Afghanistan Das elende Leben in Camp "Mile 46"
Hamburg - An Grenzen demonstrieren Staaten gewöhnlich Stärke, um den Eindruck zu erwecken, sie hätten auf ihrem Hoheitsgebiet alles unter Kontrolle. Die afghanische Station an der iranischen Grenze ist weder angst- noch respekteinflößend. Das Gebaren hier wirkt geradezu peinlich. Wer von der iranischen Provinzstadt Zabol kommt, passiert zunächst mehrere iranische Stationen, um dann einen Kontrollposten zu erreichen, der mit zwei funktionsunfähigen Lkw ausgerüstet ist.
Ferner markiert der fragile Staat sein Territorium mit einem von den Taliban eroberten Panzerspähwagen und mit einer den Sowjets vor Jahren abgenommenen Artilleriestellung. Darüber hinaus zieren Trümmerteile eines abgeschossenen Hubschraubers den Grenzübergang in der kargen, lebensfeindlichen Landschaft, in der es kilometerweit keinen Baum und kein grünes Fleckchen Erde gibt.
Nach etwa einstündiger Fahrt durch die unwirtliche Gegend taucht am Horizont wie aus dem Nichts eine Zeltstadt auf. Das Flüchtlingscamp wurde Mile 46 benannt nach irgendeiner Entfernungsangabe out of nowhere. Doch dieser Ort der Gestrandeten und Besitzlosen, wo es nichts zu holen gibt, ist gefährdet: Wie das rund 20 Kilometer entfernte liegende Lager Makaki mit 6000 bis 7000 Flüchtlingen droht auch Camp Mile 46 mit mehr als 5000 Menschen aufgelöst zu werden.
Tausende Kilometer Odyssee bis ins Lager "Mile 46"
Dabei sind die Zeltlager im Südwesten Afghanistans nach wie vor dringend nötig. In den vergangenen fünf Wochen ist die Zahl der Flüchtlinge allein in Mile 46 von 800 auf rund 5000 angestiegen - und täglich werden es mehr. 200 bis 250 Menschen kommen jeden Tag durch die Wüste, zu Fuß, mit Kindern auf dem Arm, auf Eseln oder sie werden - so sie es sich leisten können - mit ihren paar Habseligkeiten von Lastwagen herantransportiert. Ihre Gesichtzüge verraten, aus welcher Region sie kommen. Offenbar haben viele das ganze Land auf einer Tausende Kilometer langen Odyssee von der usbekischen und tadschikischen Grenze bis hinunter zur iranischen Grenze durchquert.
Die Flüchtlingsströme reißen nicht ab, obwohl die Amerikaner und ihre Verbündeten die Taliban längst besiegt haben. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) rechnete Ende Oktober damit, dass in diesem Winter insgesamt 450.000 Menschen aus Afghanistan in Richtung Iran drängen würden. Diese Befürchtungen dürften sich wohl nicht bewahrheiten. Inzwischen teilte der Sprecher des Uno-Flüchtlingshilfswerks, Peter Kessler, in Genf mit, dass die Zahl der Flüchtlinge aus Afghanistan stark abnehme. Dennoch befürchten die Verantwortlichen des iranischen Halbmonds, die auch "Mile 46" auf afghanischem Territorium beaufsichtigen, dass die Grenzprovinzen Chorassan und Sistan-Belutschistan mit der Masse heimatlos gewordener Menschen nicht fertig werden.
Vor dem Lager wartet der Tod
Das iranische Pendant zum Roten Kreuz geht daher teils sehr repressiv vor: Um weitere Flüchtlinge abzuschrecken, werden in den bestehenden Camps nicht alle Hilfesuchenden aufgenommen. Viele müssen ohne die von den Hilfswerken gelieferten Decken, Zelten und Petroleumheizöfchen im Freien übernachten. Die Temperaturen sinken von 25 Grad am Tage bis auf fast null Grad ab. Ein Kind ist außerhalb des Lagers bereits erfroren.
Es ist nicht das einzige Opfer der miserablen Verhältnisse in den Lagern: Französische Mediziner von Ärzte ohne Grenzen berichten von zwei weiteren Kindern, die die Nacht nicht überlebten. Wahrscheinlich starben sie an einer Infektion. Eine genaue Diagnose wurde nicht bekannt. Der Mainzer Gerhard Trabert war als Arzt in Mile 46. Er berichtet, für die rund 400 Zelte mit jeweils bis zu zehn Bewohnern gebe es nur 25 Latrinen und eine Waschstelle. "Das Areal um die Latrinen ist voll mit Kot und Urinlachen, der beißende Gestank nimmt zu, je näher man den Latrinen kommt", sagt der in Nürnberg lehrende Medizinprofessor.
Wunden, die nicht heilen
Der 45-Jährige war mit einem weiteren Arztkollegen aus Berlin und einer Krankenschwester aus Freudenstadt für zwei Wochen mit der Hilfsorganisation Humedica zu einem humanitären Einsatz nach Afghanistan gereist. Täglich hat das Team 80 bis 100 Männer, Frauen und Kinder behandelt. Die meisten Patienten leiden an parasitären Erkrankungen, vor allem an Durchfall auf Grund von Wurmbefall.
Einmal kam ein Mann ins vier mal vier Meter große Behandlungszelt, zeigt Röntgenbilder seiner Frau, die in einer iranischen Klinik gemacht worden waren. Trotz eines Oberschenkelbruches war die im siebten Monat Schwangere dort abgewiesen worden, weil nicht klar war, wer für die Kosten einer Operation aufkommen würde. Nun lag die Verletzte seit einer Woche in ihrem Zelt im Camp, mit schmerzverzerrtem Gesicht. Auch ihr Mann war mit den Nerven am Ende. Er begann zu weinen, als ihr schließlich geholfen wurde.
"Krieg ist Stress!", sagt Trabert, Patienten, Männer wie Frauen, klagten über Ganzkörperschmerzen, was in vielen Fällen auf eine psychosomatische Genese hinweise. Auffällig viele Mädchen und junge Frauen sind depressiv. Sie wirken apathisch, Narben, welche die fundamentalistische Auslegung des Islam durch die Taliban bei den Frauen zurückgelassen habe, Wunden, die durch keine medikamentöse Therapie heilbar seien. Dass sich viele Patienten während des Ramadan weigern, Tropfen oder Tabletten einzunehmen, obwohl der Koran vorsieht, bei Krankheit den Ramadan auszusetzen, ist eine weitere Folge religiöser Fehlerziehung.
Angesichts des massenhaften Elends, das sich in den Flüchtlingslagern Afghanistans und in den benachbarten Staaten abspielt, ist Traberts Arbeit in der Wüste ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch der Mediziner ist überzeugt: "Mit Stethoskop und Kreidetafel ist gegen die Wurzeln des Terrorismus mehr auszurichten als mit Gewehrkugeln und Bomben."
Spenden für "Humedica" an: Sparkasse Kaufbeuren, Kontonummer: 4747, Bankleitzahl: 734 500 00