9/11-Jahrestag Gedenken mit Verfallsdatum
New York - Madeline Carlo, 41, starb am 15. Juli dieses Jahres. Die Polizistin des New York Police Departments (NYPD) hatte Lungenkrebs, sie hinterlässt einen Sohn und eine Tochter. Ihr Kollege Frank Macari, 51, starb am 3. September, ebenfalls an Lungenkrebs. Er hinterlässt eine Frau und eine Stieftochter.
Carlo und Macari sind die bisher letzten New Yorker Opfer des 11. Septembers. Beide hatten vor sechs Jahren bei den Aufräumarbeiten an Ground Zero Giftstaub eingeatmet. Früher hätte das hier für fette Schlagzeilen gesorgt. Im Sommer 2007 aber nahm kaum jemand mehr Notiz davon. Nur die "New York Post" widmete ihnen eine Kurzmeldung: Die Familien hätten Rentenanträge eingereicht, da die Cops "bei der Ausübung ihrer Pflichten gefallen" seien.
Kollektive Trauer hat ein Verfallsdatum. Nicht für die direkt Betroffenen, deren Leben für immer vernarbt bleibt: "Ich will aus diesem Alptraum aufwachen", schreibt Madeline Carlos 24-jähriger Neffe Luis in seinem "MySpace"-Profil. Doch für viele andere gerät das Trauma von 9/11 langsam in Vergessenheit, verdrängt von den Sorgen des Alltags - und nirgends zeigt sich das schärfer als heute in New York, zum sechsten Jahrestag der Terroranschläge.
Der 11. September 2001 war ein Tag, "der in Infamie fortleben wird", wie das Weiße Haus damals formulierte und damit den Schlachtruf von Pearl Harbor 1941 wieder aufnahm. Sechs Jahre später hat die Stadt diese Infamie längst cool relativiert - vom Rest der Nation ganz zu schweigen. Sicher, es gibt Gedenkveranstaltungen, TV-Specials und Sonderausstellungen landesweit, darunter eine in der "New York Historical Society" mit Ground-Zero-Reliquien: Reste eines Flugzeugfahrwerks etwa und eine zermalmte Uhr, deren Zeiger auf 9.04 Uhr stehen geblieben sind. Doch diese Exponate wirken fast schon museal entrückt, wie Mementos eines Unglücks aus ferner Zeit.
"Ist das alles noch notwendig?"
Sicher, 81 Prozent der Amerikaner sehen 9/11 bis heute als das "bedeutsamste Ereignis" ihres Lebens. Doch erstens waren es vor zwei Jahren noch fast 90 Prozent, und zweitens beweist ein Blick auf die Avenues von New York: Die lähmende Wirkung, die das Geschehene hier mal hatte, ist vorbei.
Sicher, viele New Yorker tragen dieser Tage schwarz. Doch nicht zum 9/11-Jahrestag - sondern zur "Mercedes Benz Fashion Week", die 2001 noch pietätvoll abgesagt worden war. Inzwischen ist der 11. September wieder ein Laufstegtermin wie jeder andere: 22 Modenschauen stehen heute auf dem Programm, darunter von Top-Designern wie Calvin Klein und Marc Jacobs.
Sicher, zur gleichen Stunde werden sich in Lower Manhattan die 9/11-Hinterbliebenen versammeln, um wie immer die Namen ihrer Lieben zu verlesen. Doch mit der Würde wird es da schwer werden: Der Financial District rings um Ground Zero, einst das "Loch im Herzen der Stadt" ("New York Times"), ist heute ein quirliges Geschäfts- und Wohnzentrum, mit Straßencafés, Drei-Sterne-Restaurants, über 6000 neuen Luxusapartments und neuen Luxus- Showrooms (Hermès, Tiffany, BMW).
Auch wurde die 9/11-Zeremonie zum ersten Mal von Ground Zero, dem alten Weihegrund, auf eine gesichtslose Plaza ums Eck verbannt. Bürgermeister Mike Bloomberg höchst selbst hat das angeordnet, trotz der Proteste der Opfergruppen. Begründung: "Sicherheit" - schließlich ist Ground Zero selbst eine gigantische Großbaustelle, Helmpflicht inklusive. Inoffiziell scheint jedoch jene kühle Distanz durch, die selbst die tributfreudige "New York Times" zu den Gedenkfeiern fand: "Ist das alles noch notwendig?"
Der Fortschritt verbaut den Blick zurück. An Ground Zero sind die ersten Stahlträger des Freedom Tower sichtbar und die Gruben für die drei weiteren, neuen Bürotürme, deren kalte High-Tech-Entwürfe keinerlei Bezug mehr haben zu den emotionsgeladenen Visionen des Masterplaners Daniel Libeskind.
Währenddessen müssen sich die 9/11-Familien mit ihrer Trauer eben auf dem kühlen Granit des Zuccotti-Parks drängeln. Auf der Rednerliste der Feier stehen da unter anderem Bloomberg und dessen Vorgänger Rudy Giuliani, der "ein Gedicht oder so was" (Bloomberg) vorlesen soll.
Giulianis 9/11-Nimbus zerfällt
Giuliani ist inzwischen auch Präsidentschaftskandidat - und zwar einer, der sich bis heute als Held Nummer eins von 9/11 aufbläst und den Tag des Horrors zum Wahlkampfhit in der Provinz umgeschrieben hat. Weshalb der heutige Gedenkakt auch einen bitteren parteipolitischen Beigeschmack bekommt.
Doch selbst Giulianis Aura verblasst. Bei seinen Wahltourneen durch Iowa und New Hampshire brüstet er sich zwar unermüdlich als "Amerikas Bürgermeister" - als der einzige, der ein neues 9/11 verhindern könne. Doch in seiner Heimatstadt wird Giulianis Rolle am 11. September 2001 inzwischen mit anderen Augen gesehen. Feuerwehrleute buhen ihn aus. Opferangehörige klagen ihn an, etwa weil er die städtische Kommandozentrale zuvor ins World Trade Center verlegt hatte und die Bergungsarbeiter - von denen später Hunderte erkrankten - ohne Schutzmasken in den Giftschlund ließ.
"Angst hat das amerikanische Gemüt militarisiert"
Ohne diese Entscheidungen, sagt der Feuerwehrmann Andy Ansbro in "The Real Rudy Command Center", einem neuen, scharf-kritischen Dokumentarkurzfilm über Giuliani, "wäre die Zahl der Todesopfer wahrscheinlich nur halb so hoch gewesen". So enden Mythen.
Der US-Regierung diente 9/11 von jeher nur als Projektionsfläche für Politklischees. Als Katalysator des mächtigsten Antriebs für Wähler - Angst. "Angst hat das amerikanische Gemüt militarisiert", klagt der linke Kolumnist James Wolcott. "Die Seelen der Toten durften nicht in Frieden ruhen, sondern wurden wieder und wieder als geschmacklose Argumente für endlosen Krieg und Eroberung rekrutiert."
"Kriegerisches Getue und Trostfantasien"
Amerika hat es immer schon verstanden, die unbequemen Passagen seiner Geschichte zu Legenden zu verklären und zu instrumentalisieren: Indianerhatz, Bürgerkrieg, Segregation - und schließlich 9/11. "Kulturelle Umschachtelung" nannte die Autorin Susan Faludi das kürzlich in einem Essay für die "New York Times": "Wir begruben das Bewusstsein unserer Verwundbarkeit unter kriegerischem Getue und Trostfantasien."
9/11, fuhr Faludi fort, habe das Land lange in "eine schreckliche und selbstzerstörerische Richtung gelenkt - Verlust der Bürgerrechte, Billigung von Folter und ein vermaledeiter Krieg". Doch nun sei das Pendel etwas zu weit ausgeschlagen - und die Amerikaner schienen ernüchtert wieder zur Vernunft zu kommen.
Umfragen bestätigen: 9/11 verliert mit seiner emotionalen auch seine strategische Macht. Bushs Popularitätsloch spricht Bände. Noch 2004 hatte er mit 9/11 die Wiederwahl gewonnen, beflügelt von der schamlosen Gedenkdramaturgie des "Patrioten-Parteitags" in New York. Heute rangiert der Terrorismus auf der Sorgenliste der Wähler weit hinter dem Irak-Krieg (den sie als anderes Thema sehen), Wirtschaft, Gesundheitswesen und Einwanderung.
"Ist fünfmal genug?"
Trotzdem versucht das Weiße Haus weiter beharrlich, einen direkten Zusammenhang zwischen 9/11 und dem Irak herzustellen. Es ist kein Zufall, dass der Irak-Bericht des Generals David Petraeus ausgerechnet auf diese Woche terminiert war. Doch die Öffentlichkeit kauft der Regierung die 9/11-Irak-Connection immer weniger ab. 55 Prozent glauben, dass der Irak-Krieg die Terrorgefahr daheim nur noch erhöht habe.
New Yorks parteiloser Bürgermeister Bloomberg dagegen, der dem 9/11-Zirkus immer schon klaren Menschenverstand entgegenhielt, erfreut sich Rekord-Beliebtheitsquoten von über siebzig Prozent - Werte, von denen Bush und Giuliani nur träumen können.
"Ist fünfmal genug?", fragte das "New York Magazine", als der sechste 9/11-Jahrestag nahte. Immer mehr Leute sprechen offen aus, was früher niemand zu sagen wagte. "Ich habe Gedenk-Ermüdungserscheinungen", schreibt etwa ein New Yorker namens Walter Gray auf dem "City-Room"- Blog der "New York Times".
Nur für die Familien hat das Gedenken kein Verfallsdatum. "Diese Vorstellung scheint mir so beleidigend", sagt Anita LaFond Korsonsky, die bei 9/11 ihre Schwester Jeanette verlor. "Wenn du es satt hast, geh' nicht hin, schalte deinen Fernseher ab oder verlasse die Stadt."