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Abschied

Ortstermin: Wie in Eschborn die letzten Stunden der Abwrackprämie überwacht wurden
Von Wiebke Hollersen
• aus DER SPIEGEL 37/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist Viertel nach zehn, als Holger Beutel das entscheidende Zeichen empfängt, von einer Kollegin, die gerade in der Tür erschienen ist. Beutel leitet das Zeichen an seinen Präsidenten weiter, und der Präsident verkündet nun, dies sei »ein kleiner historischer Moment«. Er sagt: »Soeben ist der allerletzte berücksichtigungsfähige Online-Antrag eingegangen.«

Das Geld für die Abwrackprämie ist seit ein paar Minuten weg. Die ganzen fünf Milliarden Euro sind ausgezahlt oder reserviert, zwei Millionen neue Autos gekauft, zumindest auf dem Papier. Das große Krisenbewältigungsprogramm, die gigantische Geldverschenkaktion der Bundesregierung: aus und vorbei. Der Präsident klingt, als sei das eine gute Nachricht. Als könnte nun, da das Programm vorbei ist, auch die Krise vorbei sein.

Eine Woche zuvor waren noch mehr als hunderttausend neue Anträge möglich, am Freitag immer noch mehr als 75 000. Aber schon Dienstagnachmittag fiel die Zahl unter zehntausend. Holger Beutel, zuständig unter anderem für die Website des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa), das die Prämie verteilt, bat einen Mitarbeiter, nun jede halbe Stunde die aktuelle Zahl zu veröffentlichen.

Für Holger Beutel ging es in den vergangenen Monaten nie um die Frage, ob die Prämie gut ist oder schlecht, ökonomisch gesehen. Beutel war eine Art Buchhalter der Lage im Land. Wenn Beutel sah, dass die Zahlen in Bewegung waren, dann hieß das: Das Land lebt. Es kauft.

Beutel steht in seinem Büro, es ist Mittwochmorgen, kurz nach sieben, ein großer, schlanker Mann, randlose Brille, guter Anzug, und sagt: noch 4418. Ein paar hundert weniger als um Mitternacht. Beutel ist eigentlich Referatsleiter im Bereich der Kriegswaffenkontrolle, die Öffentlichkeitsarbeit des Amts hat er vor der Abwrackprämie eher nebenher erledigt. Erstaunlich, dass nachts so viele Anträge kamen, sagt Beutel. Deutschland schläft nicht.

Als es losging mit der Prämie, Ende Januar, haben sie in einer Woche 75 neue Mitarbeiter eingestellt, insgesamt waren es am Ende 250 Neue. Es sei leicht gewesen, Leute zu finden, obwohl das Amt bestenfalls Jahresverträge bot, »der Arbeitsmarkt war leider so«, sagt Beutel. Es war ein Zeichen für die Krise.

Damals haben sie im Amt an einem Tag 269 000 Anrufe registriert, die Menschen wollten wissen, wie sie an die 2500 Euro kommen. Die Anrufer wählten auf Verdacht sämtliche Durchwahlen, weil die Nummern der Hotline dauerbesetzt waren. Beutel ließ eine Liste an alle Kollegen verteilen, zehn Fragen und Antworten zur Prämie, auch Raketentechniker und Kriegswaffenkontrolleure erklärten nun, dass es das Geld nur gibt, wenn man selbst welches dazulegt und einen Neu- oder Jahreswagen kauft.

Fördern und fordern. Aus der Bafa sprach der Geist Gerhard Schröders.

Wie läuft es?, fragt Beutel um acht. Der Mann, der ihm in dem kleinen Pressebüro gegenübersitzt, klickt auf eine graue Website, auf der links oben eine siebenstellige Zahl steht, öffnet das Taschenrechnerprogramm auf dem PC, zieht die Zahl von einer anderen siebenstelligen Zahl ab. Noch 4169.

Beutel denkt an den Tag, an dem sie das Verfahren geändert haben; statt einer Zulassung für ein neues Auto mussten die Leute nur noch einen eingescannten Kaufvertrag einschicken. 367 284 Anträge gingen kurz darauf ein, es war der 1. April des Krisenjahrs 2009. Beutel denkt aber auch an die Autohäuser, die jetzt gerade überall im Land öffnen, an die Verkäufer, die ein letztes Mal mit Geld vom Staat werben können. Er ahnt, es ist jeden Moment vorbei, dann schickt er die Einladungen raus, Pressekonferenz um zehn.

Kurz nach neun schaut der Präsident in Beutels Büro vorbei. 2748. Halb zehn trinkt Beutel schnell seinen ersten Kaffee, 1803, um zehn begrüßt er ein Dutzend Journalisten in einem graublauen Konferenzraum, der selbst ein wenig wie ein neues Auto riecht. 583.

Aus den Fenstern kann man auf die anderen Bürohochhäuser von Eschborn-Süd schauen, die gutbelegten Mitarbeiterparkplätze, das grüne, hügelige Land drum herum. Die Krise kann man nicht sehen, vielleicht ist sie schon wieder weg, vielleicht noch nicht da.

Neun Monate haben diejenigen, die eine Abwrackprämie reserviert haben, Zeit, um nachzuweisen, dass sie ihr altes Auto verschrottet und ein neues angemeldet haben. Neun Monate, in denen viele der neuen Autos erst noch gebaut werden müssen, neun Monate, in denen die Verträge der neuen Bafa-Mitarbeiter langsam auslaufen.

Beutel übergibt das Wort an den Präsidenten, Arnold Wallraff, ein gutgelaunter Mann mit Glatze und Schnauzbart. Wallraff sagt, dass die Prämie 200 000 Arbeitsplätze gerettet und das Abwracken in Mode gebracht hat. Fahrräder, Kühlschränke, Waschmaschinen, für alles gebe es tolle Aktionen, es sei schick geworden, in der Krise zu konsumieren. Der Präsident dankt »unseren Bürgerinnen und Bürgern, die bei uns einen Antrag gestellt haben«, für ihren Einsatz um Konjunktur, Beschäftigung, Umwelt.

Null. Es ist, als sei der letzte Tropfen aus der Infusionsflasche gelaufen.

Schwer zu sagen, was das heißt. Beutel und seine Behörde können nichts mehr tun. Sie müssen jetzt das Land sich selbst überlassen. WIEBKE HOLLERSEN

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