Äthiopien: Ein Volk verhungert - DER SPIEGEL
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Äthiopien Ein Volk verhungert

Seit vier Jahren hat es in Äthiopien nicht mehr geregnet. Menschen vagabundieren durch das ausgetrocknete Land auf der Suche nach Essen, Eltern müssen ihren Kindern hilfslos beim Sterben zusehen. Doch die eigene Regierung tut fast nichts; sie steckt den größten Teil ihres Geldes in Waffen für den Krieg gegen Eritrea.
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Denan - Ein wenig Schutz vor den Fliegen, etwas Schatten spenden: Mehr kann die ausgemergelte Frau für ihr sterbendes Kind nicht tun. Allein in Denan (670 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Addis Abeba) verhungern durchschnittlich sechs Kinder am Tag. "Seit Februar geht das so", sagt der Distriktverwalter Aden Oman (60). "Eine solche Dürre habe ich noch nicht erlebt." Denan liegt weit ab in Äthiopien, die Straßenverbindungen sind schlecht. Nomaden, deren Vieh verendet ist, haben sich zum Überleben nach Denan geflüchtet. Ärztliche Hilfe gibt es nicht, dafür pro Person 4,5 Kilo Mehl und eine Büchse Öl, das aber nur einmal im Monat.

Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) sind bis zu acht Millionen Menschen in Äthiopien von Hunger bedroht. Das gilt für das Hochland im Norden wie für die Somali-Region im Südosten. Die UN- Sonderbeauftragte Catherine Bertini hütet sich dennoch, in Gode (70 Kilometer von Denan entfernt) das Wort Hungersnot in den Mund zu nehmen. So weit sei es noch nicht, die Lage aber "sehr, sehr ernst".

Im Südosten Äthiopiens sind es vor allem die von der Viehwirtschaft lebenden Bauernfamilien, deren Lebensgrundlage weitgehend zerstört ist. Die zwei Regenzeiten von März bis Juni und von Oktober bis Dezember sind seit vier Jahren ausgeblieben. Mehr als 90 Prozent des Rinderbestandes und etwa 65 Prozent der Schafe und Ziegen sind verendet. Nur wenige Kamele haben überlebt. Die Somali-Region ist von Tierkadavern übersät. Es gibt keine wilden Tiere mehr, die sich am Aas weiden. "Hyänen haben wir seit langem nicht mehr gesehen", berichtet Aden Oman. "Wie die Antilopen sind die Hyänen aus Wassermangel weitergezogen."

Im Auffanglager von Denan sind fast nur Frauen und unterernährte Kinder zu sehen. Die Männer halten sich abseits. "Sie tun nichts", meint Shide Mahdi Igal von der Ogaden Welfare Society. "Sie sind demoralisiert." Sie wüssten nicht, was sie unternehmen sollten, sie hätten nur Viehzucht gelernt. Mumina Fhara sieht das völlig anders: "Möglicherweise hat mein Mann den Verstand verloren." Früher seien sie mit 200 Schafen und 150 Rindern reich und respektiert gewesen. "Vor über einem Monat ist er dann mit dem letzten Vieh verschwunden, ich habe keine Ahnung, wo er ist."

Deshalb machte sich Mumina Fhara mit ihren acht Kindern nach Gode auf, wo die Hilfsorganisation USAID ein Verpflegungszentrum unterhält. 200 Kilometer legten sie in 20 Tagen zu Fuß zurück. Zwei Kinder überlebten den Gewaltmarsch nicht. 120 Kinder erhalten in Gode Intensivpflege, darunter Fharas zweijähriger Sohn Ali. Weitere 2000 Kinder bekommen kleine Rationen von Protein - und vitaminreiche Kost. Dennoch sterben auch dort Kinder, da sie viel zu geschwächt ankommen.

Hendrik Groth