Abbé Pierre: Der "Vater der Armen" ist tot - DER SPIEGEL
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Abbé Pierre Der "Vater der Armen" ist tot

Sein ganzes Leben lang widmete er sich den Armen und Ausgestoßenen. Seine "Bruderschaft von Emmaus" gehört zu den wichtigsten Hilfsorganisationen für Arme und Obdachlose - in Frankreich und auf der ganzen Welt. Mit 94 Jahren ist Abbé Pierre nun einer Lungenentzündung erlegen.
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Hamburg - Am 14. Januar war der Gründer der "Bruderschaft von Emmaus" wegen einer Lungeninfektion ins Pariser Militärkrankenhaus Val-de-Grâce gekommen. Dort starb er heute am frühen Morgen im Kreise seiner Nächsten. "Abbé Pierre hat keinen Nachfolger", sagte eine Sprecherin der französischen Tageszeitung "Le Monde". "Er ist unser Gründer. Die Bewegung geht weiter, so wie es sein Wunsch war."

Abbé Pierre wurde 1912 unter dem bürgerlichen Namen Henri-Antoine Grouès in Lyon geboren. Nach dem Besuch eines von Jesuiten geleiteten Gymnasiums entschied er sich früh für den Priesterberuf und trat 1931 in den Kapuzinerorden ein. Laut Munzinger-Archiv folgten ein Studium der katholischen Theologie in Lyon und die Priesterweihe im Jahre 1938. Noch im selben Jahr musste er das strenge Klosterleben jedoch wegen einer Tuberkulose aufgeben.

Bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war Abbé Pierre Vikar an der Kathedrale von Grenoble. Schon früh beschäftigte sich das fünfte Kind eines wohlhabenden Seidenfabrikanten mit humanitärer Hilfe: Sein väterliches Erbe verteilte Abbé Pierre an Bedürftige, in Grenoble leitete er ein großes Waisenhaus. Nach seinem Kriegsdienst schloss er sich 1942 der französischen Widerstandsbewegung an und nahm den Decknamen "Abbé Pierre" an.

Er versteckte Juden und verhalf Verfolgten zur Flucht über die Berge in die Schweiz, darunter auch dem gelähmte Bruder des späteren Staatspräsidenten Charles de Gaulle. Nach 1945 wechselte Abbé Pierre als Abgeordneter des Departements Meurthe-et-Moselle in die Politik. Bereits während seiner Parlamentszeit engagierte er sich im (oft illegalen) Aufbau von Unterkünften für obdachlose Familien. Nachdem er 1951 nicht wiedergewählt wurde, widmete der ehemalige Kapuzinermönch sich völlig der "Bruderschaft von Emmaus". Die Hilfsorganisation für Bedürftige hatte Abbé Pierre zwei Jahre zuvor gegründet.

12.000 Notunterkünfte in ganz Frankreich

Als "Vater der Armen" wurde Abbé Pierre bekannt, als er im harten Winter 1954 auf die an der Seine erfrierenden Clochards aufmerksam machte. "Jede Nacht sind es über 2000, zusammengekauert auf dem frostigen Boden, ohne Dach, ohne Brot, fast nackt", zitiert ihn "Le Monde". Der Appell im "Radio Luxembourg" löste eine landesweite Hilfswelle aus. Spenden in Höhe von 500 Millionen Francs kamen zusammen. Das Parlament lehnte die von Abbé Pierre geforderte Summe von einer Milliarde Francs für Sozialwohnungen zunächst ab. Doch dann zahlte es zehn Milliarden, um 12.000 Notunterkünfte in ganz Frankreich zu errichten, heißt es in der Biografie auf der Homepage seiner 1988 gegründeten "Fondation Abbé Pierre". Sein "Aufstand der Güte" war das erste Beispiel einer großangelegten humanitären Hilfe mit Unterstützung der Medien.

Fortan baute Abbé Pierre die "Bruderschaft von Emmaus" aus. Mittlerweile ist sie in 38 Ländern aktiv und umfasst mehr als 500 Vereinigungen. Abbé Pierre setzte sich für verschiedene Außenseiter ein: 1983 trat er in einen Hungerstreik, als in Italien ein Anführer der linksextremen "Roten Brigaden" eingesperrt wurde. Im Sommer 1990 führte er eine Pariser Demonstration für Hausbesetzer an. Zum 40. Jahrestag seiner Rundfunkansprache 1994 verurteilte Abbé Pierre die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Europa. Als zweifelhaft stellte sich allerdings später sein Eintreten für den Philosophen Roger Garaudy heraus, der wegen Relativierung des Holocausts 1998 zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Zu Abbé Pierres zahlreichen Veröffentlichungen zählte auch sein Buch "Mon Dieu... pourquoi" ("Mein Gott... warum"). Darin hinterfragt er das Pflichtzölibat katholischer Geistlicher, spricht sich für das Frauenpriestertum und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare aus.

Anfang dieses Jahres beschwor er der Zeitung "Le Monde" zufolge die französische Nationalversammlung zur Aufrechterhaltung des Gesetzesartikels, der alle Gemeinden zu einem Sozialwohnungsanteil von 20 Prozent verpflichtet. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.

jmk/Reuters