Tod von Alexander Sisonenko: Die Leidensgeschichte eines Riesen
2,5-Meter-Mann Das lange Leiden von "Big Alex"
Niemand kam Basketballkörben im bloßen Stehen so nahe wie Alexander Sisonenko. Der ehemalige Sowjet-Basketballprofi versenkte die Bälle fast nach Belieben. 42 Punkte waren es einmal in seinem besten Spiel, im Durchschnitt mehr als 30 in der sowjetischen Liga. Für "Big Alex" war das ein Kinderspiel: Die Körbe in Höhe von 3,05 Metern schwebten gerade einmal einen guten halben Meter über seinem Scheitel.
Mit 2,48 Metern war Sisonenko Zeit seines Lebens der größte Mann Russlands. Seine Größe bescherte ihm 1991 einen Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde, danach eine lange Krankheit und einen frühen Tod. Sisonenko, der als längster Basketballspieler aller Zeiten gilt, starb Anfang Januar in Sankt Petersburg. Zuletzt konnte er sich kaum noch bewegen.
Das Leiden des Riesen trägt Züge eines Medizinskandals. Sein Tod wirft ein Schlaglicht auf die schlechte medizinische Versorgung Russlands, das zwar die drittgrößten Devisenreserven der Welt hortet, in dem aber keine Klinik den Ex-Basketballer pflegen mochte.
Bis zu seinem Tod wuchsen seine Knochen
Sisonenko war zu groß für den eigenen Organismus. Sein Gewicht von rund 200 Kilogramm führte zu Knochenbrüchen und Herzproblemen. Vergangenes Jahr stürzte er in seiner Wohnung. Geld für teure Medikamente und Heilung hatte er nicht, ein Bett in einem Krankenhaus wurde ihm verwehrt. Nachbarn und Fans von einst protestierten, doch Beamte schmetterten ihre Forderung ab, die Kosten der Behandlung zu übernehmen.
Wochenlang hielten deshalb Anwohner Wache am Bett des Kranken. Sie brachten Essen und Geld. Erst, nachdem sie eine Petition verfassten und bei der Stadt einreichten, stellte die Verwaltung endlich eine Krankenschwester ab und zahlte ihm die Medikamente. Sein Zustand aber verschlechterte sich weiter.
Schon mit 27 Jahren hatte Sisonenko seine Basketballkarriere beendet, weil er krank war. Ein Tumor in seinem Gehirn hatte schon in der Kindheit sein enormes Wachstum verursacht. Der Knoten wucherte an der Hypophyse, einer Hormondrüse, die das Wachstum steuert. Sowjetische Ärzte versuchten, den Tumor aus dem Kopf zu schneiden. Sisonenko behielt von der Operation eine breite Narbe auf der Stirn zurück, der Tumor aber wucherte weiter. Bis zu seinem Tod hörten seine Knochen nicht auf, zu wachsen. Sein Gang war gebeugt: Muskeln und Bandscheiben konnten den massigen Körper nicht mehr aufrecht halten.
In den neunziger Jahren verkaufte er seine Wohnung in der Wolgastadt Samara, in der er zuletzt gespielt hatte, und zog mit seiner Frau nach Sankt Petersburg. Dort meinte er sein Geld gut angelegt zu haben, fiel aber in Wahrheit auf ein Schneeballsystem von Gaunern hinein und verlor alles. Seine Frau ließ sich scheiden und nahm den gemeinsamen Sohn mit.
Um sich über Wasser zu halten trat er als Attraktion in Freakshows neben Kleinwüchsigen auf. Er spielte in dem tschechischen Film "Das tapfere Schneiderlein" mit, natürlich als Riese.
Aus Angst verweigerte Sisonenko die Unterschrift
1999 meldete sich dann ein vermeintlicher Gönner aus Deutschland, der sich selbst "Professor" nannte. Gunther von Hagens, umstrittener Direktor des Heidelberger Instituts für Plastination (IFP) und Gründer der Ausstellung "Körperwelten", holte ihn zur Behandlung nach Deutschland. Dort aber soll er ihm ein unmoralisches Angebot unterbreitet haben: Hagens wollte Sisonenko seinen Körper schon zu Lebzeiten abkaufen, um ihn nach dem Tod für seine Ausstellung zu präparieren, berichtete im Jahr 2004 die "Süddeutsche Zeitung".
25.000 Deutsche Mark habe ihm der Professor geboten, sagte Sisonenko damals der Zeitung "Nowaja Gaseta". Später soll Hagens sein Angebot erhöht haben, so Sisonenko: auf 40.000 Mark sofort und 400 Mark monatliche Rente. In einem Vertragsentwurf ist von "humanitärer Hilfe für einen russischen Staatsbürger" die Rede, der seinen Körper vererbt.
Von Hagens bestritt, das Dokument zu kennen. Man habe lediglich diskutiert "für diesen mittellosen, schwerkranken Menschen einen Spendenaufruf zu organisieren". Auf die Körperspende ließ sich Sisonenko nicht ein. Er habe gefürchtet, "dass ihm irgendetwas Unerfreuliches passiert, wenn er unterschreibt", sagte ein Freund Sisonenkos der "Süddeutschen Zeitung" vor sieben Jahren.
Am Ende seines langen Leidens schädigte das Wachstum die inneren Organe des Riesen. Osteoporose und Diabetes setzten Sisonenkos Körper zu. In seinen letzten Tagen stand ihm sein 17-jähriger Sohn Alexander bei. Der Vater starb am 5. Januar. Tausende fanden sich Anfang der Woche in der Sankt Petersburger Wladimir-Kathedrale ein, um Russlands größtem Mann zu gedenken. Für die Beerdigung legten Freunde 1200 Euro zusammen. Alexander Sisonenko liegt nun auf einem Petersburger Friedhof begraben, nahe seines ehemaligen Trainers Wladimir Kondraschin, einem Gefährten aus besseren Tagen.