Absehbares Unheil - DER SPIEGEL
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KINDER Absehbares Unheil

Eine heroinsüchtige Mutter ließ ihren Sohn verhungern. Die Justiz ermittelt gegen zwei Sozialarbeiter wegen fahrlässiger Tötung.
• aus DER SPIEGEL 36/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach seinem Tod bekam Domenic mehr Aufmerksamkeit als in seinem kurzen Leben. Die Grabrede hielt Christian Führer, der Wende-Pfarrer aus der Nikolai-Kirche. Die Nachbarn aus der Leipziger Gletschersteinstraße sammelten Geld für einen Grabstein. Ein TV-Kamerateam bot 4000 Mark für Exklusivbilder von dem Jungen im Sarg.

In den Tagen vor seinem Tod war der zweijährige Domenic ganz allein. Eine Gerichtsvollzieherin und der Hausmeister fanden den Kleinen am 10. Juli verhungert und verdurstet vor seinem Kinderbett, als sie die Wohnung von Mandy P., 20, zwangsräumen wollten. Die heroinsüchtige Mutter hatte ihr Kind zwei Wochen zuvor einfach verlassen.

Gegen Mandy P. wird wegen Totschlags durch Unterlassen ermittelt. Im Justizkrankenhaus Leipzig prüft derzeit ein Psychologe ihre Schuldfähigkeit.

Domenic war eines jener 100 000 Kleinkinder, die nach Schätzung des Kinderschutzbundes in der Bundesrepublik von ihren Eltern vernachlässigt werden. Für manche endet das Martyrium tödlich, wenn etwa drogenkranke oder psychisch labile Mütter einfach verschwinden. Allein im vergangenen Jahr fanden so drei Kinder einen qualvollen Tod.

Wie immer nach solchen Todesfällen vermochte auch bei Domenic niemand verstehen, warum nicht Verwandte, Freunde, Nachbarn oder die Mitarbeiter des Jugendamts das Leiden des Kindes oder wenigstens seinen Tod verhindert hatten - zumal es genügend Vorzeichen der drohenden Katastrophe gab.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt außer gegen die Mutter auch gegen eine Mitarbeiterin und einen Mitarbeiter des Jugendamtes, die für die Betreuung der Familie P. zuständig waren. Der Vorwurf lautet auf unterlassene Hilfeleistung und fahrlässige Tötung. »Beide haben möglicherweise ihre Sorgfaltspflicht verletzt«, sagt Staatsanwalt Norbert Röger.

Schon im Juni 1998 hatte das Wohnungsamt erfahren, dass die jungen Eltern die Energiekosten für ihre Sozialwohnung nicht bezahlten; das Sozialamt sprang ein. Im März 1999 waren neue Stromschulden aufgelaufen, die Wohnung wurde gekündigt. Im Juni 1999 bot das Jugendamt Mandy P. und Domenics Vater Marcel M., 24, Erziehungshilfe an. Sie lehnten ab, sie wollten nur das Geld für den Strom.

Auch die Nachbarn machten sich Sorgen. Der Rentner Wilfried Fuchs, der seinen Balkon direkt gegenüber hat, wunderte sich, dass die Jalousien von Domenics Kinderzimmer oft tagelang geschlossen waren. Dann wieder brannte die Nächte hindurch Licht. Fuchs machte sich auf die Suche nach Domenics Kinderärztin. Die sagte ihm, mit dem Jungen sei alles in Ordnung.

Andere Nachbarn beschwerten sich beim Vermieter, weil sich die Eltern des Kindes laut und oft stritten. Am 22. November des vergangenen Jahres schickte der zwei Mitarbeiter zu der jungen Familie. Mandy erklärte, man wolle sich trennen, bald herrsche wieder Ruhe im Haus. Die Wohnung war unordentlich, aber der kleine Domenic, so die Besucher, sei munter und angezogen herumgekrabbelt.

Im Januar informierte eine Tante von Domenic das Jugendamt, der Kleine weine häufig und werde allein gelassen. Der zuständige Sozialarbeiter forderte in mehreren Briefen vergeblich Auskunft von der Mutter. Bei einem Hausbesuch weigerte sich diese, den Mann in ihre Wohnung zu lassen.

Als Rentner Fuchs, der sich weiter Sorgen um den schreienden Domenic machte, im Jugendamt kurz darauf seine Beobachtungen schilderte, veranlasste der Sozialarbeiter einen Besuch von zwei Kollegen bei Mandy P. Sie boten erneut Hilfe an. Den Jungen fanden sie wohlauf, die Wohnung schien ihnen nicht verwahrlost.

Im März übernahm eine Sozialarbeiterin die weitere Betreuung. Der gab ihr Kollege schriftlich: »Das Kindeswohl ist nicht gefährdet.« Im April berichtete eine Freundin von Mandy bei der Jugendgerichtshilfe, Mandy P. konsumiere Drogen und nehme Domenic mit zu ihrem Dealer.

Die Sozialarbeiterin drohte, zuletzt im Juni, der Mutter in Briefen gerichtliche Schritte an. Doch dabei blieb es. Deshalb ermittelt Staatsanwalt Röger nun auch gegen die Frau.

Mandy rutschte immer tiefer in die Drogenszene am Leipziger Hauptbahnhof. Seit einigen Monaten bereits ging sie mit befreundeten Junkies in die Bahnhofsmission. Wenige hundert Meter entfernt verkaufen sich die jungen Heroin-Frauen auf dem Drogenstrich in der Nordstraße für 50 Mark. Meist kam Mandy zwischen 16 und 17 Uhr in die Mission. Sie trug einen Rock mit einem Top, fragte den Streetworker: »Haste ma'n Baguette und 'ne Tüte Kondome«, trank Zucker-Tee und verschwand wieder.

Am 3. Juli schickte das Wohnungsamt einen Sozialarbeiter zu der bereits gekündigten Wohnung, um Mandy eine neue Unterkunft anzubieten. Das Haus wurde schon seit einigen Wochen saniert, die meisten Mieter waren bereits ausgezogen. Doch niemand öffnete die Tür.

Damals lag der kleine Domenic vermutlich schon allein in der Wohnung. Mandy P. war zu einem Onkel gezogen. Dem hatte sie erzählt, ihr Sohn sei bei der Oma untergebracht.

Ob das Kind noch lebte, wird ungeklärt bleiben. Sieben Tage später wurde Domenic gefunden. »Die Strukturen der Ämter«, räumte der Leipziger Jugendbeigeordnete Burkhard Jung ein, »waren im Fall Domenic nicht sonderlich hilfreich.«

Immerhin: Die Leipziger Behörden haben aus dem Fall gelernt. Künftig ist ein Sozialarbeiter für jeden Fall allein verantwortlich. MICHAEL KRASKE

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