5 Stunden angelegt ist, macht ihn atemlos und nimmt den Figuren jede Tiefe: Trotz guter schauspielerischer Leistungen bleiben alle Figuren Abziehbilder. "Cybergeddon" fühlt sich darum oft so an, als sei es nur die Zusammenfassung eines eigentlich gut gemachten Serienformats. Der Aufbau echter Spannung braucht eben auch ein wenig Zeit.

Die Regeln, die "Cybergeddon" bricht

Bemerkenswert ist die Serie trotzdem - wegen der daran Beteiligten. Die Pressemitteilung zum Serienstart wurde in Deutschland über die Presseabteilung von Symantec   verschickt, dem IT-Sicherheitsunternehmen hinter den bekannten Norton-Security-Produkten. Die Virenschützer sind Mitproduzenten der Serie, in der es um Cybercrime, Cyberterrorismus, Hacker- und Virenthemen geht.

Es ist das bekannte Schnittmuster: Bitterböser ukrainischer Superhacker bringt Virus in Umlauf, der die Welt bedroht. Heldin muss Welt retten, wird durch Superhacker aber selbst in Verdacht gebracht und zur Gejagten. Es treten außerdem auf: Der genialische, spinnende Nerd, die harte, letztlich aber doofe Chefin, der heldenhafte Ex-Boyfriend beim FBI und so weiter. Nett gemacht, aber keine TV-Revolution.

Bis auf die "traditionellen Regeln", die "Cybergeddon" laut Zuiker bricht. In einer Fluchtszene, die im Cyberabwehrzentrum des FBI spielt, klebt an einer Tür ein Post-it-Zettel, auf dem man lesen kann: "Call Norton for Software Update".

Unsere Heldin tut sogar noch mehr: Während die FBI-Cracks hilflos versagen, sucht sie Hilfe bei den wahren Experten - im Hauptquartier von Symantec, wo man das weltbedrohende Virus, um das es bei "Cybergeddon" geht, in Sekundenschnelle per Blickdiagnose seziert. Das ist weniger beeindruckend, als naiv - und der dreistete Fall von Product Placement, den man sich denken kann. Im deutschen Fernsehen wäre eine Ausstrahlung der Serie wohl nur mit "Dauerwerbesendung"-Einblendung denkbar.

Ist das also ein Blick in die Zukunft eines anderen Fernsehens? Bitte nicht: Es spricht absolut nichts dagegen, dass Unternehmen Serien mitfinanzieren, um sie über Web-Plattformen zum Zuschauer zu bringen. Auch gegen entsprechende Werbung im Umfeld spricht nichts - sie ist ein Standard, seit Waschmittelkonzerne die ersten, eben aus diesem Grund sogenannten Seifenopern finanzierten. Aber den Sponsor zum Helden zu machen, ist ein Sündenfall und nimmt dem gesamten Format die Glaubwürdigkeit - es reduziert es zum Werbeclip in Überlänge.

Davon abgesehen entpuppt sich die Webisode-Struktur mit ihrem Häppchen-Rhythmus als kontraproduktiv. Sie passt zu oberflächlichen Mini-Serien, die dazu gedacht sind, in der U-Bahn auf dem Handy gesehen zu werden. Die Renaissance, die US-Serien in den letzten Jahren erlebt haben, basiert jedoch auf erzählerischen Formaten, die den Zuschauer nicht unter-, sondern herausfordern. Es gibt keinen Grund, das im Web anders zu machen, wenn man sich als Plattform für mediale Inhalte etablieren will. Bildschirm ist Bildschirm, und jeder Laptop ist ein kleines Kino. Häppchen machen nicht satt.

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