Zonentalk "Ä Dännsche please''
Frankfurt/Main - "Der einstige junge Pionier, der ehemalige Träger des Jungaktivistenordens, die Konsumenten von Goldbroiler oder Schlagersüßtafel in jenen Tagen erinnern sich, schreiben kleine Geschichten ihres Alltags im real existierenden Sozialismus in den Farben der DDR" - so weit die Ziele des ursprünglichen Projektes, einer Koproduktion von Studenten der Technischen Universität Chemnitz, der Humboldt-Universität Berlin und des Wiener Böhlau-Verlages. Im Internet-Forum Zonentalk werden Alltagsgeschichten aus der DDR gesammelt, die originellsten sollen im Frühjahr 2001 in einem Buch herauskommen.
Die Realität im Netz sieht freilich etwas anders aus: Ossihasser wünschen sich per E-Mail die Mauer zurück ("Die scheiß Ossis müssen wieder dahin, wo sie hergekommen sind"), Wessihasser beglücken sich mit den neuesten Witzen. Vom Server der Technischen Universität Chemnitz wurde Zonentalk wegen mangelnder wissenschaftlicher Betreuung bereits verbannt.
Administrator Felix Mühlberg, der an verschiedenen wissenschaftlichen Projekten zur DDR-Geschichte mitgearbeitet hat, gesteht zwar ein, dass im Zonentalk auch dumpfe Vorurteile ausgetauscht werden. Diese würden jedoch zeigen, wie aktuell das Thema deutsche Einheit noch immer sei und wie emotional und vehement die Diskussion geführt werde. Und auch die vorgetragenen Klischees verwiesen auf ein Fremdbild, das nicht von dem Web-Angebot erfunden worden sei. Dort hätten Ostdeutsche lediglich die Möglichkeit, auf gegen sie vorgetragene Klischees zu reagieren.
Und das tun sie auch. Selbst vergessen geglaubte Kalauer werden dazu wieder hervorgeholt. Amüsanter sind da schon die seltener ins Netz gestellten Alltagsgeschichten - Diskussionen über die Vorteile beschichteter Bratpfannen und Berichte über die Tücken seinerzeit handelsüblicher Schleudern inbegriffen.
Von Intim- bis StöberZone
Die Angebote gliedern sich in mehr als 60 Rubriken - in der ProblemZone gibt es Tipps zu Haus und Hof oder Küche und Kochen (selbst gemachter Beerenlikör). Chatter können ihre Bekanntschaften aus Kindergarten, Schule oder Tanzstunde im ZonenKontakt suchen. Im ZonenJob werden Arbeitsplätze geboten ("Suche Werbemittelbauer: Sozialhilfeempfänger oder Arbeitsloser auf Teilzeit oder Vollbeschäftigung"). Freudig klickt man auf IntimZone, statt nackter Tatsachen aus der DDR-Realität verbirgt sich dahinter aber eine "Fotosammlung von Ihrem letzten Stück ZONE". Im ZonenTalk werden Erinnerungen wach. Die Brause des Klassenfeinds ist Stephan mehr als 20 Jahre lang nicht aus dem Sinn gegangen; eine gewisse "Honey" muss bei dem Wort "Kindergarten" noch immer an den kollektiven Mittagsschlaf auf ziemlich unbequemen Campingliegen und ekelhaft warme Milch denken, und "Zonengabi" ruft für alle noch einmal das Jugendweihegelöbnis in Erinnerung. Wer nach jahrelanger Suche "Digedaghefte" finden will, ist bei StöberZone richtig. Und die Wessis, die von all dem "Gezone" nix verstehen, können sich im InterZonenTalk an der Ost-West-Debatte beteiligen.
Wer "zoll" denn das alles lesen?
Das Interesse am Online-Angebot ist groß. Seit April wurden fast 60.000 Zugriffe gezählt, zwischen 100 und 1000 sind es pro Tag. Das hohe Interesse zeige, dass die Leute das Erinnern an die DDR nicht nur Wissenschaftlern und Politikern überlassen wollen, sagt Mühlberg. Auch "Diana" stellt sich eine drängende Frage: "Bei mir steht im Abschlusszeugnis der 10. Klasse der Vermerk: "Diana hat sich nicht ausreichend an den Altstoffsammlungen der Klasse beteiligt. Ob sich das negativ auf meine Zukunft ausgewirkt hätte, wenn die "Wende" nicht gekommen wäre?"