Nackte Haut und Teenager-Probleme: Die erfolgreichsten Videos von ApeCrime und Co.
Video-Netzwerk YouTube nervt? Selbst schuld!
Ich bin erst 27 Jahre alt, doch in manchen Momenten fühle ich mich sehr alt. Dazu zählen die Momente, wenn ich die YouTube-Startseite aufrufe. Neben den neuesten Viralclips tummeln sich dort Lebenstipps für Teenager, Mittelteile langer Spielemitschnitte, Straßenstreiche, die selten wirklich lustig sind.
Das deutschsprachige YouTube beziehungsweise jener Teil, der die meisten Abos hat und daher besonders präsent ist, bietet vor allem Unterhaltung für Kinder und Jugendliche. Die meisten YouTuber, die auf Veranstaltungen wie den Kölner VideoDays angehimmelt werden, sind selbst jung oder junggeblieben, sie verhandeln Themen, die mich vielleicht mit 15 angesprochen hätten.
Der für mich interessantere Plattform-Teil dagegen führt ein Nischendasein, viele Videoperlen findet man nur durch Hinweise von Freunden. "Das System YouTube macht erfolgreiche YouTuber und deren Videos immer noch erfolgreicher", sagt Hannes Jakobsen, der Kreativchef beim Vermarktungsnetzwerk Divimove. Auf der Startseite landeten Clips, "die eine gute Performance hinlegen".
YouTubes genaue Kriteriengewichtung sei geheim, doch es sei klar, dass diverse Faktoren bestimmen, als wie relevant ein Video eingestuft wird: Neben den Aufrufen an sich und der Frage, wie lange Zuschauer das Video gucken, zähle auch, wie oft ein Clip geteilt, kommentiert oder gut bewertet wird. Ein Mechanismus, der erklärt, warum auch etablierte YouTuber ständig um ein "Daumen hoch" betteln.
Jan und Melina? Nicht wirklich
Ich selbst werde mit den meisten Top-Videos nicht warm. Der Humor in vielen Let's-Plays ist nicht meiner, und oft finde ich schon die Präsentation von Videos so plump, dass ich mir den Klick sparen will, als stillen Protest. So nutzt beispielsweise der Merkel-Interviewer LeFloid gern provokante Vorschaubilder , etwa mit nackter Haut, um auf seine Nachrichtensendung "LeNews" aufmerksam zu machen. In den Videos selbst kommen die Motive selten vor.
Vorschaubild des zweitbeliebtesten LeFloid-Videos: Nur das Merkel-Interview hat mehr Klicks
Perfektioniert hat das Prinzip "Hauptsache krasses Vorschaubild" ApeCrime. Bei seinen Videos nutzt das Trio immer wieder eigens inszenierte Motive, die selbst unspektakulären Clips Aufmerksamkeit sichern. Kürzlich etwa erschien das Video "Jan & Melina ", in dessen Vorschaubild sich das ApeCrime-Mitglied Jan und die YouTuberin Melina Sophie - die einige Wochen später ein Coming-Out hatte - küssen. Eine Szene, die im Video nicht auftauchte, diesem aber sicher half, seine rund 2,3 Millionen Klicks zu sammeln.
Da läuft was zwischen Jan und Melina? Nein, ApeCrime wollen nur zum Klick auf ein neues Video anregen
"Wissen wir doch längst, dass die Vorschaubilder nur Quatsch sind", werden viele ApeCrime-Fans das abtun. Ich allerdings habe keine Lust, mit solchen Lockbildern zum Aufrufen viertelstündiger Videos motiviert zu werden, ob das nun ein Stilmittel ist oder nicht. Von mir aus könnte der YouTube-Mainstream gern seriöser sein.
Ich bin nicht aktiv genug
Ein gutes Stück weit bin ich leider mitverantwortlich, dass geschickt vermarktete oder manchmal auch handwerklich gar nicht so tolle Inhalte so erfolgreich sind. Ich benehme mich auf YouTube nämlich daneben - und zu wenig wie ein Kind.
Kürzlich habe ich überlegt, wie viele YouTube-Clips ich in den vergangenen Jahren bewertet habe: keinen. Ich habe auch noch keinen einzigen Kommentar geschrieben. Und Abos hatte ich lange auch keine, ich schaute händisch nach, ob Kanäle wie Gamestar, hyperboleTV oder Massengeschmack-TV Neues veröffentlicht haben.
Das ist blöd von mir. Denn YouTube ist eine Plattform, die auf Interaktion ausgerichtet ist, auf Beteiligung. Es gibt keine Redaktion im Hintergrund, die besonders hochwertige Inhalte auf die Startseite hebt, Google will neutral bleiben. Es ist das Publikum, das durch seine Klicks bestimmt, was aus der Flut von Videos nach oben geschwemmt wird: Letzten Sonntag etwa stieß ich auf ein Video der Trierer NPD. Es hatte wohl schlicht genug Aufmerksamkeit erregt, die meiste wohl bei Nazi-Gegnern, um in der Rubrik "Beliebt auf YouTube" aufzutauchen.
Schon das Einloggen hilft
Bemerkenswert ist, dass ich offenbar nicht der einzige bin, der YouTube so passiv nutzt. "Die jungen Leute haben mehr Zeit, sind aber auch viel aktiver als die meisten älteren Nutzer", sagt Jan Rode, der Geschäftsführer des Vermarktungsnetzwerks TubeOne, zu dem ApeCrime und Melina Sophie gehören.
Und in einer Studie von Google heißt es, dass die sogenannte Gen C natürlich nicht das einzige, aber das Kernpublikum sei. In die Gen C fallen für Google 80 Prozent der Millennials . Die Studie beschreibt die Gen C als tendenziell stark und ständig vernetzt und als Menschen, für die Online-Interaktionen wie das Teilen, Bewerten und Kommentieren von Inhalten alltäglich sind.
Stille Nutzer wie ich haben vor diesem Hintergrund eigentlich kein Recht, sich über Dinge wie die YouTube-Startseite aufzuregen. Erst einmal müssten wir der Plattform zeigen, was wir überhaupt gut finden und was nicht - etwa unkompliziert per Daumen oder mit einem kostenlosen Abo. Nicht einmal einen YouTube-Account haben, aber über den Erfolg bestimmter Kanäle zu schimpfen, ist ähnlich bekloppt, wie nicht zur Wahl zu gehen und danach über das Ergebnis zu jammern.
Um sein YouTube-Erlebnis merklich zu verbessern, hilft es übrigens bereits, sich überhaupt einmal bei der Plattform anzumelden und einzuloggen. Dann kann man zum Beispiel auf der Startseite per Klick auf ein Icon signalisieren, dass man "kein Interesse" an bestimmten Videos hat. Und ja, das funktioniert: Die schlimmsten Teenie-Probleme bleiben mir neuerdings beim Seitenaufruf erspart.
Zusammengefasst: Kinder und Jugendliche zählen zu den aktivsten YouTube-Nutzern - das erklärt, warum sich auf der Startseite viele Inhalte für diese Zielgruppe finden. Will man als älterer Nutzer etwas ändern, sollte man zumindest auch einmal ein "Daumen hoch" vergeben oder seine Lieblingskanäle abonnieren. Es hilft auch schon, sich bei YouTube einzuloggen und seine Präferenzen anzugeben.