Aalmutters Tod - DER SPIEGEL
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Aalmutters Tod

Ortstermin: Ein Institut in Bremerhaven erklärt den globalen Klimawandel am Leben und Sterben eines Fisches.
• aus DER SPIEGEL 3/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tja, das ist die Aalmutter«, sagt Rainer Knust und geht in die Knie. »Als Tier eher faul. Bewegt sich nicht viel.« Knust guckt durch das Aquariumglas. Die Aalmutter auch.

Auf dem kieseligen Boden, Wassertemperatur zehn Grad, liegt ein Fisch: vielleicht 20 Zentimeter groß, dünn, hellhäutig, eine Aalmutter aus der Nordsee, Zoarces viviparus. Zehn Grad Wassertemperatur findet die Aalmutter nicht schlecht. Es ist ein Fisch mit grünen Gräten, der die Nord- und Ostsee besiedelt. Lebendgebärend, essbar, aber kein Fangfisch. Wahrscheinlich rechnete niemand damit, dass die Aalmutter noch mal berühmt werden könnte - auch Knust nicht.

Er geht hinüber zum NMR-Labor. An der Tür hängt ein Schild, das auf Englisch, Deutsch und mit Ausrufezeichen vor starken Magnetfeldern warnt. Im Labor steht ein spezieller Kernspintomograf. Darin wird die Aalmutter untersucht. Wie ihr Blutfluss, ihr Stoffwechsel auf Erhöhungen der Wassertemperatur reagieren. Die Aalmutter mag keine hohen Temperaturen. Knust und sein Kollege Hans-Otto Pörtner haben herausgefunden, dass ihr Kreislaufsystem bei Wassertemperaturen von 21, 22 Grad langsam zusammenbricht. Die Aalmutter stirbt.

Knust und Pörtner haben darüber eine Studie geschrieben. Sie haben die Auswirkungen des Klimawandels auf einen einzigen Fisch dokumentiert. Vor ein paar Tagen schaffte es ihre Studie auf die Titelseite der »Süddeutschen Zeitung«. Sie wurde der wesentliche Beitrag Deutschlands zur Klimadebatte der vergangenen Wochen.

Oben im zweiten Stock hat Knust sein Büro, Zimmer 2525. Es gibt hier einen Computer, Aktenordner, einen Stoffpinguin, den ihm seine Frau schenkte, Bücher und ein Telefon. Das Telefon war in diesen Tagen oft besetzt. Leute von Zeitungen und Radiosendern riefen an, und Knust, der Meeresbiologe, schaute durch sein Bürofenster auf die Weser und gab plötzlich Interviews. Unter normalen Umständen hätte seine Studie über die Aalmutter außerhalb der Fachwelt wohl niemanden groß interessiert. Aber die Umstände sind nicht normal.

Alle reden gerade vom Wetter, vom Klima. Sommer und Herbst waren schon zu warm, sagen die Experten. Jetzt ist auch noch der Winter weg in Deutschland, in Teilen Europas und der Welt. Im Fernsehen laufen Skiläufer auf weißen Kunstschneeschneisen durch braune Wälder. In New York wurden 22 Grad gemessen. In Bremen berieten Wissenschaftler, ob die Arktis im Jahr 2080 im Sommer eisfrei sein könnte. In Großbritannien prognostizierten Forscher, dass 2007 weltweit das wärmste Jahr seit 150 Jahren werden könnte. Und in Bremerhaven saß Rainer Knust, 50 Jahre alt, und gab Interviews bis nach Washington.

Es sind gerade gute Zeiten für Klimaexperten. Man hört ihnen zu: Regierungen, Journalisten, Bürger. Die Frage ist, ob das Zuhören auch zu Konsequenzen führt.

Knust schaltet den Computer ein und zeigt auf eine Grafik, sie beschreibt die Entwicklung der Meerestemperatur der Nordsee zwischen 1962 und 2002. In 40 Jahren hat sich das Meer um 1,13 Grad erwärmt. Von knapp neun Grad Durchschnittstemperatur auf knapp zehn Grad. Die Station auf Helgoland misst jeden Tag, immer an der gleichen Stelle. »Der Klimawandel ist ein Fakt«, sagt Knust.

1962 wussten die Deutschen nicht, was Klimawandel ist. Heute fragen sie sich, was 1,13 Grad eigentlich bedeuten. Nichts? Oder den Weltuntergang?

Wahrscheinlich ist das ein Hauptproblem beim Klimawandel. Er ist nur schwer zu greifen. Er besteht oft aus Studien, Prognosen, Modellen, und die Folgen spielen in der Zukunft. Das hat etwas Beruhigendes für diejenigen, die heute leben. Zukunft heißt, dass alles auch ganz anders kommen kann oder dass man schon tot ist, wenn sie beginnt. Zukunft ist zuallererst immer das Problem der nächsten Generationen.

Knust klickt auf eine andere Grafik, ein internationales Klimamodell. Danach wird sich die Nordsee in den nächsten 100 Jahren um weitere 1,6 bis 3 Grad erwärmen. Für die Aalmutter wäre das wohl das Ende. Stirbt die Aalmutter, werden auch andere Fische sterben oder nach Norden ziehen Richtung Pol. Die Aalmutter, sagt Knust, ist ein Vergleichsfisch. Ein sogenannter Modellorganismus. Man kann die Ergebnisse auf andere Arten übertragen. Ein Großteil der heimischen Fischbestände wird also bedroht sein, wenn das Meer zu warm wird.

Knust hat 14 Jahre an der Studie gearbeitet. Seit 14 Jahren fährt er im März und Juli an die Nordsee zwischen Spiekeroog und Langeoog, um die Bestände der Aalmutter zu untersuchen. Knust sagt, er werde so lange fahren, bis er in Pension geht. Er wird Daten sammeln, Daten vergleichen. Ein Wissenschaftlerleben. Im Sommer fährt er Richtung Nordpol, um arktische Aalmuttern zu fangen, für eine neue Studie.

Fisch ist längst global, er kommt aus der ganzen Welt ins Land. Die Deutschen essen auch Victoriabarsch. »Der größte deutsche Hafen ist heute der Frachtflughafen Frankfurt am Main«, sagt Knust. Vielleicht verschwindet in den nächsten Jahrzehnten der Nord- und Ostseefisch, aber dafür kommt womöglich der Mittelmeerfisch.

»Die Streifenbarbe«, sagt Knust.

Die Streifenbarbe ist ein Fangfisch, schmackhaft, bisher heimisch vor Italien, Spanien oder Mallorca. Jetzt findet man sie immer öfter in der Nordsee.

Hört man Rainer Knust eine Weile zu, dann kann man am Ende auf die Idee kommen, dass der Klimawandel für viele auch wie die Erfüllung eines deutschen Traums klingen könnte: warme Sommer, warme See, mediterraner Fisch.

Mallorca im Norden.

JOCHEN-MARTIN GUTSCH

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