11. September Der erste Flug in die USA
Hamburg - Der Kapitän kündigt an, es werde kein Mittagessen geben. Seine Begründung: Das Flugzeug sei zu schnell geflogen. Auf dem Bildschirm mit der Karte, auf der die Flugroute eingezeichnet ist, ist Amerika in der Tat sehr nah.
Eineinhalb Stunden vor der Landung meldet sich der Kapitän wieder. Der Lunch falle auch aus. Die Maschine UA 945 Frankfurt - Chicago sei schneller am Ziel als erwartet. Das Unterhaltungsprogramm wird ausgeschaltet.
Was hat New York mit Chicago zu tun?
Wir wundern uns. Die Boeing 747 fliegt inzwischen in Richtung Norden. Der Kapitän meldet sich noch einmal: Es habe einen Unfall in New York gegeben. "Wir landen in Montreal." Was hat der Unfall in New York mit Chicago zu tun? Dafür gibt es keine Erklärung.
Das Flugzeug landet in Montreal und rollt ins Niemandsland, weit weg vom Terminal. Telefonieren dürfen wir nicht, Passagiere der ersten Klasse im oberen Stock müssen sofort nach unten. Alle müssen sofort die Jalousien schließen. Warum? Weil es sonst zu warm werde, heißt es. Einige junge Männer stehen auf und gehen in den oberen Stock. Amerikanische Soldaten in zivil?
Wir erfahren, dass zwei Flugzeuge, davon eins der Gesellschaft United Airlines, entführt und ins World Trade Center gesteuert worden sind. Ist das hier auch eine Entführung? Sitzen oben die Terroristen? Panik bricht aus. Polizei und Feuerwehr auf dem Flugfeld rücken an. Das Bordpersonal ist sichtlich nervös.
Zwei bis drei Stunden verbringen wir im Flugzeug. Wie lange wir noch ausharren müssen, sagt niemand. Nur so viel: Man möge vorsichtshalber die Trinkbecher behalten. Nach Stunden schaltet der Kapitän einen Radiosender ein. Alle sind entsetzt über das Ausmaß der Katastrophe in New York. Aber auch erleichtert: Offenbar ist diese Maschine "sauber".
Irgendwann dürfen wir raus. Jetzt warten wir in den Bussen. Plötzlich heißt es: Kontrolle. Wir steigen wieder aus und stellen uns in Reihen auf. Spürhunde schnüffeln am Gepäck. Sie finden nichts. Wir steigen wieder in die Busse ein. Im Terminal warten wir erneut. Wenigstens darf man telefonieren. Ich rufe Anette an. Sie wusste nicht, welche Maschine der United Airlines entführt worden war. Ich kann sie beruhigen.
Den nächsten Tag verbringen wir im Freizeitressort "Mont Tremblant". Wie es weitergeht, wissen wir nicht.
Am 13. September, zwei Tage nach der Landung in Montreal, wird erneut gepackt - ein Teil der Passagiere soll in die USA weiter fliegen. Die andere Hälfte soll zurück nach Deutschland. Als wir am Flughafen ankommen, erfahren wir, dass soeben ein Lufthansa-Jumbo mit 40 Passagieren an Bord gestartet sei. Wir bleiben, wo wir sind. Das Chaos geht weiter...
Später, als wir endlich einchecken dürfen, wird das arabische Ehepaar, das mit uns aus Frankfurt kam, festgenommen. Die Sicherheitskontrollen sind dennoch überraschend lasch. Ich habe ein Messer im Handgepäck, doch es fällt niemandem auf. Schließlich fliegen wir nach Chicago - wie es heißt, in der ersten Maschine, die nach dem Anschlag in die USA fliegen darf.