11. September "Du siehst aus wie mein Sohn"
New York - Nach dem 11. September klammerten sich viele Familien von Vermissten an den Glauben, dass ihre Lieben noch am Leben sein könnten. Irrten sie vielleicht durch die Straßen, geschockt und ohne Gedächtnis? Nur die wenigsten Hinterbliebenen haben Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen. Weniger als die Hälfte der rund 2800 Opfer konnten bislang im Leichenschauhaus von New York identifiziert werden. Von hunderten Opfern wurden in den Trümmern keine sterblichen Überreste gefunden. Vermutlich verbrannten sie völlig oder wurden zwischen den Betonmassen zerrieben.
Albert Vaughan hatte nach eigenen Angaben keine Ahnung, dass er von seinen Angehörigen vermisst wurde. Auch an die Ereignisse vom 11. September habe er keine Erinnerung, sagte der 45-Jährige, der im Psychiatrie-Zentrum Rockland in der Ortschaft Orangeburg behandelt wird. Jetzt ließ er seine Verwandten eine Botschaft zukommen: "Sagt allen, dass ich lebe und gesund bin."
Die zweite jetzt von der Vermisstenliste gestrichene Person wurde in einem Krankenhaus im Bundesstaat New Jersey entdeckt, teilte eine Sprecherin der New Yorker Gesundheitsbehörden am Dienstag mit.
Nach Angaben der Ärzte leidet der Patient George V. Sims, der in unmittelbarer Nähe des World Trade Center eine Bude mit Trödelwaren hatte, an Amnesie und Schizophrenie. Ein Bild des Patienten war zahlreichen Familien vorgelegt worden, die einen Mann mit in etwa passender Personenbeschreibung als vermisst gemeldet hatten. Dadurch waren schließlich seine Angehörigen ausfindig gemacht worden.
Als Familienmitglieder ihn jetzt besuchten, erkannte er niemanden. "Ich bin zu ihm gegangen und habe gesagt, 'Du siehst aus wie mein Sohn. Können wir Freunde sein?'", beschreibt die Mutter, Anna M. Sims, das erste Zusammentreffen mit ihrem Sohn in der "New York Times". "Es ist ein Wunder, dass er noch am Leben ist", sagte sie. Sie hätte nie gedacht, ihren Sohn noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Nun hoffe sie, dass er genesen werde.
Die Familie hatte den Mann als vermisst gemeldet, als er nach dem 11. September nicht wieder nach Hause kam. Sie wollten ihn aber vor Ende eines Jahres nicht für tot erklären lassen und hatten auch keine finanzielle Unterstützung für Hinterbliebene beantragt.